"Rot und Weiß" immer noch am Ball

Die ehemaligen Fußballer der BSG Traktor Großwaltersdorf treffen sich seit drei Jahren regelmäßig. Vor allem an einen Tag vor 41 Jahren erinnern sie sich immer wieder.

Großwaltersdorf.

Die Fußball-Bundesliga ist natürlich immer ein Thema, aktuell wird auch immer über regionale Ereignisse und zuletzt über die Biathlon-Weltmeisterschaft diskutiert. Und im Sommer werden Erfahrungen bei der Gurkenzucht ausgetauscht. Der Gesprächsstoff geht eigentlich nie aus, wenn sich die ehemaligen Fußballer und Funktionäre der BSG Traktor Großwaltersdorf einmal im Monat im Trakehnerhof gegenüber dem Sportplatz treffen. Im Mai 2017 erlebte die Runde, an der sich meist rund 15 Sportfreunde beteiligen, ihre Premiere, seitdem wird sie regelmäßig durchgeführt. "Es sind nicht nur ehemalige aktive Fußballer, sondern auch Trainer und Schiedsrichter willkommen", erzählt Chefinitiator Helmut Günther.

So zählt Helmut Auerbach zu den Stammgästen. Er war in seiner Laufbahn als Referee und über viele Jahre auch als Sportberichterstatter für die "Freie Presse" tätig und gilt mit seinen 90 Jahre als Alterspräsident der Sportrunde. "Einmal habe ich in einem Spiel in Marbach vier Leute von Einheit Flöha vom Platz gestellt", erinnert sich der ehemalige Unparteiische. Diese und ähnliche Fußball-Anekdoten machen selbstverständlich oft die Runde, wenn in der Gaststätte über das runde Leder philosophiert und so manche alte Geschichte aufgewärmt wird. Einmal habe in Großwaltersdorf während des Fußballs sogar für einige Momente eine Art Ausnahmezustand geherrscht: Die Schiedsrichter hatten an einem Sonntag im Jahr 1958 das Einsatzkommando der Polizei gerufen, weil sie sich vor den Zuschauern nicht mehr sicher fühlten. Denn die Anhänger waren wegen einiger Entscheidungen des Trios extrem erbost und alles andere als friedlich, berichtet Auerbach.

Doch auch sportlich hatte Großwaltersdorf etwas zu bieten. 1963 und 1965 gelang der Aufstieg in die Bezirksklasse, wobei die Großwaltersdorfer aber schnell wieder nach unten mussten und sonst stets im Kreis um Punkte kämpften. "Wir können stolz darauf sein, dass nach 1945 bis heute der Fußballsport im Ort nie zum Erliegen gekommen ist", sagt Helmut Günther. Als ein äußert geschmeidiger Kicker war Günter Markert in den 1950er Jahren bekannt. Der treffsichere Rechtsaußen erzielte so manches Tor, musste dann aber aus beruflichen Gründen aufhören. Der Runde in der Gaststätte gehört er mit 88 Jahren immer noch fit und gut gelaunt an. Werner Altmann erklärt, dass er den 29. April 1979 nie vergessen wird. "Damals spielte ich in der 2.Mannschaft und brach mir ein Bein", sagt der heute 65-Jährige. Dieser Tag besitzt aber nicht nur für ihn große Bedeutung. Denn in der Fußball-Kreisklasse Flöha fand zugleich der letzte Spieltag statt. An der Spitze der Tabelle hatten vor dem Halali Niederwiesa und Eppendorf punktgleich die Chance auf den Titel. Eppendorf lief zu Hause gegen Erdmannsdorf auf und gewann außergewöhnlich hoch mit 9:0. Bester Mann auf dem Platz war dem Spielbericht zu Folge der Eppendorfer Hetzel. Großwaltersdorf trat in Niederwiesa an und verlor nach einem 1:2-Rückstand noch mit 1:12.

"Die völlig entnervten Gäste fanden gegen das quirlige Angriffsspiel keine Einstellung und mussten in regelmäßigen Abständen die Treffer hinnehmen", war damals in der Zeitung zu lesen. Es war eine Pleite mit Folgen. Denn durch die hohe Niederlage der Großwaltersdorfer wurde Niederwiesa durch das um einen Treffer bessere Torverhältnis Meister vor Eppendorf. "Bei uns lief wirklich nichts zusammen", versucht Gerd Gollub, der damalige Trainer der Großwaltersdorfer, während des jüngsten Treffens im Trakehnerhof zu erklären. Während seiner Ausführungen schauen einige der damaligen Kicker der BSG Traktor verschmitzt in ihr Bierglas und vermitteln dabei den Eindruck, unter dieser "Packung" nicht gerade extrem gelitten zu haben. Und Ernst Wittig, der in diesem denkwürdigen Spiel die Niederwiesaer Elf trainierte, braucht ebenfalls keine Gedankenstütze, um sich daran zu erinnern. "Es war in den 90 Minuten schon sehr leicht für uns, zu Torerfolgen zu kommen", sagt der langjährige Coach und betont, dass der Spieltag sicherlich nicht in das Fair-Play-Buch aufgenommen wurde.

Auch wenn heute Großwaltersdorf und Eppendorf in einem Verein gemeinsam erfolgreich Fußball spielen - einst waren die beiden Orte erbitterte sportliche Rivalen. Doch der Staub, der damals aufgewirbelt wurde, hat sich längst gelegt. Und wenn die Mitglieder der Fußballrunde dann ihre Textmappen hervorkramen und die Vereinshymne "Rot und Weiß" schmettern, dürfte jedem klar sein, dass diese Sportkameraden auf dem Rasen nie vom richtigen Weg abgekommen sind.


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