CDU-Kandidat Frank Heinrich: Der vierte Anlauf des Politik-Routiniers

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Frank Heinrich vertritt Chemnitz seit zwölf Jahren im Bundestag. Nun schickt ihn die hiesige CDU erneut ins Rennen - nach einem überraschenden internen Wettstreit.

Als Frank Heinrich 2009 zum ersten Mal in den Bundestag wollte, musste er sich innerparteilich gegen einen Konkurrenten (den damaligen IHK-Präsidenten Michael Lohse) durchsetzen. Er gewann die Abstimmung wie auch das Direktmandat, wiederholte den Erfolg bei den Bundestagswahlen 2013 und 2017 und ist aktuell der dienstälteste Chemnitzer Abgeordnete. Ein Erfolgsgarant für die hiesige CDU, möchte man meinen. Für Außenstehende umso verwunderlicher: Vor der diesjährigen Bundestagswahl sah sich der 57-Jährige gleich zwei innerparteilichen Konkurrenten (Nora Seitz und Sebastian Liebold) gegenüber. Ein Novum.

Manch einen habe das erstaunt, sagt Heinrich. "Da hieß es: ,Wie, die CDU macht auf Demokratie?'". Er habe die Auseinandersetzung als "ordentlichen sportlichen Wettkampf" erlebt, in dem es weniger um seine Person, sondern mehr um Themen gegangen sei, die er nicht ausreichend in Berlin platziert habe. Den internen Wettstreit entschied er im Frühjahr für sich. Die geschlagenen Gegenkandidaten holte er nach eigenen Angaben ins Boot und ließ sie Teile seines Wahlprogramms gestalten.

Heinrich bewirbt sich damit zum vierten Mal um ein Bundestagsmandat. Und setzt so womöglich eine Politikerkarriere fort, die er einst als Quereinsteiger begann. Heinrich war über Jahre im sozialen Bereich tätig, leitete über ein Jahrzehnt die Chemnitzer Heilsarmee. Dann, 2009, ging es in die Politik. Gleich in die ganz große. Denn ein Stadtratsmandat hatte er nie inne - eine aus Zeitgründen bewusste Priorisierung auf Berlin. Heute, so sagt er, sei er ein wohlhabender Mann. "Und damit habe ich nie gerechnet."

Heinrich ist ein gläubiger Christ und ein konservativer Mensch. Er hat ein Buch gegen Abtreibungen geschrieben. Die Regel in Deutschland, dass Abtreibungen grundsätzlich verboten sind, unter bestimmten Umständen aber straffrei bleiben, hält der Chemnitzer für gut. Sollte es nach der Wahl in einer wie auch immer aussehenden Koalition Bestrebungen geben, Abtreibungen nicht mehr als Straftat zu verstehen, hätte er Bauchschmerzen. "Da sage ich aber noch nicht, wie ich dann abstimme."

Zugleich betont Heinrich aber auch, wandlungsfähig zu sein: "Von einem Gaul, der tot ist, muss man absteigen. Man darf nicht zu früh, aber auch nicht zu spät bessere Antworten akzeptieren." Als wandlungsfähig hat sich auch seine Partei erwiesen. Atomausstieg, flächendeckender Mindestlohn (Heinrich stimmte jeweils dafür), die Ehe für alle (Heinrich war dagegen) - die Partei hat im vergangenen Jahrzehnt immer wieder verblüfft. Er fühle sich in der CDU nicht weniger wohl als vor zwölf Jahren, betont Heinrich dennoch. In vielleicht 89 Prozent aller Fälle stimme er mit der Parteilinie überein.

"Sehr oft fallen Entscheidungen innerlich mit ein Drittel zu zwei Dritteln aus. Und das eine Drittel ist schmerzlich", räumt er aber ein. So habe ihm beispielsweise der Beschluss zum Einsatz der Bundeswehr in Syrien 2015 Bauchschmerzen bereitet; letztlich stimmte er aber zu und blieb wie fast immer auf der Linie der Partei.

Sein Steckenpferd ist Entwicklungshilfe. Jedes Jahr veranstaltet der CDU-Mann in Chemnitz die Konferenz "Business trifft Afrika", zu der Botschafter aus afrikanischen Staaten anreisen. Und für die er sich immer noch erklären muss, weil der Gewinn für seine Heimatstadt nicht sofort ersichtlich ist. "Dabei geht es mir darum, dass Chemnitzer Firmen die Angst verlieren und in Afrika Geld verdienen", sagt er. Dank seiner Vermittlung habe beispielsweise eine Chemnitzer Firma die Chance erhalten, ihre App, mit der sich gefälschte Medikamente entdecken lassen, auf dem afrikanischen Markt zu platzieren.

Auf der anderen Seite hat der 57-Jährige aber auch den Bundestagsbeschluss mitgetragen, mit dem Abschiebungen abgelehnter Asylbewerber in einige Staaten erleichtert wurden. Wie passt das zu christlicher Ethik und zum Schwerpunkt Entwicklungshilfe? Heinrich verweist darauf, dass es selbst bei verschärfter Gesetzgebung noch juristische und administrative Wege gebe, Abschiebungen doch noch zu verhindern. Das müssten dann eben Behörden entscheiden. "Wir können als Gesetzgeber nicht jedem Einzelfall gerecht werden. Das tut weh", sagt er. Politik habe eben viel mit Kompromissen zu tun.

Nun folgen womöglich vier weitere Jahre voller Kompromisse. Antreiben würden ihn heute wie beim ersten Wahlkampf Menschen und der Wille, Ungerechtigkeiten zu beseitigen. Müsste es dann nicht einen höheren Spitzensteuersatz geben? Darüber "könne man diskutieren", sagt Heinrich. Er bringe aber wohl "nicht so viel, wie uns vorgegaukelt wird". Die Frage, ob die Erbschaftssteuer angehoben werden sollte, habe er für sich noch nicht abschließend entschieden.

Und dann ist da ja noch das Thema Klimawandel, das die Debatten der kommenden Jahre bestimmen wird. Heinrich bevorzugt die Bezeichnung Erderwärmung. Sie sei, sagt er, nicht allein menschengemacht, die derzeitigen Auswüchse seien aber sehr wohl dem Menschen anzulasten. Vorwürfe, die Bundesregierung, die er als CDU-Mann mitträgt, hat das Thema zu langsam und zögerlich angegangen, weist er zurück. Wir haben es nicht verpennt, aber wir haben es für zu leicht erklärt." Er trete - schon seit Jahren - für eine "grüne Null" ein, also dafür, dass die Menschen nicht mehr verbrauchten, als sie haben beziehungsweise gegenleisten. "Aber das muss immer bezahlbar bleiben." Die Wiedereinführung von Atomkraft in Deutschland lehnt Heinrich ab, Tempolimits auf Autobahnen hält er für eine Scheinfrage, weil sehr hohe Geschwindigkeiten ohnehin nur von wenigen Autofahrern erreicht würden. Flugverbote für Inlandsstrecken, auf denen es gute Zuganbindungen gibt, seien keine geeignete Lösung, höhere Preise auf diesen Flugrouten aber eine Option.

Sollte Heinrich erneut in den Bundestag einziehen, würde er Chemnitz bis 2025 vertreten - jenem Jahr, in dem Chemnitz Kulturhauptstadt Europas ist. "Dafür in Berlin noch vier Jahre das Fähnchen hoch zu halten, das würde ich mit Begeisterung tun", sagt er und schiebt eine kleine Attacke gegen die AfD hinterher: "Da wäre ich ein wenig vorsichtig, wenn das ein direkt gewählter Vertreter der AfD machen müsste, die sich dagegen immer gewehrt hat." Bei der Bundestagswahl 2017 war der Kandidat der Rechtspopulisten sein härtester Konkurrent im Kampf um das direkte Mandat.

 

 


Frank Heinrich

Am 25. Januar 1964 in Siegen geboren, wuchs Frank Heinrich in einem christlichen Haushalt im badischen Steinbach auf. Er lebte zeitweise in einem Altenpflegeheim, in dem die Eltern tätig waren. Statt wie geplant Informatik oder Maschinenbau zu studieren - bis heute hat er einen Zahlen-Faible -, landete er bei der Heilsarmee, war später als Sozialarbeiter tätig, studierte Sozialpädagogik und Theologie und leitete zwölf Jahre die Chemnitzer Heilsarmee. Er ist seit 1987 verheiratet und hat vier Kinder: Veronica (1988), Janine (1989), Irina (1992) und David (1995). Er hat vier Bücher geschrieben und geht gerne ins Kino. (lumm)

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