Ringer holen sich Kraftraum nach Hause

Schwitzen im heimischen Wohnzimmer statt bei Deutschen Meisterschaften oder Nationalmannschafts-Trainingslagern heißt es für die vogtländischen Vorzeigeathleten. Die zusätzliche freie Zeit kommt zumindest dem Pausaer Nils Buschner nicht ungelegen.

Markneukirchen/Pausa.

Die Monate März, April und Mai zählen für die Ringer normalerweise zu den wichtigsten des Jahres. In diesen Monaten werden die Deutschen Meisterschaften ausgetragen und damit die Weichen im Hinblick auf die großen internationalen Höhepunkte - Olympische Spiele, Welt- und Europameisterschaften oder Grand Prix - gestellt. Kommendes Wochenende sollten zum Beispiel die Deutschen Meister der A-Jugendlichen ermittelt werden. Aber normal ist zurzeit eben nichts. "Die Einstellung des Sportbetriebs trifft uns alle hart, unsere Athleten, die Vereine und Funktionäre. Die Coronakrise macht einem bewusst, dass der Sport nur eine Nebensache ist und ganz andere Dinge Priorität genießen", sagt zum Beispiel Ulrich Leithold, der Vorsitzende des KSV Pausa.

In anderen Jahren würde er um diese Zeit mitten in den Vorbereitungen auf die neue Regionalligasaison stehen, die am 5. September beginnen sollte. Stattdessen beschäftigt sich Ulrich Leithold mit der Stornierung von Übernachtungsplätzen oder Bussen, da seine Sportler in diesen Tagen nahezu an jedem Wochenende auf Achse gewesen wären. "Wir versuchen eben, so gut es geht, den Kontakt zu unseren Sportlern zu halten, die sich jetzt daheim fit halten müssen. Unsere Trainer helfen ihnen dabei vorwiegend über digitale Medien. Zum Glück steht unsere Regionalligamannschaft für die neue Saison weitgehend. Nun müssen wir abwarten, was die Verbände beschließen. Diese Ungewissheit zehrt schon an den Nerven."

Die vogtländischen Spitzenringer zeigen großes Verständnis dafür, dass bei ihnen jetzt erst einmal gar nichts geht. "Ringen ist eben ein Kontaktsport, die Ansteckungsgefahr ist daher besonders groß", sagt Franz Richter, das Schwergewichts-Ass des AV Germania Markneukirchen, der sein Training in den Kraftraum verlegt hat. Der Sportsoldat war vor wenigen Tagen auf dem Weg nach Heidelberg, als ihn Bundestrainer Michael Carl zurückpfiff. Der dortige Olympiastützpunkt, in dem auch die Bundeswehr-Sportfördergruppe trainiert, schloss wie viele andere Trainingsorte ebenfalls die Pforten. "Die Sporthallen in Heidelberg, am Bundesstützpunkt in Frankfurt an der Oder, aber auch die Ringerhalle in Markneukirchen sind geschlossen, Mattentraining ist regelrecht untersagt", schildert Richter. Deswegen trainierte der Schwergewichtler gemeinsam mit Freundin Jule Hake, ebenfalls eine Leistungssportlerin und in den vergangenen beiden Jahren U-23-Weltmeisterin im Kanu-Einer, in einem abgeschotteten Kraftraum. Zudem hat er sich Kraftgeräte ins Elternhaus nach Leipzig bestellt, wo er mit seinem Bruder Niklas (17), der sich ebenfalls dem Ringkampf verschrieben hat, und seiner Schwester Lina Marie (15), die Handball spielt, im Wohnzimmer trainieren will, bis sich die Lage wieder entspannt.

Unterdessen ist klar, dass Franz Richter, der kürzlich 22. Geburtstag feierte, in der kommenden Saison dem in die Bundesliga aufgestiegenen Team des AV Germania Markneukirchen angehören wird. Einen entsprechenden Vertrag hat er vor wenigen Tagen unterzeichnet. Nach den bisherigen Planungen soll die Bundesligasaison am 19. September mit einem Heimkampf gegen den ASV Schorndorf beginnen.

"Zwar hat uns Landestrainer Andreas Bering Trainingspläne geschickt, doch wir müssen sehen, wie wir das zu Hause umsetzen", sagt Maximilian Schwabe, das sportliche Aushängeschild des KSV Pausa. Als Polizist der Sportfördergruppe Sachsen hat der Syrauer eigentlich gute Bedingungen für seine leistungssportliche Laufbahn, doch auch für ihn ist das Leistungszentrum in Leipzig derzeit verschlossen.

Schwabe hatte den Blick auf den Grand Prix von Deutschland gerichtet, der am 20. und 21. Juni in Dortmund ausgetragen werden soll, aber wie viele andere Wettkämpfe auf der Kippe steht. 2016 hatte Maximilian Schwabe diesen Wettkampf gewonnen und sich damit im Notizbuch von Bundestrainer Michael Carl verewigt, was bis zum Start bei der Europameisterschaften 2018 im russischen Kaspijsk führte. Im gleichen Jahr gewann Schwabe die Thor Masters in Dänemark und die EM der Sportpolizisten.

Bei eben diesen Thor Masters erhielt sein Pausaer Vereinskollege Nils Buschner Anfang Januar eine internationale Einsatzchance. Auf weitere solche Gelegenheiten muss der Abiturient des Sportgymnasiums Leipzig jetzt erst einmal verzichten. Er hätte in diesen Tagen an einem Turnier mit anschließenden internationalen Trainingscamp im georgischen Batumi teilnehmen können, doch auch das fiel dem Coronavirus zum Opfer. Nachdem beim Sportgymnasium der Unterricht nur noch online stattfindet und das Internat alle Sportschüler nach Hause schickte, lernt und trainiert Nils Buschner im Elternhaus in Unterpirk. "Mir fallen neben Lauf und Athletik schon ein paar Kraftübungen ein", sagt Buschner, der sich auf dem heimatlichen Grundstück nicht nur auf Klimmzüge beschränken muss. Gleichzeitig hat er plötzlich genügend Zeit, sich auf die Abiturprüfungen vorzubereiten.

Auch der Markneukirchener Justin Müller hat sich in seine Wohnung in Leipzig zurückgezogen. Der Polizist der sächsischen Sportfördergruppe holte sich ebenfalls Sportgeräte nach Hause. "Derzeit ruht die Ausbildung bei der Polizei, so halte ich mich in den eigenen vier Wänden fit - wie es eben geht", berichtet Müller, der wie Franz Richter neben den Deutschen Meisterschaften auch die U-23-Europameisterschaft im Blick hat.


Partnerschaft muss warten

Auf Eis gelegt sind derzeit die regelmäßigen Fahrten der Alten Athleten des KSV Pausa in die tschechische Partnerstadt Brezova. So fallen die schon vereinbarten Bowlingwettkämpfe ins Wasser. Horst Steinert, der die Vereinschronik führt und von dem viele Ideen und Aktionen ausgehen, bleibt aber zuversichtlich: "Es gibt viele Einschränkungen, wir müssen uns alle diszipliniert verhalten. Alles wird nachgeholt, wir sehen uns gesund und munter wieder."

Den Bowlingwettkämpfen hatten sich zuletzt auch Vertreter aus weiteren Pausaer Vereinen angeschlossen. Selbst vier Frauen vom Kegelverein Pausa waren am Start. Horst Steinert führt eine Bestenliste aus den beiden Turnieren, die im Juni und November 2019 in Brezova ausgespielt wurden und an denen sich 20 Bürgerinnen und Bürger der Stadt Pausa-Mühltroff beteiligten.

Angeführt wird sie von CDU-Stadtrat Stephan Pissors. Der zeigte sich von den Begegnungen mit den Tschechen begeistert: "Obwohl ich selbst viel dienstlich unterwegs bin, war ich beide Male dabei, und es hat sich gelohnt, es war eine hervorragende Stimmung. Danke an Horst Steinert, der die Städtepartnerschaft mit diesen Aktionen belebt!" "Leider ist es derzeit eine angespannte Situation, aber ich denke wir werden uns dieses Jahr bestimmt noch beim Bowling in Brezova sehen", so die aufmunternden Worte von Karl-Heinz Scheffler, dem Vorsitzenden der Alten Pausaer Athleten. (rjö)


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