Kastrierter Wein

Ist alkoholfreier Wein eine gute Alternative? Die "Freie Presse" hat es mit dem sächsischen Top-Sommelier Silvio Nitzsche getestet.

Weine verkosten ist harte Arbeit. Nach 26 Proben rebelliert der Magen, die Geschmacksnerven sind gereizt und das Reservoir an blumigen Formulierungen im Kopf aufgebraucht. Nicht auszudenken, wenn es normaler Wein gewesen wäre...

War es aber nicht, sondern alle Flaschen enthielten alkoholfreien Wein. Warum das denn? Diese Frage hätte sich wahrscheinlich vor zehn Jahren zu einer Verkostung von alkoholfreiem Bier genauso gestellt. Doch mittlerweile ist es nicht nur für Autofahrer eine Normalität - und das Null-Prozent-Hefebier bei Sportlern bereits die coolere Alternative. Aber wie sieht das beim Wein aus, dem Genießergetränk, bei dem die Beschreibung der sich entfaltenden Aromen üppigen literarischen Ergüssen gleicht?

Für eine Verkostung hätte sich einfach alkoholfreier Wein im Supermarkt kaufen lassen. Die Flaschen mit der Aufschrift: "Alkoholfreier Wein", "Alcohol free" oder "Sans Alcool" sind dort meist irgendwo in der Bückzone zu finden und kosten ab drei Euro. Für einen professionellen Test sollten es aber Winzerweine sein. Und wer könnte sich damit in Sachsen besser auskennen als Silvio Nitzsche, Betreiber der Weinkulturbar in Dresden. Der Sommelier hat Winzer in ganz Deutschland angeschrieben und 26alkoholfreie Antworten zurückbekommen. Die meisten Flaschen stammten von der Mosel und aus dem Rheingau, darunter auch fünf Sekte beziehungsweise Seccos. In Sachsen spielt die Herstellung alkoholfreier Weinsorten keine Rolle.

Für den Test wurde eine kleine Jury gebildet, zu der neben Silvio Nitzsche seine zwei Mitarbeiterinnen und zwei SZ-Redakteure gehören. Jeder bekommt drei Gläser: zwei für den direkten Vergleich, eins für Wasser zum Neutralisieren, dazu Zettel und Stift.

Plopp, die ersten Flaschen werden geöffnet. Schäumender Sekt ergießt sich in die Gläser - links "Eins zwei Zero" vom Weingut Leitz aus dem Rheingau. Zuerst kosten die Augen. "Eine feine Perlage, das Schaumbild verteilt sich gleichmäßig", sagt der Weinmaestro. Das zeichne einen guten Sekt aus. Die Nase wird mit einer angenehm fruchtigen Note verwöhnt. Allerdings ist das Getränk geschmacklich etwas säuerlich, das muss man mögen. Und ihm fehlt irgendetwas. Der Alkohol, was sonst? Im direkten Duell kommt der Cuvée vom Staatsweingut Freiburg ins Glas, ebenfalls ein weißer Schaumwein. Nitzsche spricht von "nervösen Perlen" wie bei einer Limo, lobt aber den fruchtigen Geruch. Geschmacklich erinnere der Schaumwein allerdings an aufgelöste Gummibärchen. Die Bewertung der Tester liegt zwischen einem und drei möglichen Punkten. Anschließend ein Bissen Brot - und so geht es weiter bis zu den Weiß- und Roséweinen.

Alkoholfreier Wein war zuerst richtiger Wein, dem Alkohol entzogen wurde. Das geschieht heute meist über Vakuumisierung. Dadurch wird die Siedetemperatur des Alkohols, die normalerweise bei 78 Grad Celsius liegt, auf 30 Grad gesenkt. So kann der Alkohol ohne große Aromenverluste entzogen werden, und die förderlichen Inhalte wie Spurenelemente, Phenole und Enzyme bleiben enthalten. Um das durch den Entzug des Alkohols fehlende Geschmacksvolumen auszugleichen, verfügen alkoholfreie Weine oft über mehr Restzucker.

Das gelingt nicht immer. Der weiße Müller-Thurgau vom Weingut Sauer aus Franken schmeckt wässrig, urteilen unisono alle Tester. "Man erkennt hier die Rebsorte überhaupt nicht mehr", bemängelt der Sommelier. Der Wein sei geschmacklich arm, wirke irgendwie leer. Ganz anders der Chardonnay von Michel Schneider von der Mosel. "Der ist stimmig und würde als Wein durchgehen", so Nitzsche.

Das Angebot an alkoholfreien Weinen ist in den vergangenen Jahren gestiegen. "Das liegt einerseits am Trend zur gesundheitsbewussteren Lebensweise und andererseits am technologischen Fortschritt bei der Herstellung", sagt Ernst Büscher vom Deutschen Weininstitut.

Der spannendste Teil steht bevor: Es gilt, die edlen Roten zu verkosten. Das führt bei den meisten Sorten zur Aktivierung von Gesichtsmuskeln, die für das Gegenteil von Zuspruch und Genuss zuständig sind. Der Cabernet-Syrah aus dem Languedoc riecht parfümiert und erinnert beim Kosten an eine Drogerie. "Der Cabernet Sauvignon von der Mosel wiederum kann sich nicht entscheiden, ob er ein Saft oder ein Wein ist", sagt Nitzsche. Die meisten Roten schmecken und riechen irgendwie künstlich. Aber vielleicht sind auch schon die Geschmacksknospen überreizt?

Die Jury fühlt sich schon leicht beschwipst. Alles Einbildung? "In Blindversuchen hat sich gezeigt, dass Trinker von Weinen ohne Alkohol die gleiche Fröhlichkeit zeigten wie die von normalem Wein", sagt der Sommelier. Ein Restalkohol von 0,5 Prozent ist auch in den meisten alkoholfreien Weinen noch enthalten. So steht es zumindest auf den Etiketten. Oft sind dort auch noch eine Nährwerttabelle und eine Zusatzstoff-Liste zu finden. Da ist von Ascorbinsäure die Rede, die für die Konservierung zuständig ist, oder von Schwefeldioxid, das bei der Weinentstehung zum Einsatz kommt. Diese Zusatzstoffe sind übrigens auch im richtigen Wein enthalten, müssen dort aber nicht aufgeführt werden.

Das Fazit: Es kommt auf die Sorte an. Alkoholfreien Sekt, egal ob weiß oder rosé, kann man durchaus anbieten. Die Kohlensäure befördert die Aromen zur Nase, dadurch werden sie stärker wahrgenommen. Weiß- und Roséweine ohne Alkohol kann man mal probieren, die Qualität ist aber von Winzer zu Winzer sehr unterschiedlich. Was durchfällt, das sind Rotweine. Der fehlende Alkohol lässt oft bittere und modrige Geschmacksrichtungen hervortreten. Offenbar kann der Alkohol als Geschmacksträger dort nur schwer ersetzt werden. Angesichts von Preisen zwischen rund vier bis neun Euro pro Flasche dürften viele dann doch lieber zum hochwertigen Traubensaft greifen.

Für die Zukunft geht Silvio Nitzsche allerdings davon aus, dass sich die Qualität von alkoholfreiem Wein verbessern wird. "Wenn ein Winzer einen hochwertigen Most hat, muss er immer entscheiden, ob er daraus richtigen Wein keltert oder noch einen weiteren Schritt für den Entzug des Alkohols macht", sagt er. Heutzutage würden sich die meisten Winzer für Ersteres entscheiden. Nitzsche: "Doch wenn die Nachfrage steigt und der Kunde bereit ist, für die alkoholfreie Alternative mehr Geld zu bezahlen, werden auch die Winzer investieren."

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...