Wunden, die die Zeit bis heute nicht heilte

Vortrag zu Staats-Kontrolle im DDR-Wintersport

Annaberg-Buchholz. Ob die Zeit alle Wunden heilt, sei dahingestellt, im Fall von Ute Noack offenbarten sich manche Wunden erst nach langer Zeit. Als die einstige Ski-Langläuferin vom SC Traktor Oberwiesenthal nach ihrer Karriere im DDR-Nationalkader einen Sohn gebar, war der schwer behindert. Muskelatrophie lautete die Diagnose, ein genetisch bedingter Schwund der Muskeln. Seither grübelt die Mutter, ob die Krankheit ihres Kindes mit jenen "unterstützenden Mitteln" zusammenhängt, die einst im Training ihre eigenen Muskeln aufbauen und sie so zu Höchstleistungen treiben sollten. Als Achte wurde Noack bei den Olympischen Spielen 1984 in Sarajevo die beste DDR-Frau beim Fünf-Kilometer-Langlauf. Zuerst bekam sie die gleichen "blauen Pillen" wie andere DDR-Spitzensportler. Weil ihr Körper "immer verrückt spielte", sie sich weigerte, die Substanz weiterzunehmen, die sich später als Oral-Turinabol entpuppte, wurde umdisponiert: Fortan verabreichte man ihr das Anabolikum im Vitamintrunk ohne ihr Wissen.

Doping nach "Staatsplan 14.25"

"Das ist das Perfideste, was es gibt", urteilte Journalist Thomas Purschke, der mit einem Reportage-Film über Ute Noack am Donnerstagabend im Annaberg-Buchholzer Veranstaltungszentrum "Erzhammer" einen bereits vorab umstrittenen Vortrag einleitete. Das Thema: Einfluss von Staat und Staatssicherheit auf den DDR-Wintersport. Der Titel: "Staatsplan Sieg". Für seine Recherchen wälzte der aus Oberhof stammende Journalist in Außenstellen der Stasiunterlagen-Behörde Tausende Akten, zunächst über den heimischen Armee-Sportclub, später auch zu den anderen Leistungszentren des DDR-Wintersports Klingenthal und Oberwiesenthal. Nach Wunsch der Veranstalter, der Landeszentrale für politische Bildung und der Chemnitzer Außenstelle der Stasi-Unterlagen-Behörde, hätte der Vortrag eigentlich in Oberwiesenthal stattfinden sollen, konkret in der dortigen Elite-Sportschule. Doch verwehrte die Einrichtung die Nutzung von Räumen.

Als Zeitzeugen hatte Purschke den gebürtigen Klingenthaler Claus Tuchscherer im Schlepp. Der 55-Jährige, der bei den Olympischen Spielen 1976 in Innsbruck Fünfter in der Nordischen Kombination wurde, erfuhr beide Seiten staatlicher Einflussnahme, sowohl die der Leistungs- wie auch der Gesinnungs-Kontrolle. Seit er sich während der 76er-Winterspiele vom Kader absetzte und im Westen blieb, galt er als Verräter. Als DDR-Nationalsportler hatte auch er zuvor mit den Turinabol-Pillen den geheimen "Staatsplan 14.25" zu schmecken bekommen. Seit 1974 überwachte die Stasi die flächendeckende Doping-Praxis im DDR-Spitzensport. "Wir wussten, dass die leistungssteigernd sind", so Tuchscherer über die "blauen Bohnen". "Aufgeklärt worden, welche Folgen" die Mittel haben könnten, sei man nie. Er sei "in gutem Glauben" gewesen, "dass es legal ist und redlich", kommentierte er Publikumsfragen. Damit stützte er gewissermaßen auch die Beteuerung Jens Weißflogs, nie "wissentlich" gedopt zu haben. "Die Sportler waren in der Regel die Missbrauchten", betonte Purschke, der auf rund 200 schwer Doping-geschädigte Ex-DDR-Sportler verwies. "Und die haben keine Lobby. Das ist der Grund, warum ich mich damit beschäftige." Täter, die von der Zentralen Ermittlungsstelle für Regierungs- und Vereinigungskriminalität festgenagelt wurden, seien bisher meist nur zu Geldstrafen verurteilt worden.

Schockiert, so Purschke, habe ihn die Borniertheit mancher Täter, sowohl unter Sportärzten, "die ihren hippokratischen Eid gebrochen und Menschen geschädigt haben", als auch unter spitzelnden IM und Führungs-Offizieren. Ein damals für die Rodler zuständiger Annaberger Arzt, der als "IM Paul" Reiseberichte und "noch ein bisschen mehr" schrieb, habe sich vor dem Vortrag am Telefon so geäußert: "Das war damals geheim, das soll auch heute geheim bleiben. Wenn sie meinen Namen nennen, gibt das Ärger." Ein Stasi-Führungsoffizier aus der Annaberger Kreisdienststelle habe ihn am Telefon abgewürgt: "Wenn, dann müsste jemand auf mich zukommen, der sich geschädigt fühlt."

Dass sich Täter von damals heute auf den Datenschutz des Rechtsstaats berufen, empfinde er als "besonders interessant", so Purschke. "Ich finde, ob sie genannt werden, dürfen nicht die Täter entscheiden." Mit diesem Kommentar leitete er zu einer bald gerichtlich zu entscheidenden Frage über. Im März wird am Zwickauer Landgericht darüber verhandelt, ob und unter welchen Umständen ein IM samt Klarname öffentlich genannt werden kann.

"Es gibt Vergebung, aber die Buße muss abgefordert werden dürfen", urteilte Claus Tuchscherer, der selbst nach seiner Flucht noch unter Beobachtung stand. Damit bezog er auch IM-Spitzel in eine Forderung ein, die Ute Noack im eingangs gezeigten Film gegenüber den Doping-Tätern aufgemacht hatte. Was sie von den Verantwortlichen erwarte, hatte das Filmteam die Frau mit dem behinderten Sohn gefragt. "Ich würde von ihnen erwarten, dass sie sich einfach dazu bekennen", sagte die Mutter.

Langlauftrainer verließ den Saal

Selbst wenn die nicht mehr in Sachsen lebende Ute Noack, jetzt Ute Lindner, zum Vortrag erschienen wäre - ob sie ein Bekenntnis bekommen hätte, ist fraglich. Und das obwohl in den rappelvollen Reihen der rund 150 Zuschauer ein Mann saß, der nach Purschkes Einschätzung hatte wissen müssen, was mit seinen Schützlingen geschah: Heinz Nestler, ehemaliger Trainer der Ski-Langläuferinnen, der 1980 und 2002 Staffeln zum Olympiasieg geführt hatte. Er war von Oberwiesenthal herabgekommen, um den Vortrag zu hören. Doch zeigte sich: Die Zeit heilt offenbar nicht nur nicht alle Wunden, beim Aufarbeiten der Vergangenheit sollte man sich auch nicht endlos Zeit nehmen, sondern Gelegenheiten nutzen. Purschke hatte Nestler zwar gleich zu Beginn im Publikum ausgemacht, doch als er nach seinem und Tuchscherers Vortrag zur Doping-Frage zurückkommen und das Mikrofon an Nestler reichen wollte, war der bereits gegangen. "Er wird wissen, warum", tönte es im Saal.

Auch auf telefonische Rückfrage wollte sich Heinz Nestler am Freitag nicht zur Veranstaltung äußern. Auf die Frage, ob er am Doping seiner Schützlinge beteiligt gewesen sei, wich er aus: "Ich distanziere mich vom Doping, weil das mit fairem Leistungssport nichts zu tun hat." Auf die Rückfrage, ob das seine heutige Sicht sei oder sich auch auf damalige Verhältnisse beziehe, antwortete Nestler: "Dazu äußere ich mich nicht."

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