Der Kampf ums Kind

Chemnitz. Väter von heute wechseln Windeln und nehmen Elternzeit. Doch wird diese neue Rolle auch nach einer Trennung von der Mutter des Kindes berücksichtigt - bei  Sorgerechtsprozessen? Viel zu wenig, sagt der Verein Väteraufbruch für Kinder, viel zu viel, sagt die Mütterlobby. Eine Mediatorin befürchtet die Überforderung der Kinder. Stephanie Wesely hat mit ihnen gesprochen.

 

Die Mütterseite vertritt Barbara Thieme vom Verein Mütterlobby.

Frau Thieme, gehören Kinder nach der Trennung der Eltern zur Mutter oder zum Vater?

Eindeutig zur Mutter, und zwar dann, wenn sie sich vor einer Trennung als Hauptbezugsperson um das Kind gekümmert hat. Das ist immer noch die Regel. Kindern, vor allem kleinen, die Mutter zu entziehen, muss die Ausnahme sein.

Und wie ist es in der Realität, in Familienrechtsprozessen?

Die Einstellung der Gerichte hat sich in den letzten Jahren dramatisch verändert, aber nicht zugunsten der Kinder und schon gar nicht zugunsten der Mütter. Väter, die ihre Kinder zu sich holen wollen, haben heute die besten Karten dafür. Ich kenne viele Fälle, in denen Müttern die Kinder entzogen werden und die dadurch erheblich traumatisiert werden. Und zwar nicht, weil sie ihre Kinder vernachlässigt oder misshandelt haben, sondern weil der Kindesvater mit allen Mitteln versucht, sich als "besserer Elternteil" darzustellen oder weil die Mutter gegen unsinnige Umgangsregelungen gerichtlich vorgegangen ist.

Was haben Sie dagegen, dass Väter ihre Kinder miterziehen wollen?

Nichts. Wenn sie das wirklich wollen. Doch einem bestimmten Typ von Vätern geht es nur um Macht und Kontrolle über die Familie und die Kinder. Lebt das Kind dann bei ihnen, gehen sie wieder wie gehabt ihrer Karriere nach. Ums Kind kümmern sich dann die Großeltern oder die neue Partnerin.

Müssten nicht die Richter und Verfahrensbeteiligten erkennen, wenn es sich um einen Vater im Schafspelz handelt?

Nein, denn weder Richter, noch Gutachter oder Verfahrensbeistände sind dafür ausgebildet. Ein Richter mag ein sehr guter Jurist sein, aber wie man eine Kindesanhörung durchführt, erfährt er in seinem Studium nicht. Und den Verfahrensbeistand, das ist der Anwalt des Kindes, wählt der Richter aus. Ebenso den Gutachter. Für beide Berufsgruppen gib es keine festgeschriebene Mindestqualifikation. Hinzu kommt, dass es keine wissenschaftlichen Anforderungen gibt, wie ein Gutachten in Kundschaftssachen aussehen muss. Was da zuweilen drin steht, gleicht einer Schlammschlacht. Unser Familienrechtssystem muss an etlichen Stellen dringend reformiert werden.

Welche Reformen wären nötig?

Sachverstand muss über Ideologie siegen. Gut ausgebildete Fachleute sollen die Möglichkeit bekommen, die beste Lösung für die Kinder zu finden. Denn nur um sie geht es.

Wäre das Wechselmodell, also die wechselnde Betreuung durch Vater und Mutter, nicht so eine reformierte Sorgerechtsform?

Für Familien, die das vorher schon so gelebt und ihre Kinder paritätisch erzogen haben, ja. Wenn es aber gegen den Willen der Mutter oder der Kinder durchgedrückt werden soll, ist es falsch. Vielen Vätern, die das Wechselmodell wollen, geht es nur ums Geld. Sie wollen keinen Unterhalt zahlen. Und nicht selten wird das Kind als Waffe eingesetzt. Dieser Typ Vater sagt es sogar: "Wenn du dich trennst, nehme dir alles, auch dein Kind" - leider wird diese Form psychischer Gewalt häufig übersehen.

 

Die Mütterlobby  hat ein Netz von Selbsthilfegruppen. Kontakt in Sachsen: Carola Wilcke, sachsen@muetterlobby.de,  » www.muetterlobby.de

Die Väterseite vertritt Markus Witt vom Verein Väteraufbruch für Kinder.

Herr Witt, sollten sich Väter auch nach einer Trennung noch um ihre Kinder kümmern?

Ja, unbedingt. Kinder brauchen väterliche und mütterliche Einflüsse, um gesund aufzuwachsen. Mutter und Vater sollten immer für ihre Kinder da sein, egal ob getrennt oder zusammen. Denn das Kind hat die Trennung nicht zu verantworten, es leidet nur darunter wenn es den Vater vermisst. Für die meisten Väter ist es heute selbstverständlich, sich aktiv in die Erziehung einzubringen. Man kann sie nachher nicht plötzlich aussperren.

Sehen die Familiengerichte die neue Rolle der Väter auch so?

In zunehmendem Maße, aber nicht überall. Väter haben noch mit der Überwindung veralteter Rollenklischees in den Köpfen von Richtern und Jugendämtern zu kämpfen. Uns geht es um ein konstruktives Miteinander von Vätern und Müttern. Väter, die den Konflikt mit der Mutter eskalieren lassen wollen, sind bei uns an der falschen Stelle.

Aber sind solche Art Väter nicht oft die Gewinner vor Gericht?

Nein, Väter haben es vor Gericht deutlich schwerer als Mütter. Der Richter soll gemeinsam mit Gutachtern und Verfahrensbeiständen entscheiden, wer der bessere Elternteil ist. Das stachelt den Krieg erst richtig an. Wer am lautesten schreit und am unnachgiebigsten ist, geht meist als Gewinner raus. Doch das ist selten der bessere Elternteil fürs Kind. Diese Machtspielchen gibt es bei beiden Eltern und leider werden die Kinder nur all zu oft als Druckmittel gegen den Ex-Partner eingesetzt. Und Familienrichter sind überfordert, das zu erkennen. Dazu braucht es anderes Personal.

Welches zum Beispiel?

Dies können Familienberatungsstellen, Mediatoren oder Therapeuten sein, im gerichtlichen Verfahren auch Verfahrensbeistände oder Gutachter. Hier kommt es aber auf die Qualifikation und Erfahrung dieser Personen an, an dieser mangelt es leider noch all zu oft.

Mit welchen Sorgen kommen Väter zu Ihnen?

Der Klassiker ist die Besuchsregelung. Oft sind am Vater-Wochenende die Kinder unpässlich oder Aufenthalte werden von den Müttern kurzfristig abgesagt. Die Väter müssen oft um jeden Kontakt zum Kind kämpfen. Gerade um die Verteilung der Weihnachtsfeiertage gibt es immer viel Streit. Manche Väter dürfen nicht mal ihr Geschenk persönlich abgeben. Solche Machtspielchen vergiften die Atmosphäre. Ein zweiter Dauerbrenner ist der Unterhalt. Warum dürfen Väter Kosten für Kost und Logis, wenn die Kinder bei ihnen sind, nicht vom Unterhalt abziehen? Sie zahlen oft genauso viel wie Väter, die sich nicht kümmern. Ihre findet im Unterhaltsrecht keine Berücksichtigung.

Was halten Sie vom Wechselmodell? Kann man damit Unterhalt sparen?

Nein, auch beim Wechselmodell muss zum Beispiel ein Vater, der das Doppelte von der Mutter verdient, Bar-Unterhalt zahlen. Zudem hat der Vater auch den Aufwand für Kinderzimmer, Ausstattung und Verpflegung. Wir sind sehr fürs Wechselmodell und wissenschaftliche Erkenntnisse belegen, dass es den Kindern damit meist deutlich besser geht.

 

Der Väteraufbruch vermittelt Kontakte zu Ansprechpartnern in Sachsen, Tel. 069 13396290  » www.vaeteraufbruch.de

Die Mediatorin: Fachanwältin Almut Patt versucht zu vermitteln.

"In den klassischen Kindschaftssachen wie Sorgerechtund Umgangsrecht wird der Anwalt-Mediator nur ganz selten gefragt. Er kommt zum Zug, wenn Gerichtsverfahren verhindert werden sollen", sagt Almut Patt, Mediatorin und Fachanwältin für Familienrecht aus Chemnitz (Foto). Genau wie es beide Väter- und Müttergruppen kritisieren, sind die Juristen bei Gericht (sowohl Richter als auch Anwälte) in kinderpädagogischen und kinderpsychologischen Fragen nicht ausgebildet. Dafür gibt es Fachleute. Deshalb ist es ist wichtig, dass Verfahrensbeistände über fundierte Fachqualifikationen in Sozialpädagogik und Kinderpsychologie verfügen, das Gleiche betrifft natürlich auch die Gutachter. Fachstandards können hier helfen, sind aber kein Allheilmittel.

Es wird viel daran liegen, wie ernsthaft gerade auch die professionell Handelnden in familiengerichtlichen Verfahren versuchen, die Eltern zu verstehen, zu beraten und zu begleiten, zum Wohle des Kindes. Das Kind will sich nicht entscheiden müssen zwischen Vater und Mutter. Es möchtezu beiden seinen früheren liebevollen Kontakt behalten können. "Ich habe durchaus viele Elternteile kennengelernt, die wegen oder zumindest nach der Trennung erst begreifen, dass sie in der Vergangenheit beim Kind etwas versäumt haben. Wenn sie das jetzt nachholen wollen, dann wird ihnen das häufig vom anderen Elternteil als Scheinheiligkeit ausgelegt. Das muss aber nicht sein", so Patt.

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9Kommentare
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  • 2
    1
    BertaH
    22.12.2015

    @saftpresse ... ja klar lassen wir die Kinder entscheiden. Aber ab wann und für was alles? Kinder wollen auch nicht zur Schule oder mal in den Kindergarte. Sollen sie das dann auch entscheiden. Genau diese Entscheidung bringt Kinder in den Loyalitätskonflikt. Erspart den Kindern dies!

  • 2
    1
    birdy74
    22.12.2015

    Schade, dass Frau Thieme nicht verstanden hat, dass es bei dem Thema um das Wohl des Kindes geht und nicht um das der Mutter. Natürlich tut es den meisten Müttern weh, wenn das Aufenthaltsbestimmungsrecht dem Vater zugesprochen wird. Aber glaubt Frau Thieme ernsthaft, dass dies nur ein Problem der Mütter ist? Und natürlich gibt es solche Väter, die Frau Thieme als schlechte Beispiele heranzieht. Aber rechtfertigt das, die Väter generell als weniger gut geeignet für die Kindeserziehung abzustempeln. Kindern die Mutter zu entziehen, muss die Ausnahme sein, sagt sie. Dieser Argumentation folgend muss es also die Regel sein, Kindern den Vater zu entziehen? Vor Gericht wird es in diesen Fragen leider keine objektive Gerechtigkeit geben. Für die Kinder kann man nur hoffen, dass die Eltern erwachsen genug sind, selbst die für alle Beteiligten beste Lösung zu finden.

  • 0
    2
    gelöschter Nutzer
    21.12.2015

    Lasst die Kinder entscheiden, die wissen am besten was für sie das richtige ist. Akzeptiert diese Entscheidung und findet zu einen vernünftigen Umgang, dass entspricht am ehesten dem Kindeswohl. Um nichts anderes hat es zu gehen!

  • 2
    1
    BertaH
    21.12.2015

    Ich wünsche niemanden der sich trennt, dass er in die Mühlen des Familiengerichts wegen der Kinder gerät. Es ist von Fehlurteilen gespickt. Verfahrensbeistände, Gutachter, Rechtsanwälte und Richter die Urteilen ohne fundierte Ausbildungen genossen zu haben. Wenn Fehlurteile gefällt werden gibt es niemanden der die Verantwortung tragen muss. Macht der Gutachter fehler und es wird nach Gutachten geurteilt zieht sich der Gutachter aus der Affäre, da er nicht geurteilt hat. Somit muss er für Fehler auch keine Verantwortung tragen. Der Richter ebenso nicht, da er aufgrund des Gutachtens geurteilt hat. Familien werden auseinander gerissen, teilweise Kinder in Heime gesteckt, sogar ins Ausland. Ich würde mich eher für einen Verein engagieren wollen wo es generell um das Kindeswohl geht. Keine Väterrechtler ... keine Mütterlobby .... Daher kommt ja das hochstrittige. Der Geschlechterkampf ... der Kampf ums Geld nach einer Trennung. Ich erlaube mir mal zu behaupten, dass die Mehrzahl der Sorgerechts- und Umgangsrechtsprozesse vor Gericht nicht wegen der Kinder ausgefochten werden. Meist liegen die Gründe in anderen Trennungsthemen begraben und werden auf dem Rücken des Kindes ausgetragen. Menschen in Trennungen sind emotional angeschlagen ... das wird bei diesen Prozessen komplett außen vor gelassen. Es sind ja Erwachsene die müssen das Trennen können. PUSTEKUCHEN .... verletzter Stolz, Machtverlust, Ängste .... das kann nicht jeder beiseite kehren. Es sollte auch in Sorgerechtsprozessen auf das Thema eingegangen werden. Da findet man vielleicht eher einen Lösungsweg. MÜTTER und VÄTER ... es geht allein darum, dass das Kind keinen Schaden nimmt!! Daran müßt ihr euch immer wieder erinnern.

  • 3
    1
    RalphSteinfeldt
    21.12.2015

    Wer kämpft denn hier ums Kind? So "eindeutig" wie sich Frau Thieme positioniert, ist sind die Mitglieder des Vereins Mütterlobby aktiv und deren individuelle Gegner. Nachvollziehbar, wenn dann verhältnismäßig "viele Väter" als böse wahrgenommen werden. Schön, dass Frau Patt den Punkt trifft: "Das Kind will sich nicht entscheiden müssen zwischen Vater und Mutter. Es möchte zu beiden seinen früheren liebevollen Kontakt behalten können."

  • 1
    0
    countrymanne
    21.12.2015

    Wie der Account schon richtig sagt : " Dummheit "
    Total am eigentlichen Thema vorbei kommentiert.
    Was für ein Pulver nehmen Sie schon am frühen Morgen ?
    MfG.

  • 3
    2
    countrymanne
    21.12.2015

    Was ist dies wieder für eine interessante und vor allem aussagekräftige Mitteilung. Hut ab, vor den heutigen " Vätern ".
    Hat hier wieder der sog. " Wessi " das Fahrrad erfunden ?????
    Zu ehemaligen DDR Zeiten, bedingt durch die Festeinstellung im Arbeitsprozeß von Frauen, war dies alles schon einmal da.
    Ich ( Jahrgang 1949 ) habe damals zu diesen Zeiten im 3 Schichtsystem gearbeitet und meine Frau ebenfalls.
    Also, war dies heute soooo hochgelobte Gebahren eine Selbstverständlichkeit .
    Aber wir als Männer( Väter ) haben nicht nur die Windeln gewechselt sondern diese auch in Ermangelung einer Waschmaschine selbst MIT DER HAND gewaschen !!!
    Hier werden wieder Ereignisse ausgegraben, welche einfach in einer Ehelichen Beziehung SELBSTVERSTÄNDLICH sind.
    Wünsche allen ein frohes Weihnachtsfest, auch den HEUTIGEN VÄTERN ( und übernehmt euch bitte, bitte nicht beim WINDELWECHSELN !! ) :- )
    Mit vielen Grüßen M.W.

  • 2
    1
    DirkEller
    21.12.2015

    Mein Eindruck beim Lesen des Artikels: bei Frau Thieme geht es um Aufbau bzw. "Pflege" von Kampffronten zwischen Mann und Frau. Bei Herrn Witt geht es mehr darum, gemeinsame Lösungen zu finden. Ich will Frau Thieme gar nicht widersprechen, daß es (viele) Fälle gibt, wie sie es beschreibt. Ist es aber nicht auch so, daß es (viele) Frauen gibt, die das Kind als Waffe gegen den Mann einsetzen? Davon schreibt sie nichts. Ich finde, wenn es zur Trennung kommt, ist es die verdammte letzte Pflicht beider Eltern, also Mutter und Vater, in dem dann möglichen Maße für das Kind bzw. die Kinder da zu sein. Wie gesagt: mir sind die Aussagen von Herrn Witt deshalb viel sympathischer

  • 2
    2
    Dummheit
    21.12.2015

    Ich hoffe das Sie wissen das alle Staaten wegen Ihnen Pleite sind. Und dass Sie die internationale Krise ausgelöst haben plus Menschenhandel und Kinderhandel. Und unsere Bundesregierung gehört in den Knast.



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