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Wieder ganz oben: Das Springen machte Eric Frenzel in dieser Saison Sorgen. In Pyeongchang machte er am Mittwoch eine gute Figur in der Luft - erst von der Normalschanze und später auf dem Podest.

Foto: Dmitri Lovetsky/dpa

Erneut Gold für Ergebirger Frenzel: Das Mannl ist der Boss

Eric Frenzel holt nach Gold in Sotschi auch vier Jahre später in Pyeongchang Gold. Der Nordische Kombinierer aus dem Erzgebirge musste in einer schwierigen Saison viel für diesen Erfolg investieren. Der Bundestrainer geriet ins Schwärmen.

Von Sebastian Siebertz
erschienen am 14.02.2018

Pyeongchang. Eric Frenzel saugte auf der Zielgerade das Gefühl des sicheren Olympiasieges auf, hob die Arme zum Jubeln, schrie lauthals. Seine Verfolger hatte er viele Meter zuvor abgeschüttelt. Auf dem Zielstrich jubelte er per Telemark, seinem Markenzeichen, und schrie noch einmal aus vollem Leib. "Die letzten 500 Meter waren unbeschreiblich. Der 'Acker' hat mir in der letzten Abfahrt noch einmal reingegeben, dass ich heute der Boss sein soll", berichtete Frenzel, wie Co-Trainer Ronny Ackermann motivierte. "Diese Goldmedaille hat einen besonderen Stellenwert", sagte der Athlet vom WSC Oberwiesenthal. "Es ist ein tolles Gefühl zu wissen, dass ich das wiederholen konnte, was ich vor vier Jahren in Sotschi geschafft habe. Dass das aufgegangen ist - grandios."

Der Bundestrainer wollte sich bei der Würdigung aber nicht nur auf die beiden Olympiasiege beschränken. "Er ist ja auch mehrfacher Weltmeister, fünfmal in Serie Weltcupsieger. Das sind Superlative. Unglaublich, was das kleine Mannl für Energie hat", erklärte Hermann Weinbuch. "Vor allem im Kopf ist er brutal stark. Er kann sich fokussieren und bleibt trotzdem locker. Viele verkrampfen dabei. Das zeichnet ihn aus. In dieser Beziehung ist er kein normaler Mensch."

Psychische Stärke war beim ersten Wettkampf in der Nordischen Kombination in Pyeongchang vonnöten. Nicht nur wegen des Windes, der unter anderem die favorisierten Norweger Jörgen Graabak und Jan Schmid auf der Normalschanze aus dem Rennen um die Medaillen blies. Es war vor den Winterspielen nicht davon auszugehen, dass Frenzel ganz oben auf dem Podest steht. In dieser Saison kam der Sachse nämlich, genauso wie das gesamte deutsche Team, besonders beim Springen nicht in Schwung.

Die Lösungen für die Probleme fanden Weinbuch und Co. beim zweiwöchigen Sondertraining Anfang des Jahres in Oberstdorf. "Wir haben am Schanzentisch zu wenig Druck hinbekommen. Wir mussten im ersten Drittel wieder mehr steigen und nicht nur die Geschwindigkeit suchen. Das ist auf dieser Schanze sehr, sehr wichtig. Das hat man auch beim Spezialspringen gesehen", analysierte der Chefcoach. "Olympiasieger Andi Wellinger springt mit sehr langem Druck und mit einem leichten Hüftknick heraus. Das muss man hier machen, um sich praktisch oben auf der Welle tragen zu lassen." Wie aber hat der Bayer die Köpfe seiner Athleten freibekommen? Die Antwort des Bundestrainers: "Reden, reden, reden - und Gaudi."

Bei Frenzel, der bei der Eröffnungsfeier die deutsche Fahne trug, ging der Plan auf, den Weltcup in Japan zugunsten des Trainings auszulassen. Nebenwirkungen wurden in Kauf genommen. "Mein großes Ziel war, bei Olympia erfolgreich zu sein. Ich habe vieles hintenanstehen lassen. Meine Frau und meine Kinder mussten mich sehr oft entbehren", sagte der 29-Jährige. "Sie haben mir in dieser Situation den Rücken gestärkt. Besonders in den letzten Wochen, als es noch nicht optimal lief."

Auch am Mittwoch musste die mitgereiste Familie erst einmal warten. Die Blumenzeremonie gleich nach dem Wettkampf, unzählige Interviews, Dopingkontrolle - ein Goldmedaillengewinner muss ein langes Protokoll erfüllen, bis er sich zurücklehnen darf. Frenzels Frau Laura und Philipp, das älteste von drei Kindern, saßen außerdem auf der vom Zielbereich am weitesten entfernten Tribüne. Eine kurze Umarmung - unmöglich. "Ich hoffe, dass ich sie heute noch sehen kann", sagte Frenzel, bevor er sich vom olympischen Langlaufkurs in den Bergen Pyeongchangs verabschiedete. Was die Familie zuvor von ihrem Eric zu sehen bekam, war ein perfekter Wettkampftag. "Der Sprung war optimal. Sicherlich hatte ich ein wenig Windglück", gab Frenzel zu. Er landete bei 106,5 Metern (130,6 Punkte) und ging auf Platz fünf liegend mit 36 Sekunden Rückstand auf den überraschend führenden Österreicher Franz-Josef Rehrl in die Loipe. "Die Ausgangssituation war wie dafür geschaffen, Gold zu holen. Ich hatte eine Gruppe vor mir, sodass ich nicht alleine laufen musste. Der Abstand nach ganz vorne war auch nicht allzu groß. Fast perfekt", erklärte Frenzel.

Im 10-km-Lauf setzte er die Marschroute glänzend um. Schnell bildete er mit dem späteren Silbermedaillengewinner aus Japan, Akito Watabe, dem Norweger Jarl Magnus Riiber und Lukas Klapfer, der Österreicher war im Ziel Dritter, eine Spitzengruppe. Der Erzgebirger drückte immer wieder auf das Tempo. "Ich wusste, dass ich in der letzten Runde Gas geben muss, weil mit Akito und Lukas zwei starke Spurter dabei waren. Wenn ich sie durch die Tempoverschärfungen anknocke, aus der Reserve locke, habe ich hintenraus mehr Chancen. Das war mein Ziel, und es hat funktioniert." Am letzten Anstieg schüttelte Frenzel die Verfolger mit einem unwiderstehlichen Antritt endgültig ab - oder um es mit den Worten seiner Trainer Weinbuch und Ackermann auszudrücken: Das kleine, nicht normale Mannl war der Boss.

Kritik an der Jury 

Bundestrainer Hermann Weinbuch war trotz des Olympiasieges von Eric Frenzel nach dem ersten von drei Wettkämpfen der Nordischen Kombinierer nicht vollends zufrieden. "Das Springen war leider nicht so geil. Das tut mir für die anderen Jungs schon ein bisschen leid. Fabian Rießle und auch der Johannes Rydzek hatten schlechte Bedingungen. Da hätte man vielleicht ein bisschen geduldiger arbeiten können, weil Zeit hätten wir gehabt", kritisierte der 57-Jährige am Mittwoch die Jury. "Gefährlich war es nicht, aber es war halt Lotterie. Letztendlich hat der Wind entschieden, wer die Möglichkeit hat, eine Medaille zu gewinnen, oder nicht."

Fabian Rießle war nach dem Springen von der Normalschanze 16., musste mit einem Zeitrückstand von 2:03 Minuten in den 10-Kilometer-Lauf starten. Der 27 Jahre alte Freiburger wurde am Ende noch Siebenter (+1:05,3 Minuten).

Johannes Rydzek kämpfte sich nach einem missglückten Sprung (11. Rang) dank einer kämpferischen Leistung auf einen guten fünften Platz (1:26 min zurück) vor. Der 20 Jahre alte Oberstdorfer Vinzenz Geiger landete bei seiner Olympiapremiere auf einem starken neunten Rang. Der Johanngeorgenstädter Routinier Björn Kircheisen wurde bei seinen fünften Olympischen Spielen nicht nominiert.

Weiter geht es für die Nordischen Kombinierer am Sonnabend und Sonntag mit den Trainingseinheiten auf der Großschanze. Nächste Woche wird es dann am Dienstag für Frenzel und Co. wieder ernst. Um 11 Uhr (MEZ) steigt das Springen, die Entscheidung fällt ab 13.45 Uhr in der Loipe. Die abschließende Teamkonkurrenz findet am Donnerstag statt (Springen ab 8.30 Uhr und 4x-5-km-Staffel ab 11.20 Uhr). (sesi mit dpa)

 
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