Rittergutpark Schönau: Aus Dornröschenschlaf erwacht

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"Freie Presse" stellt in loser Folge Chemnitzer Parks und Grünanlagen vor. Heute geht es um ein Areal, das vor mehreren Jahrhunderten zu einem Rittergut gehörte. Lange verwilderte die Grünfläche, doch Schönauer kümmern um den Erhalt des Parks.

Eben noch scheint die Sonne erbarmungslos vom wolkenlosen Himmel, die Endhaltestelle der Straßenbahnlinie 1 in Schönau flirrt vor Hitze. Es sind weit über 30 Grad Celsius. Doch dann, mit einem Schritt, herrscht nicht nur Ruhe vor dem Baulärm an der Endhaltestelle, es wird auch kühler und vor allem schattig. Direkt neben der Haltestelle befindet sich dieser Ort, den der Verein "Gemeinsam in und für Schönau" aus langem Dornröschenschlaf wieder zum Leben erweckt.

Der ehemalige Rittergutpark unweit der Zwickauer Straße war komplett verwildert, erzählen die Vereinsvorsitzende Yvonne Kilian und ihre Mitstreiterin Katarina Seidel. "Das Gelände glich einem Urwald, Sträucher standen mannshoch, Wege gab es nicht. Es war ein richtig verwunschener Park", erinnert sich Katarina Seidel. Dass dort heute eine Sitzgruppe, Nistkästen, Vogelhäuschen und Insektenhotels stehen, der Park begehbar ist und alte Baumstämme die Wege durch das ehemalige Dickicht markieren, ist den Beteiligten an drei Arbeitseinsätzen seit Ende 2020 zu verdanken, berichten die Frauen.


Zunächst verzögerte jedoch die Pandemie die Rekultivierung der Anlage, die einst zum Ensemble des Schönauer Rittergutes gehörte und westlich vom kühlenden Stelzenbach begrenzt wird, der in unmittelbarer Nähe zum Park in den Kappelbach fließt. Dann, beim ersten Einsatz im November 2020, habe eine Mitarbeiterin des Grünflächenamtes einen Schredder mitgebracht, um Ordnung zu schaffen. Auf den bequem zu laufenden Wegen durch den kleinen Park, in dem Besucher durchaus auch mal auf einen Waschbären oder ein Eichhörnchen treffen können, liegen noch heute Teile des Geschredderten, damals gefällte Bäume markieren Wege. "Alles nachhaltig" sagt Yvonne Kilian.

Parallel bewarben sich die Schönauer beim "Nimm Platz"-Projekt der Kulturhauptstadt, das brachliegende Flächen im Stadtgebiet verschönern und so neue Lieblingsplätze entwickeln will. Bei einem Online-Voting stimmten so viele Menschen für das Projekt Rittergutpark, dass 2025 Euro Preisgeld flossen. "Von dem Geld haben wir die Sitzgruppe gekauft", sagt Yvonne Kilian. Die runde Bank um einen Baum ist der Mittelpunkt der Grünanlage und besonders an heißen Tagen ein willkommener Ruheort. Demnächst sollen am Eingang zum Park noch zwei Informationstafeln zur Geschichte des Rittergutes und zum Schönauer Verein aufgestellt werden, kündigt Yvonne Kilian an.

Erstmals erwähnt wurde das Rittergut 1551. Bis ins 18. Jahrhundert wuchs das Gut. Heute sind von dem ehemaligen Anwesen nur noch der Park und der weiter oberhalb Richtung Zwickauer Straße gelegene Zinnteich übrig. Doch auch das Gewässer hat schon bessere Zeiten gesehen. Es ist fast zugewachsen, eine Bank wurde entfernt. "Der Teich müsste saniert werden. Der Ablauf ist kaputt", sagt Katarina Seidel. Es gibt Pläne, in der Nähe ein klimaneutrales Bürgerhaus zu errichten. Zudem soll der Teich zu einem attraktiven Ort gemacht werden, den die Bewohner einer nahegelegenen Senioreneinrichtung auf- suchen können, sagt Katarina Seidel. So soll ein neues Zentrum für den Stadtteil entstehen. Seidel ist in Schönau aufgewachsen und es ihr wichtig, dass es dort für alle Generationen Angebote gibt. Besonders geht es ihr um die jungen Leute. Ihr schwebt ein Bauwagen als Jugendclub in der Nähe des Stelzenbaches vor. Wo jetzt noch alte Gleise für eine früher geplante Verlängerung der Straßenbahntrasse liegen, wäre Platz genug. Parallel dazu fällt der Hang zum Kappelbach ab, hier könnte eine Liegewiese entstehen, sagt Katarina Seidel auch mit Blick auf das "Stadt am Fluss"-Projekt der Kulturhauptstadt.

Sie, Yvonne Kilian und die Mitstreiter im Verein haben mit dem alten, neuen Rittergutpark noch viel vor. So soll die Anlage als grünes Klassenzimmer dienen, auch einen Naturlehrpfad wollen sie einrichten. Unterstützung bei ihrer Lebensaufgabe, wie die Frauen die Rekultivierung des Parks nennen, erhalten sie von Unternehmen und vor allem bei der Bürgerplattform West und ihrem Koordinator Michael Sandt. "Wir rufen an und bekommen Hilfe", erzählen sie von der unkomplizierten Zusammenarbeit. So erhielten sie für den Park von der Plattform 10.000 Frühlingsblüher. Bei einem Treffen der Bürgerplattform entstand vor einigen Jahren auch die Idee, den Park wiederzubeleben. "Wir waren der Ansicht, in Schönau muss was passieren", erinnert sich Katarina Seidel. Gemeinsam habe man sich an den Rittergutpark erinnert. "Dort sind wir früher rumgestromert. Da könnte man was machen", schildert sie die Gedankengänge von damals. Im Sommer 2022 ist aus der Idee Realität geworden.


Geschichte erleben

Historie: Der Rittergutpark Schönau ist ein Überbleibsel aus alter Zeit. Urkundlich erwähnt worden ist der Ort Schönau, dem die Lage ("schöne Aue") seinen Namen gegeben hat, erstmals im Jahr 1300. Das ehemalige Rittergut, von dem der Park mit dem Zinnteich erhalten geblieben ist, dehnte sich hauptsächlich auf dem Gebiet aus, das heute die Straßenbahnendhaltestelle einnimmt. Das Rittergutsgebäude stand auf dem Platz zwischen der Popowstraße und der Haltestelle, auf dem sich aktuell ein Autoteilehandel befindet. Eine historische Aufnahme des Rittergutes zeigt ein mehrstöckiges Hauptgebäude mit Anbauten und eine großzügige Grünfläche mit angrenzenden Bäumen und Sträuchern.

Verein: Im Oktober 2019 ist der Verein "Gemeinsam in und für Schönau" gegründet worden. Die Rekultivierung des Rittergutparkes ist derzeit eines der größten Vorhaben der Mitglieder. Weitere Informationen zum Verein stehen im Internet unter www.chemnitz-schoenau.de

Hinkommen: Der Rittergutpark in Schönau liegt verkehrstechnisch günstig direkt an der Endhaltestelle der Straßenbahnlinie 1. Dort gibt es auch eine Bushaltestelle, die mehrere Buslinien bedienen. In der Nähe befindet sich außerdem der Bahnhof Schönau, an dem die Regionalbahn hält, die zwischen Dresden, Chemnitz, Zwickau und Plauen verkehrt. Parkplätze gibt es an der Endhaltestelle jedoch nicht. Tipp: Beim Bäcker um die Ecke an der Zwickauer Straße bekommt man leckeren Kuchen und belegte Brötchen. (hfn)

Aufruf: Möchten Sie auch einen Park, der Ihnen besonders am Herzen liegt, vorstellen? Dann melden Sie sich per E-Mail: red.chemnitz@freiepresse.de

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