Der Mann fürs gute Klima

Der renommierte deutsche Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber erhält in diesem Jahr den Chemnitzer Carlowitz-Preis für Nachhaltigkeit. Seit mehr als zwei Jahrzehnten setzt er sich mit Forschung und Politik auseinander. Es ist für ihn stets ein Wechselbad der Gefühle. Ein Porträt.

Potsdam.

Nicht weit vom berühmten, 95 Jahre alten Einsteinturm sitzt Hans Joachim Schellnhuber entspannt in seinem Büro im historischen Michelson-Haus auf dem Telegrafenberg in Potsdam. Der von Erich Mendelsohn erbaute Turm wird noch heute als Sonnen-Observatorium genutzt. Und mit der Sonne hat Schellnhuber als Klimaforscher auch irgendwie immer zu tun. Der Gründungsdirektor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) hat das Institut in den 1990er-Jahren mit aufgebaut und allen Widerständen getrotzt. Das mittlerweile weltweite Renommee des PIK ist vor allem sein Verdienst.

In seinem Büro mit gediegener Doppeltür und liebevoll restaurierten hohen Stuckdecken diskutierten Anfang des 20. Jahrhunderts schon Albert Einstein und Karl Schwarzschild, Wegbereiter der modernen Astrophysik. Kann Schellnhuber auch mit dem Namen des Rabensteiner Oberberghauptmanns Hans Carl von Carlowitz etwas anfangen? "Ja, sicher. Der Name fällt häufig, wenn es um Nachhaltigkeit geht", sagt er in einem weichen Tonfall, der seine niederbayerische Heimat verrät. Am 23. November wird er in Chemnitz den Carlowitz-Preis für Nachhaltigkeit erhalten - zusammen mit dem Ex-Energieminister, Buchautor und Ökonomieprofessor aus Ecuador, Alberto Acosta.

So wie der idyllisch gelegene Wissenschaftspark in Potsdam den Geist deutscher Forschungspioniere atmet, so hat auch Schellnhuber schon Geschichte in der Klimaforschung geschrieben. Bereits 1993 brachte er etwa das 2-Grad-Ziel als Leitplanke für eine vom Menschen noch irgendwie beherrschbare Erderwärmung ins Gespräch. Heute ist es die maßgebliche Referenzgröße für die Klimadebatte und "Herz" des Pariser Klimavertrages von 2015.

Der mit Preisen überhäufte Schellnhuber ist von Hause aus theoretischer Physiker aus Leidenschaft. "Manchmal habe ich Ideen ganz intuitiv. Die 2-Grad-Grenze damals war anfangs auch eine Intuition, die sich dann wissenschaftlich mehr und mehr untermauern ließ. Ein Physiker braucht eine gehörige Portion Phantasie, um zu erahnen, wo die Lösungen liegen könnten." Mit seiner Energie kann er andere, gerade junge Menschen faszinieren, wie die Energieökonomin Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung nur bestätigen kann. Schellnhuber war 1991 Leiter des Instituts für Chemie und Biologie des Meeres in Oldenburg, als sie als Studentin dorthin wechselte. Für Kemfert ist er "einer der herausragendsten Physiker unserer Zeit".

Schellnhuber gilt auch als politisch einflussreich. Angesichts der Nachrichtenlage zur aktuellen Weltklimakonferenz in Bonn huscht aber auch ein Schatten über sein Gesicht. Die USA wollen raus aus dem Pariser Vertrag, weltweit steigt der Ausstoß klimaschädlicher Treibhausgase und auch Deutschland, einst Vorreiter beim Klimaschutz, wird sein für 2020 gestecktes Ziel zur CO-Minderung krachend verfehlen. Gründe genug, um beim deutschen "Klimapapst" Sorgen aufkommen zu lassen. "Sicher, die Entwicklung ist schwierig. Politiker agieren zu kurzfristig - von Wahl zu Wahl. Da wären wir wieder beim Thema Nachhaltigkeit eines Carl von Carlowitz, allerdings ins Gegenteil verkehrt. Wer heute niemandem wehtun will - wie mitunter die aktuelle Politik -, der tut morgen allen weh. Den Leuten in den Braunkohlerevieren in NRW, Brandenburg oder Sachsen kann nicht beständig versprochen werden, dass alles so bleiben wird, wie es ist - für diese Menschen müssen Alternativen entwickelt werden. Die Kohle hat schon verloren, so viel ist sicher. Es ist verantwortungslos, den Menschen jeden Gefallen für den Augenblick zu tun und dabei die Zukunft auszublenden. Das ist krasses Politikversagen."

Ein hartes Urteil, das eigentlich dazu drängt, selber in die Politik zu gehen. Doch Schellnhuber hat das für sich ausgeschlossen. "Ich habe es mir nie ernsthaft überlegt. Der Hauptgrund ist der, dass ich einfach zu gerne Wissenschaft mache. Es gab für mich nie eine Alternative."

Der 67-Jährige, der im Herbst nächsten Jahres zwar nicht die Wissenschaft auf-, aber zumindest die Leitung des PIK abgeben wird, denkt in langen Zeiträumen. "Das Problem beim Klimawandel ist, dass uns die Zeit wegläuft." Das langfristige Hoffen ist leichter, für ihn jedoch auch so etwas wie eine mentale Flucht aus der "Diktatur des Jetzt", aus den Niederungen der Klimadebatte, die nur im Schneckentempo voranschreitet, wie er in seinem 2015 veröffentlichten Buch "Selbstverbrennung" schrieb.

Die Frage nach dem Beweis für den menschengemachten Klimawandel kennt er zur Genüge. "Der ultimative Beweis wäre der, dass man ein spezielles Ereignis ganz bestimmten Emissionen irgendwo auf der Welt zuordnen könnte. Das aber ist nicht möglich, das Klimasystem ist zu komplex. Die Wissenschaft kann aber statistische Belege liefern. Statistisch lässt sich zum Beispiel beweisen, dass die Wahrscheinlichkeit von Hitzeextremen, die zu Waldbränden wie jüngst in Portugal beigetragen haben, durch den Klimawandel verzehnfacht wird. Dazu muss man Statistiken verstehen. Nur glauben manche Menschen nicht, was sie nicht glauben wollen. Sie wollen nicht, dass sich die gewohnte Welt verändert."

Zum Weltklimagipfel ist er erst in der zweiten Woche angereist. "Bonn ist eine Übergangskonferenz, bei der über das Regelwerk für die Umsetzung des Pariser Klimavertrages geredet wird. Interessant ist der Vorsitz, den die Fidschi-Inseln innehaben. Sie sind - überspitzt formuliert - durch den Meeresspiegel im wahrsten Sinne des Wortes dem Untergang geweiht und verhandeln um ihr Überleben. Diese Symbolik ist grausam. Auch deshalb wird die moralische Verantwortung in Bonn im Mittelpunkt stehen."

Christoph Bals von der Klimaschutzorganisation Germanwatch kennt Schellnhuber schon lange. "Viele internationale Klimadebatten hat er maßgeblich gestaltet. Und er hatte immer das Rückgrat, auch deutlich zu sagen, was die wissenschaftlichen Erkenntnisse für die politische Umsetzung bedeuten."

Ist das Rückgrat nicht doch schon ein wenig verbogen, im jahrzehntelangen Kampf für den Klimaschutz? Gegen die Unwissenden, gegen die Klimaskeptiker, gegen all die "Händler des Zweifels", wie Schellnhuber diese Kritiker gern nennt. "Das Rückgrat ist gerade geblieben, aber ich habe mir auch schon mal ein paar Rippen gebrochen, um bei diesem Bild zu bleiben." 2007, nach der gescheiterten Klimakonferenz in Kopenhagen, war so ein Tiefpunkt, aber auch 2009, als die wissenschaftliche Glaubwürdigkeit des Weltklimarates (IPCC) in Verruf geriet. Der Skandal ging als "Climate Gate" in die Annalen ein. Hacker hatten interne Dokumente von Klimaforschern geklaut. Von Schwindeleien war die Rede. "Bis auf einen einzigen Zahlendreher zum Abschmelzen der Himalaya-Gletscher in einer Zusammenfassung des Berichts, der dem ansonsten sorgfältig arbeitenden Weltklimarat durch die Maschen gerutscht war, war nichts dran, und das Soufflé aus Schmutz, Hass und Lügen fiel binnen Jahresfrist zusammen", sagt Schellnhuber. Das hat Spuren hinterlassen. "In diesen Tagen begriff ich, wie dünn die Eisschicht öffentlicher Wertschätzung ist, auf der sich die Wissenschaft bewegt. Und wie schnell Wissenschaft in der Wahrnehmung vom Helden zum Schurken werden kann."

Rückgrat braucht er für seine Arbeit aber weiterhin. Mit der AfD wurde eine Partei in den Bundestag gewählt, die den anthropogenen, also den durch den Menschen verursachten, Klimawandel leugnet. Jede Menge "Klimaskeptiker" tummeln sich im Internet und auf pseudowissenschaftlichen Bühnen. Für sie alle ist er Projektionsfläche ihres Hasses oder schlicht ein rotes Tuch.

So wie für den früheren RWE-Manager und Buchautor Fritz Vahrenholt. Der nennt Schellnhuber "einen politischen Aktivisten". Und er legt noch einen drauf: "Unter anderem seinem Einfluss als Berater der Bundeskanzlerin haben wir eine verheerende Energiepolitik in Deutschland zu ertragen, die Wohlstand, soziale Stabilität und die Natur unseres Landes zerstört, ohne auch nur einen relevanten Beitrag zur CO-Minderung zu bewirken."

Harter Tobak, aber diese Art von Debatte um den Klimawandel wird selten wissenschaftlich geführt - wo handfeste Interessen bedroht sind, wird Kritik schon einmal schrill. Das weiß auch Schellnhuber. Die Skepsis gegenüber den Erkenntnissen der Wissenschaft allgemein ist größer geworden. "Wenn jemand sagt, die Forschung will nur die Fördergelder, dann schließt er von sich auf andere. Alarmismus, ein unverwüstlicher Vorwurf an uns Klimaforscher, war einst ein Kampfbegriff der Tabakindustrie. Es gibt Lobbyisten, die versuchen, die Wissenschaft bewusst zu diffamieren. Immer aus demselben Grund: Sie wollen selbst das große Geld verdienen." Aber er sieht eine noch gravierendere Ursache für die Skepsis: "Der ganze Luxus heute ist das Ergebnis der naturwissenschaftlichen Forschung vergangener Jahrzehnte." Für ihn besteht die Schizophrenie der Gesellschaft darin, dass "sie Wissenschaft nur akzeptiert, wenn sie eine weitere Bequemlichkeit bietet. Aber wenn sie etwas Unangenehmes sagt, leugnen viele die Ergebnisse."

Wie geht er mit Anfeindungen oder Enttäuschungen um? So, wie beim Auftritt Mitte Oktober im TV-Talk "Maischberger". In der Sendung ging es nach dem Sturm "Xavier" um Klimapolitik. Schellnhuber, extra von der 25-Jahr-Feier des PIK nach Köln geeilt, wollte über Problemlösungen reden, über das Ende des Verbrennungsmotors oder den Kohleausstieg. Stattdessen ging es um die Frage, ob es den Klimawandel überhaupt gibt. Ausgangspunkt war Alex Reichmuth, Klimaskeptiker und Wissenschaftsredakteur der Schweizer "Weltwoche". Schellnhuber: "Es war unsäglich. Statt Lösungen zu diskutieren, wurde ich in die Steinzeit der Klimadebatte hineingezogen." Es sei ihm vorgekommen, als ob er gleich darüber diskutieren müsse, ob die Erde doch eine Scheibe sei, merkt er sarkastisch an.

Nach der Sendung ging er erst einmal ausgiebig am Rhein spazieren, um sich zu beruhigen. Seine Frau mag er in solchen Momenten nicht anrufen. "Sie regt sich dann noch mehr auf als ich", sagt er mit einem verständnisvollen Lächeln. Verheiratet ist er mit Margret Boysen, die als Künstlerische Leiterin für das PIK arbeitet. "Meistens aber reicht es, darüber eine Nacht zu schlafen. Ich habe wohl eine Langstreckenläufermentalität: Vielleicht muss man sich zwischendurch mal übergeben, aber dann läuft man weiter." Nein, Donald Trump liegt ihm nicht im Magen. Er wird oft danach gefragt. Vor zehn Jahren wäre ein solcher US-Präsident seiner Ansicht nach eine Weltkatastrophe gewesen, heute sei er nur noch ein Ärgernis. "Trump ist zwar ein gefährlicher Hanswurst, aber er kann heute den weltweiten Klimazug nicht mehr aufhalten. Es ist eher die Frage, ob dieser schnell genug fährt. China stößt in die Lücke hinein, auch Indien. Eigentlich ein Witz, dass sich das reichste Land der Erde verweigert."

Schellnhuber lebt seit Jahren in einem Wechselbad der Gefühle. In die weltweite Anerkennung als Klimaforscher und Physiker mischen sich immer wieder auch Hass-Mails seiner Gegner. "Verzweiflung" müsste sein persönliches Fazit lauten, wenn er seine Einsichten über den Klimawandel und die Aussichten auf den Klimaschutz nach mehr als 25 Jahren zusammenfassen würde. Weit gefehlt. "Ich fühle mich im Rückblick gestärkt, ein Trump wirft mich nicht mehr um. Und die Jamaika-Gespräche in Berlin, wie immer sie auch ausgehen, auch nicht. Man muss sich als Wissenschaftler immer selbst vergewissern, ob man das Richtige tut. Ich bin im Großen und Ganzen mit mir im Reinen."

An die Tür seines Büros hat er ein Zitat seines Vorbildes Einstein gepinnt, wonach die Welt nicht von den Menschen bedroht ist, die böse sind, sondern von denen, die das Böse zulassen. "Das stimmt damals wie heute", sagt er. "Wir sind dabei, den Planeten vor die Wand zu fahren, daher muss ich weiterkämpfen. Da kann man die Auseinandersetzung mit den Händlern des Zweifels nicht scheuen." Sein neunjähriger Sohn soll eine lebenswerte Welt vorfinden. Das ist ein Teil seiner Mission als Klimaforscher und Mahner, für die er in Chemnitz nun den Carlowitz-Preis bekommen wird.

Potsdam und Chemnitz verbindet auf den ersten Blick nicht allzu viel, aber eines dann doch: Architekt Erich Mendelsohn baute im 20. Jahrhundert nicht nur den beeindruckenden Einsteinturm, sondern auch das Schocken-Kaufhaus am heutigen Stefan-Heym-Platz in Chemnitz, das jetzt das Staatliche Museum für Archäologie beherbergt. Die Welt ist klein. Keiner weiß das besser als Schellnhuber.

Die 5. Sächsischen Nachhaltigkeitskonferenz mit der Verleihung der H.-C.-v.-Carlowitz--Nachhaltigkeitspreise findet am Donnerstag, dem 23. November (9.30 - 14.00 Uhr), im Opernhaus Chemnitz statt. Die Teilnahme ist kostenfrei. Um Anmeldung wird bis zum 17. November gebeten. Veranstalter ist die Sächsische Carlowitz-Gesellschaft. H ans Carl von Carlowitz (1645 bis 1714) schrieb mit der "Sylvicultura oeconomica, oder haußwirthliche Nachricht und Naturmäßige Anweisung zur wilden Baum-Zucht" 1713 das erste Werk über Forstwirtschaft und gilt als wesentlicher Schöpfer des Nachhaltigkeitsbegriffs. www.carlowitz-gesellschaft.de

Hans Joachim Schellnhuber

Der am 7. Juni 1950 in Ortenburg (Landkreis Passau) geborene Physiker gründete 1992 das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und leitet es seitdem als Direktor. Er ist Professor für Theoretische Physik an der Universität Potsdam und Research Fellow in Stockholm. Von 2001 bis 2005 war er noch Forschungsdirektor des Tyndall Centre for Climate Change Research in Großbritannien und dann Gastprofessor für Physik in Oxford. Er ist Mitglied zahlreicher Akademien und Gremien zu Forschungsstrategien und Nachhaltigkeitsfragen. 2007 war er wissenschaftlicher Chefberater der Bundesregierung in Fragen der internationalen Klimapolitik. (slo)

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...