Die Festung bröckelt

Die Oberliga-Handballer der HSG Freiberg sind krachend von der Euphoriewelle gestürzt. Nach zwei Auswärtssiegen gab es daheim eine Klatsche. Das 23:30 (8:13) gegen Plauen-Oberlosa war die vierte Heimniederlage in Folge. Eine Erklärung dafür hatte keiner.

Freiberg.

Feiert der Trainer einer Viertliga-Mannschaft große Erfolge, sind Vergleiche mit Kollegen aus der Bundesliga oder gar eines Nationalteams verpönt. Zu weit hergeholt, heißt es dann. Dieses Mal jedoch soll ein Vergleich zwischen Dagur Sigurdsson, der bis vor einer Woche Trainer der deutschen Handballnationalmannschaft war, und Anel Mahmutefendic, Trainer der Freiberger Oberliga-Handballer, gestattet sein.

Denn genauso, wie Sigurdsson nach dem unerwarteten WM-Aus seines Teams gegen Katar vollkommen ratlos vor den TV-Kameras stand, stellte sich auch Mahmutefendic am Samstagabend sichtlich angeschlagen den Fragen der Fans. Und auch er hatte keine Erklärung für die Leistung seiner Mannschaft, die im wichtigen Spiel gegen den Tabellennachbarn Plauen-Oberlosa mit 23:30 (8:15) regelrecht untergegangen war.

Für die Freiberger, deren heimische Ernst-Grube-Halle in den vergangenen Jahren eigentlich eine fast uneinnehmbare Festung darstellte, war es bereits die fünfte Heimniederlage der Saison, die vierte in Folge. Mit 12:20 Punkten bleiben sie auf dem drittletzten Platz einer sehr engen Oberliga-Tabelle. Und sie verpassten die Chance, einen Sprung nach oben zu machen. Das gelang den Gästen, die plötzlich auf Platz 6 (15:15) der Tabelle zu finden sind.

"Wir wussten, dass dieses Spiel enorm wichtig ist, und wir haben uns auch dementsprechend darauf eingestellt", sagte Anel Mahmutefendic nach dem Spiel. Zur obligatorischen Gesprächsrunde war er dieses Mal nicht allein gekommen. Kapitän Jens Tieken stellte sich den Fragen und fand gleich am Anfang klare Worte: "Wir können uns nur bei den Fans entschuldigen", sagte der 21-Jährige. "Ihr kommt in die Halle, um guten Handball zu sehen und auch mal vom Alltag abzuschalten. Aber wir konnten euch all das heute nicht bieten. Wir haben komplett versagt."

Besonders die verschlafene Anfangsphase sprach Kapitän Jens Tieken als einen Grund an: "Das konnten wir nicht mehr aufholen." Denn die Gäste waren schnell auf fünf Tore weg, ließen die Gastgeber dann auf maximal zwei Tore herankommen - mussten um den Auswärtssieg aber nie wirklich zittern. Während bei den Plauenern vorn auch Würfe aus der zweiten Reihe ihr Ziel fanden und der Torhüter einen Sahnetag erwischt hatte, klappte bei den Freibergern gar nichts. Beide Keeper fanden überhaupt nicht ins Spiel, wurden von der Abwehr aber auch komplett im Stich gelassen. "Wir hatten heute keine Abwehr", erklärte der Freiberger Trainer Anel Mahmutefendic nach dem Oberliga-Spiel.

Auch in der Offensive funktionierte an diesem "Tag zum Vergessen" gar nichts, was nicht nur am starken Keeper der Gäste lag. Etliche Angriffe wurden mit Fehlwürfen oder nicht gespielten Pässen auf den besser postierten Nebenmann abgeschlossen. HSG-Kapitän Jens Tieken blieb so am Ende nur, ein Versprechen abzugeben: "In Aschersleben werden wir anders auftreten", sagte der 21-Jährige.

Statistik HSG Freiberg: Kowalczyk (1.-24. Min. und 45.-60. Min.), Hensel (25.-44. Min.); C. Werner (3), Lange, Lehmann (3), Steinfeld (2/1), Schettler, Neumann (3), Richter (1), Elsässer (3), Cingel, Tieken (2), N. Werner (6); Zeitstrafen: HSG 2 Min., SV 8 Min; Siebenmeter: HSG 3/1, SV 3/3; SR: Hanschke/Tacke (HV Sachsen); Zuschauer: 620.


Kommentar: Hakendran

Man musste beide erst konkret danach fragen, ehe sie auch diese Erklärung nannten: Sowohl Freibergs Handball-Coach Anel Mahmutefendic als auch sein Kapitän Jens Tieken wollten die Grippewelle, die die Mannschaft in der vergangenen Woche erwischt hatte, nicht als Entschuldigung gelten lassen. Dabei war mit sechs kranken Spielern keine richtige Vorbereitung möglich, der zuletzt bärenstarke Peter Deli musste am Samstag ganz passen.

Bei Handball auf diesem hohen Niveau macht sich schon ein Schnupfen stark bemerkbar. Umso bemerkenswerter ist es, dass fast alle Spieler dennoch aufgelaufen sind, dass Spieler der zweiten Mannschaft parat standen, um zu helfen. Und vor allem: Dass die Mannschaft trotz der ganz schwachen Leistung mit etlichen individuellen Fehlern nie auseinandergebrochen ist.

Diskussionen ja, Streit nie. Selbstkritik ja, nach Entschuldigungen suchen nie. Das macht eine Mannschaft aus. Das hat sie in den zwei Auswärtsspielen zuvor so stark gemacht. Das gilt es in den kommenden Wochen zu nutzen. Und was die Klatsche vom Samstag angeht: Haken dran!

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