Fünfzig Jahre in 100 Augenblicken

Wie sich die Welt in fünfzig Jahren verändert hat, zeigen die Pressefotos von Wolfgang Thieme. Er selbst ist im Ruhestand. Anekdoten über ihn werden immer noch erzählt.

Chemnitz.

Geübte Zeitungsleser haben Fotos von Wolfgang Thieme, heute 74, seinerzeit unter Dutzenden Fotos heraus erkannt, ohne nach dem Namen zu suchen. Das lag an seiner klaren Bildsprache, der wiederkehrenden Ästhetik, der technischen Brillanz. Unter Berufskollegen war Thieme auch für flotte Sprüche und unkonventionelle Aktionen bekannt.

So ließ er zu DDR-Zeiten für das Bild einer Erntekolonne eigens eine Feuerwehr mit Drehleiter auffahren, um sich eine Position hoch über dem Feld und den Mähdreschern zu verschaffen. Wie er zu der Drehleiter kam? 50 Mark auf die Hand - eine Spekulation: die Anleihe auf das Preisgeld, das Thieme für seine Aufnahme in einem Fotowettbewerb am Ende auch tatsächlich gewann.

"So schnodderig, wie er redet, ist er keineswegs, vor allem nicht in seiner Arbeit", sagt Klaus Tanneberger, 81-jähriges Fotografen-Urgestein aus Plauen, über Wolfgang Thieme. Das Gefühl für den "fruchtbaren Augenblick" und ein unbestechliches Qualitätsgefühl hätten ihn ausgezeichnet. Tanneberger kam extra aus dem Vogtland ins Chemnitzer Schlossbergmuseum, das derzeit eine Auswahl an Thieme-Fotos zeigt.

Gut 40 Jahre, seit 1967, arbeitete Wolfgang Thieme für die Agentur Zentralbild, die alle Presseerzeugnisse der DDR mit Bildern belieferte. Die Annahme ist nicht übertrieben, dass jeder DDR-Zeitungs- und Zeitschriftenleser in seinem Leben mehr als ein Thieme-Bild gesehen hat. Nachrichten- und Sportfotos erschienen in der "Freien Presse", Porträt- und Reportagefotos in Publikumsmagazinen wie der NBI ("Neue Berliner Illustrierte"), Aktfotos und Objektstudien in Fachzeitschriften wie der "Fotografie". Thieme nahm Saddam Hussein und Indira Gandhi auf. Das Bild von Katharina Witt als Olympia-Gewinnerin im Eiskunstlauf (Calgary 1988) war auf den Titelseiten aller DDR-Zeitungen abgedruckt.

"Fotografie war eigentlich nie mein Hobby", sagt Wolfgang Thieme, "Fotografie war mein Beruf. Auch wenn es viele Momente gab, in denen der Beruf zum Hobby wurde." Geboren 1941 und in Limbach aufgewachsen, kam er stilecht per Zeitungsannonce zu einer Ausbildung bei der "Freien Presse". Als Reprofotograf und Chemigraf hatte er mit Pressefotos anfangs nur insoweit zu tun, als er sie zum Druck vorbereitete. Vom Lehrgeld kaufte er die erste Kamera: eine Weltaflex 6x6, sächsisches Fabrikat. Es folgten die ersten Gehversuche, Genrebilder, "alles ziemlich unbedarft", sagt Thieme, und doch: Als er seine Fotos ein paar Wochenblättern anbot, griffen sie zu. Zu Hause klebte Thiemes Mutter seine ersten Bilder stolz in Hefte ein. Auch in der Zeitungsredaktion blieb Thiemes fotografisches Geschick nicht lange unbemerkt. Nach drei Jahren in der Technik schaffte er den Sprung zum Bildreporter bei der "Freien Presse".

Seine Lehrmeister: die "alten Hasen" aus der Redaktion. "Man hat damals viel über Bilder gesprochen, so entwickelten wir uns weiter." Die Versetzung auf einen wichtigen, aber staubtrockenen Schreibtischposten beförderte Thiemes Wechsel zur Agentur Zentralbild, die in Karl-Marx-Stadt zwei Fotografen beschäftigte. Agil und notorisch neugierig fotografierte er sich kreuz und quer durch die Heimatregion, von der er sagt, dass sie damals wohl keinen Betrieb aufgewiesen hat, den er nicht besucht und fotografiert hätte. Um sich weiterzubilden, studierte er Journalistik und später, an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, auch Fotografie. Horizonterweiterung. Als einer der ersten Pressefotografen in der DDR experimentierte er mit Farbfotografie, was ihm landesweit Beachtung eintrug. "Ich wurde zu immer größeren Anlässen geschickt, ab 1970 auch ins Ausland." Seine Reise nach China 1984 mit dem Bruder des Schauspielers Dieter Mann, dem Asienkorrespondenten Otto Mann, betrachtet er als Höhepunkt seiner beruflichen Laufbahn. "Diese Auslandsreisen waren natürlich ein Privileg, oft aber eine unglaubliche Plackerei." Auch unterwegs blieb Thieme zuerst Profi. Klaus Tanneberger erzählt: "In Calgary hat er seine paar Dollars nicht in Mitbringsel investiert, sondern ein Flugzeug gemietet, um den Lesern in der DDR die Olympiastätten aus der Luft präsentieren zu können. Das hat kein anderer gemacht."

Hunderte Bilder aus Thiemes DDR-Jahren, die inzwischen im Bundesarchiv lagern, bereichern heute das Internet-Lexikon Wikipedia. Darunter sind offizielle Bilder von DDR-Politikern, Sportszenen, Porträts, dokumentarische Aufnahmen, bis hin zu den Wendedemonstrationen in Plauen. "Damals war ich extra auf den Rathausturm geklettert, um einen Überblick zu bekommen. Als ich dann von oben fotografierte, riefen 3000 Leute: Stasi weg vom Fenster!" Typisch Thieme: Er rannte zum Eingang hinunter und stellte einige der Rufer zur Rede. "Ich mache hier meine Arbeit und dokumentiere eure Demonstration!" Nach der Wende und einem kurzen Intermezzo bei einer Boulevardzeitung kehrte Thieme zu Zentralbild zurück, das inzwischen von der Deutschen Presse Agentur (dpa) übernommen worden war.

Seine aktive Laufbahn beendete er 2006. Viele Bilder der Ausstellung im Schlossbergmuseum stammen aus den jüngsten 25 Jahren, in denen Thieme mit seiner Frau ausgedehnte Reisen unternahm und dabei Land und Leute in Szene setzte. "Mit Menschen bin ich immer klargekommen, egal wo", sagt er. Ein Resümee seiner Laufbahn? "Ich habe mich weniger als Spezialisten gesehen denn als Zehnkämpfer, fit in jeder Disziplin. Ich will es mal so ausdrücken: Günter Rössler war in der DDR-Aktfotografie ein absolutes Ass, aber auf dem Fußballplatz wäre er wahrscheinlich untergegangen."

Besondere Momente - eine Retrospektive. 50 Jahre Fotoreporter Wolfgang Thieme. Sonderausstellung im Schlossbergmuseum Chemnitz, bis 15. November 2015.

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