Besser Schwedt als nie

In der Uckermark stellt sich die Frage: Wie sehr prägt der Ruf einer Stadt das Leben vor Ort?

 

Schwedt.  Johann Abraham Peter Schulz ist nicht in Schwedt geboren. Lediglich das letzte Jahr seines Lebens verbrachte der Komponist in der Oderstadt in Brandenburg. 1800 starb er an der Schwindsucht. Heute ist die städtische Musik- und Kunstschule nach dem Mann benannt, zu dessen Vermächtnis die Melodie von "Ihr Kinderlein kommet" zählt. Ein Lied, das den meisten Menschen zu Weihnachten in den Sinn kommt, in vielen ostdeutschen Kleinstädten aber das ganze Jahr über gesummt werden kann.

Viel ist nicht los, als unser silberner Reisebus auf dem "Platz der Befreiung" vorfährt. Der Marktplatz verdankt seinen Namen dem Ende des Faschismus, heute wird er von der eiligen Dreifaltigkeit beherrscht: Woolworth, Kaufland, Matratzen-Concord. Es ist Mittagszeit. Viele ältere Leute verlassen das Areal bereits wieder mit vollen Plastiktüten. Einige aber bleiben stehen, unter den Sonnenschirmen, am kleinen Stand der "Dritten Generation Ost". Sie suchen das Gespräch. Wie sieht sie aus, die Zukunft für Schwedt? "Schlecht, wenn es uns nicht gelingt, die jungen Leute in der Stadt zu halten", sagt eine ältere Dame, die sich als Frau Minkmann vorstellt. "Ich kriege eine kleine Rente, habe ein Auto, damit ich die Kinder in Berlin besuchen kann." Früher kamen die Leute wegen der Arbeit. Heute gehen sie aus demselben Grund. "Schwedt/Oder - das klingt doch schon so, als müsse man eine Alternative parat haben, finden sie nicht?", fragt Frau Minkmann und lächelt.

Diese Stadt war eine Drohung

Schwedt. Der Name löst etwas aus, auch bei jenen, die noch nie da waren. Es gab Zeiten, da war diese Stadt eine Drohung. Ein Satz wie "Sonst kommst du nach Schwedt" war in der Nationalen Volksarmee ein probates Mittel, um aufmüpfiges Personal wieder auf Linie zu bringen. Schwedt, da war das Militärgefängnis. Aber in Schwedt gab es auch Arbeitsplätze und genügend Wohnungen. Heute hat ein großer Teil der 25- bis 35-Jährigen die Stadt verlassen. Der letzte Club, der auch mal Live-Konzerte veranstaltet, heißt "Exit".

Was die bewegt, die noch da sind, weiß Paula Altland. Sie ist Referendarin am Carl-Friedrich-Gauß-Gymnasium, dem einzigen Gymnasium Schwedts. Zusammen mit Vertretern der "Dritten Generation Ostdeutschland" leitet sie einen Biografie-Workshop, in dem die Schüler von ihren Nachwendeerfahrungen berichten. Die 27-Jährige stammt aus Düsseldorf, studierte in Berlin. Und ja, sie sei anfangs unsicher gewesen, als das Land ihr eine Schule in Schwedt zuwies. "Die Leute denken an Plattenbauten und an das Brandenburglied von Reinald Grebe", sagt sie. "Auch viele Schüler wollen nach dem Abitur gehen, haben das schlechte Image ihrer Heimat so verinnerlicht, dass sie alles andere ausblenden." Denn es gibt genug Ausbildungsplätze und schön sei die Stadt sehr wohl, wenn auch erst auf den zweiten Blick.

In den letzten 20 Jahren hat Schwedt eine Transformation durchgemacht wie kaum eine andere Stadt. Kein Wohnblock, der nicht saniert ist. Die Erdölraffinerie sucht nach einer Entlassungswelle in den 1990ern wieder händeringend Fach- und Führungskräfte. 500 bis 600 Stellen werden in den nächsten 15 Jahren frei, im PCK, der riesigen Industrieanlage, die nachts am Stadtrand orange leuchtet. "Aber natürlich will nicht jeder Chemiker werden", sagt Paula Altland. "Und für 15-Jährige ist eine sichere Rente eben kein Argument. Die wollen lieber einen Club in der Innenstadt."

Platz genug gäbe es dort. Anke Grodon ist Leiterin im Schwedter Stadtarchiv und führt seit Jahren Besucher durch die Stadt. Hinauf auf den Turm der evangelischen Kirche, vorbei an Wohnblöcken, auf deren Fassaden Künstler Altbaustuck gemalt haben, so als hätten sie versucht, die Stadt zu übertünchen. Von Besuchern werde Schwedt oft gelobt, sagt Grodon. "Weil es so übersichtlich und aufgeräumt ist." Jeder Spaziergang führt früher oder später zu den Uckermärkischen Bühnen. Heute findet hier eine Podiumsdiskussion statt, mit Lokalpolitikern und Kulturschaffenden, moderiert von den Machern der "Dritten Generation Ostdeutschland".

"Wir können es schlicht nicht allen recht machen", sagt Jürgen Polzehl, ein aufgeschlossener Mann im gesetzten Alter. Er weiß, dass der Jugend in Schwedt mitunter etwas fehlt. Aber die Vorzüge der Stadt dürfe man darüber nicht aus den Augen verlieren. Kurze Wege, das Theater, Nationalpark vor der Tür - das alles steht für den Bürgermeister auf der Haben-Seite.

"Sie werden laute Musik hören"

Nicht genug, meint Dimitri Hegemann. Der Mann, der mit dem "Tresor" einen der legendärsten Clubs Berlins gegründet hat, ist hier im Namen von "Sag ja zu Schwedt", einer Initiative, die auch die alternative Kultur in der Stadt vorantreiben will. "Ich sage: Gebt mir ein Haus und ich werde hier einen Club hochziehen. Die Kids werden Dinge tun, die euch vielleicht nicht gefallen, sie werden laute Musik hören, und sie werden trinken. Aber über kurz oder lang geht es darum, Freiräume zu schaffen, die der Stadt Leben einhauchen." Hegemann ist sich sicher, dass sie dann wiederkommen, die Kinder Schwedts. Nicht nur zu Weihnachten.

 

 

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