Schatten auf dem Eis und auf der Seele

Braucht es Jahrzehnte nach der Wende noch Debatten über Stasi-Spitzel und DDR-Doping? Eine Frage der Perspektive

Chemnitz. Auf der Eisfläche drehen junge Mädchen in harmonischer Formation Runden. Dass für ihre Vorbilder aus früheren Jahrzehnten nicht nur eitel Sonnenschein herrschte, macht eine Diskussion klar, die Minuten später im Saal über den Tribünen des Chemnitzer Eissportzentrums beginnt - vor rund 100-köpfigem Publikum. Motto der Runde am Donnerstagabend: "Schatten auf dem Eis". Sie beleuchtet früheren Einfluss von Staat und Staatssicherheit auf den Eiskunstlauf. "Meine Mutter glaubt heute noch, ich war als Kind glücklich. Nein, ich war nicht immer glücklich." Die Stimme von Katrin Kanitz bebt, als sie anhebt, die Schattenseiten ihres Wegs zur zweifachen DDR-Meisterin (1986 und 1987) und zum dritten EM-Platz mit Partner Tobias Schröter (1987) zu offenbaren: den Verrat, den Drill, den Psychodruck, die Anabolika und wohl auch Psychopharmaka, die sie, wie sie später erfahren sollte, ohne ihr Wissen verabreicht bekam.

Erst Mitte der 1990er-Jahre habe sie erfahren, dass sie Doping-Opfer war. Das wegen der Konzentration von Wintersportzentren im Süden der DDR mit der Aufarbeitung dortiger Doping-Historie beauftragte Landeskriminalamt Thüringen informierte die Berliner Eisläuferin über die Aktenlage. Die belegte, dass man ihr "unterstützende Mittel", konkret das DDR-übliche Präparat Oral-Turinabol, verabreicht hatte. Zwar habe sie keine der oft zitierten "blauen Pillen" schlucken müssen, doch seien da an der Bande immer jene Vitamintabletten mit einem angeblich das Schlucken fördernden Getränk gewesen. An halbstündige Sessions am Tropf zur Verabreichung angeblicher Traubenzuckerlösung kann Kanitz sich erinnern. Und an "grüne Dragees", die man ihr in der Saison 1986/87 zu schlucken gab. Dass es sich um Psychopharmaka handelte, könne sie nicht beschwören. "Aber ich habe mich fantastisch gefühlt in der Zeit", erzählt sie auf Rückfrage von Herbert Fischer-Solms. Der Deutschlandfunk-Sportexperte moderiert die von der Stasi-Akten-Behörde und der Landeszentrale für politische Bildung veranstaltete Runde. Nach kurzem Eingangsvortrag des Thüringer Journalisten Thomas Purschke, der in Akten und Archiven zahlreiche Dreh- und Angelpunkte des Staatskontrollsystems aufdeckte und beim Vortrag bekannte und weniger bekannte Namen von Führungsoffizieren und IM nennt, ist die Debatte schnell auf den neuralgischen Punkt Sportmedizin geschwenkt.

"Es ist nichts Schlimmes. Esst die Präparate", trotz solcher Beschwichtigungen ihrer Trainerin Heidi Steiner-Walther habe sie manche Dinge aus "innerer Rebellion" in den Papierkorb gespuckt, sagt Kanitz. Besonders jene weißen Tabletten, von denen die Trainerin ihr einmal zwei gegeben habe, wonach sie auf dem Eis psychische und physische Aussetzer bekam. "Das war wohl ein bisschen viel. Da müssen wir die Hälfte nehmen", habe sie bekannt. "Kriminell, was meine Trainerin an mir ausprobierte", urteilt Kanitz. Seit 2001 leidet sie an einer chronischen Krankheit, ist anerkanntes DDR-Doping-Opfer. Über ihre Erkrankung mag sie öffentlich nicht sprechen. "Ich bin seit vier Jahren stabil, aber es gibt Frauen, die können keine Kinder mehr kriegen. Andere sitzen im Rollstuhl", sagt sie.

In der vordersten Reihe des rappelvollen Saals sitzt eine blonde Frau. Bei Kanitz' Schilderung schüttelt sie immer wieder den Kopf. Ihre Finger krallen sich um eine Aktenmappe. Sie rutscht herum, doch bricht es erst aus ihr heraus, als ein anderer Gast aus dem Publikum ein Bündel Blätter zückt und aus Zeitungen Beispiele für westdeutsches Doping zitiert. Doping sei kein DDR-Phänomen, sagt der Mann, der sich als Gerd Seiffert, Ex-Vizechef des Karl-Marx-Städter Leistungsstützpunkts Eiskunstlauf, vorstellt. Doping habe es überall gegeben, gebe es noch. Kanitz pariert mit knapper Antwort: "Aber nicht an minderjährigen Jungen und Mädchen", sagt sie - und nicht nach Staatsplan.

Auch die blonde Dame aus Reihe eins springt auf. Bis heute habe sie geglaubt, im Eiskunstlauf habe es kein Doping gegeben, weil es keinen Sinne mache. Nur dass man ihrer Tochter Wachstumshemmer verabreichte, habe sie immer geargwöhnt - ihrer Tochter, der Paarläuferin Mandy Wötzel. "Aber Pillen an der Bande, den Tropf, das hat es bei uns genauso gegeben", sagt Martina Wötzel erregt. Jetzt würden ihr auch die Umstände jenes "dicken" Rüffels klar, den sie sich einst von Verbandsarzt Ralph Nicolai (später als "IM Neptun" enttarnt) eingehandelt habe. Als Mandy sich nachts in Bauchkrämpfen wand, habe sie den Not-, nicht den Verbandsarzt gerufen, was den Zorn des letzteren provozierte. Angesichts des anklagenden Blicks der Mutter hebt Ex-Funktionär Seiffert andere Töne an. Von alledem habe er damals auch nichts gewusst, versichert er, womit er seinerseits provoziert - zu Gelächter im Saal.

Angesichts solcher Argumentationsschwenks meldet sich Angelika Barbe von der co-veranstaltenden Landeszentrale zur Wort. Die "3-V-Strategie" nennt sie solches von Verantwortlichen immer wieder zu hörendes Lavieren. Verschweigen - bis der Nachweis nicht mehr zu leugnen sei; Verharmlosen - indem auf andere Kriegsschauplätze verwiesen wird; schließlich das Verleumden von Opfern.

An solche Staats- und Stasi-Opfer zu erinnern, ihnen Stimme zu verleihen, sehe er als seine Pflicht, hatte Journalist Purschke eingangs gesagt. Zum Abschluss lobt er den Mut des Opfers aus Berlin, selbst zu sprechen. Warum man keine Zeugen aus Karl Marx Stadt im Podium habe, möge an deren Sprachlosigkeit liegen, vermutet er.

Eine Zeitzeugin, die man vergeblich bat, ist aber zumindest im Publikum. Ex-Läuferin Constanze Bauer (ehemals Gensel, 41) Warum sie nicht ins Podium wollte? "Das Ganze wühlt mich noch zu sehr auf", sagt sie im Gespräch mit "Freie Presse" und betont den anderen Aspekt der Staatskontrolle. "Allein auf mich waren 27 IM angesetzt. Da gab es viele Enttäuschungen. Aber es ist gut, dass es solche Veranstaltungen gibt."

 

Stichwort: Staatsplan 14.25

Erst nach 1990 wurde bekannt, dass in der DDR seit Mitte der 1970er-Jahre in manchen Disziplinen flächendeckendes Doping betrieben wurde. Der geheime Staatsplan hatte die Codenummer "14.25". Ab 1974 wurde das Programm von der Stasi überwacht.

Bis zu 10.000 Sportler waren betroffen. Viele wussten gar nicht, dass sie gedopt wurden. Mitunter wurden schon Kindern ohne Wissen und Einverständnis der Eltern Mittel verabreicht. Mit gesundheitlichen Folgen haben viele bis heute zu kämpfen.

Vor allem bei Schwimmerinnen waren so genannte androgene, also die Geschlechtsmerkmale verändernde Auswirkungen zu sehen.

Staatssicherheit, Sportführung und Mediziner wussten von den gesundheitlichen Folgen und machten dennoch weiter. Die am häufigsten verwandten "blauen Pillen" (Markenname: Oral-Turinabol, Wirkstoff: Dehydrochlormethyl-Testosteron) stammten vom VEB Jenapharm.

Die Sexualhormone sorgten bei entsprechendem Training für extrem schnellen Muskelaufbau. (eu)

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