Der ehemalige VW-Vorstandsvorsitzender Carl Hahn über den DKW-Hahn, Audi, VW und o.b.

Carl Hahn hat die Automobilbranche geprägt. In Chemnitz wurde nun ein Buch vorgestellt, das die Geschichte seiner Familie erzählt - sie ist einzigartig und überraschend.

Chemnitz.

Zwar wissen viele Frauen, wofür das o.b. bei entsprechenden Tampons steht. Und manche Frauen fahren Audi. Einige rauchen dabei Zigarette. Aber wie die Tampons mit dem Audi und den Zigaretten unmittelbar zusammenhängen - das ist ein Rätsel. Carl Horst Hahn hat es am Freitag aufgelöst.

"DKW-Hahn: Ein Manager und Unternehmer der deutschen Kraftfahrtzeugindustrie" heißt der Titel, den der ehemalige Vorstandsvorsitzende der Volkswagen AG am Freitag vorgestellt hat. Vor ausgewählten Gästen und im Beisein der Chemnitzer Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig (SPD) las Carl Horst Hahn zum Leben seines Vaters, Carl Hahn senior. Der Vortrag - ein Blick in die Geschichte. Hahn skizzierte, wie die Region um Zschopau, Chemnitz und Zwickau in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts zum führenden Standort der Automobilindustrie wurde. Er zeigte, welchen Anteil Männer wie der DKW-Gründer Jörgen Skafte Rasmussen, Hahns Vater und die anderen Vorstände der Auto Union Chemnitz, Richard Bruhn und William Werner, hatten.

Dass die Präsentation des Buches im Rathaus von Chemnitz stattfand, ist nicht nur mit der Tatsache zu erklären, dass Carl Hahn junior Ehrenbürger der Stadt ist. Sondern man kann das - in Tagen, in denen negative Nachrichten über VW überwiegen - auch als Statement der Stadt werten. Chemnitz und Westsachsen verdanken den Unternehmen DKW, Audi, Horch und Wanderer, die vom 29. Juni 1932 rückwirkend zum 1. November 1931 zur Auto Union fusionierten, einen großen Teil ihrer wirtschaftlichen Bedeutung. Eine Bedeutung, die auf Männer wie die Hahns - und nun sind Vater und Sohn gemeint - zurückgeht.

Den Dank dafür sprach im Namen der Chemnitzer Bürger Barbara Ludwig aus. Als Vorstandsvorsitzender von VW habe sich Carl Horst Hahn vor 25 Jahren für den Neuanfang an den Produktionsstätten in seiner Heimat eingesetzt. Durch seine Entscheidung sei VW zum größten Investor in Ostdeutschland geworden. "Durch sein Engagement sind Tausende Arbeitsplätze in der Region entstanden. Somit ist die Geschichte der Hahns Teil unserer Geschichte."

Hahn junior - übrigens Jahrgang 1926 - hat sein Buch seinen Eltern gewidmet, denen er gemeinsam mit seinen drei Geschwistern ein Denkmal setzen wollte. Episodenreich schildert er die Kindheit und Jugend seines Vaters, der von 1894 bis 1961 lebte. Die Familie stammt aus Südböhmen und der Vater hatte an der Hochschule für Bodenkultur in Wien Landwirtschaft studiert. Hahn zeigt, wie es auf Vermittlung eines Jagdfreundes zum Eintritt seines Vaters in die DKW-Werke von Jörgen Skafte Rasmussen in Zschopau kam. Man kann lesen, dass die Fusion zur Auto Union Chemnitz und damit die Rettung der von der Weltwirtschaftskrise bedrohten Automobilunternehmen eine bewusste wirtschaftspolitische Entscheidung im damals sozialdemokratisch regierten Sachsen war. Zahlen belegen den rasanten Aufstieg in den 1930er-Jahren: Bis 1938 trug jeder vierte neu zugelassene Pkw in Deutschland die vier Ringe auf dem Kühler, jeder fünfte kam aus Zwickau und jedes dritte Motorrad war eine DKW. Nach dem Krieg: Flucht in den Westen mit der Hoffnung auf Rückkehr, die Hahn senior aber nicht mehr erleben sollte.

Zwar schreibt Carl Hahn junior im Vorwort, das Buch nicht nur seinen Eltern, sondern "auch dem industriellen Wirken" seines Vaters widmen zu wollen. "Es wurde insbesondere geschrieben für die Zwei-takt DKW-Familie in Zschopau, der DKW Auto Union in Ingolstadt, der sächsischen Keimzelle von Audi." Die Worte zeigen: Das Leben ist bei diesem Manager eben nicht von seinem Werk zu trennen. Das wird auf den rund 200 Seiten deutlich.

Hahn gibt das Buch gemeinsam mit dem Chefhistoriker von Audi heraus. Peter Kirchberg war einst Professor an der Verkehrshochschule Dresden und gilt als Nestor der sächsischen Automobilbranche. Er hatte 1964 mit einer Arbeit zur Geschichte der Auto Union Chemnitz promoviert und habilitierte sich mit einer Arbeit, die die Entwicklung von Technik und Technologie in der deutschen Kfz-Industrie zum Inhalt hat. Hahn und Kirchberg verbindet seit Ende der 1980er-Jahre ein enges Vertrauensverhältnis.

Kirchberg stellte am Freitag heraus, dass Hahns Vater als Marketingexperte galt, und das schon in einer Zeit, als das Wort "Marketing" noch nicht gebräuchlich war. Er hatte den DKW-Vertrieb organisiert, Händlerkongresse veranstaltet und die systematische Weiterbildung der Werkstattbetreiber vorangetrieben. Nicht zuletzt führte Hahn Ratenzahlungen für die Kunden ein und ließ Kinderherzen höherschlagen, in dem er DKW-Tretautos bauen ließ. Kundenbindung für die Jüngsten. Zudem gelang es der Auto Union in den 1930er-Jahren mit der Beteiligung am Motorsport die bis dahin unbekannte Marke mit den vier Ringen sprunghaft bekannt zu machen. Nach der Flucht in den Westen gingen Hahn und Richard Bruhn an die Wiederbelebung der Auto Union. Sie suchten Bündnispartner wie den Bankier Baron Friedrich Carl von Oppenheim, organisierten Aufträge, besannen sich auf die Händler und bündelten die Kräfte, bis es soweit war. "DKW ist wieder da" - so verkündete Hahn 1950. 1969, acht Jahre nach Carl Hahns Tod, sollte die Marke DKW mit Audi fusionieren.

Dass der Neustart erfolgreich verlaufen würde, war nicht sicher. Dem sei der Vater mit "schier endloser unternehmerischer Fantasie" begegnet", sagte sein Sohn am Freitag. Als Hahn 1945 im Westen angekommen war, interessierte sich der amerikanische Geheimdienst für ihn. Auf ein Verhör der CIA in Schrobenhausen wartend, blätterte er in einem Life-Style-Magazin und sah Werbung für "Tampax-Tampons". So ein Produkt war in Europa unbekannt; er sah die Marktlücke. Es sei schon immer sein Traum gewesen, ein Produkt zu verkaufen, das keinen Saisonschwankungen unterliegt - anders eben als Motorräder. So gründete er die Dr. Carl Hahn KG, die Tampons fertigen sollte. Hahn erinnerte sich an seine Zeit beim Zigarettenhersteller Martin Brinkmann in Bremen, dessen Unternehmen er kurze Zeit geleitet hatte. Hahn beauftragte einen Konstrukteur für Tabakrollmaschinen, die Technologie der Zigarettenherstellung auf die Produktion von Wattetampons zu adaptieren. Im März 1950 gingen die ersten Tampons in den Verkauf. Hahn hatte ihnen den Namen o.b. gegeben, was "ohne Binde" heißt. Sie sind nicht wegzudenken. Genauso wenig wie die Audis.

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