Zeugin entkräftet Gerüchte über Chemnitzer Tatnacht

Die Legende verbreitete sich schnell - und wirkte. Daniel H. sei nur tot, weil er einer Frau in Not half. Eine Zeugin straft diese Version jetzt Lügen.

Valeriya M. war die Frau, die den Notruf wählte in der Nacht, in der Daniel H. starb. Valeriya M. war die Frau des Mannes, der außer dem Todesopfer ebenfalls einen Messerstich abbekam am Chemnitzer Stadtfestwochenende. Am Dienstag war Valeriya M. die Zeugin, die im Totschlagsprozess gegen den Syrer Alaa S. (23) eine Legende zerstörte. Jene Legende, die rechte Gruppen nach der tödlichen Messerattacke im vorigen Sommer zur Mobilisierung für Demos genutzt hatten. Begrabschte Frau? Von wegen!

Mit leiser, aber fester Stimme schilderte die 34-jährige Chemnitzerin im Dresdner Gerichtssaal die letzte Stunde von Daniel H.s Leben. Wie sie mit ihrem Mann Dimitri, dessen Bruder Juri, dessen Frau und einer Schwester der Brüder nach einer Geburtstagsfeier übers Stadtfest gezogen sei. Wie die Familie den Heimweg antrat - vorbei am Alanya-Döner-Haus an der Straße der Nationen. Wie sie an der Brückenstraße Juris Arbeitskollegen Daniel trafen. Mit ihm hatte sich die Gruppe noch einmal festgequatscht.


Als mehrere südländische Jugendliche kamen, die nach Zigaretten fragten, habe sie ihnen welche geben wollen, schilderte Valeriya M. Doch hätten die Jungen eine eigene Schachtel gezückt und gelacht. Auf ihre Frage, was das solle, hätten die Jungen gesagt, dass sie als Deutsche wohl was gegen Ausländer hätten. Sie habe aufgeklärt, dass sie selbst ausländische Wurzeln habe. Die drei seien friedlich verschwunden, doch sei später ein junger Araber gekommen - aus der nahen Unterführung, die zu einer Tanzschule führt. Nach einer "Karte" habe er gefragt. Valeriya M. habe sich darauf keinen Reim machen können. Doch betonten andere Zeugen bereits, dass sie davon ausgingen, er habe ein Utensil zum Zurechtlegen einer Kokainlinie fürs Schniefen gemeint. Auf die abschlägige Antwort der Gruppe sei Daniel auf den Mann zugegangen. Der habe Daniel auf die Schulter geklopft. Was sie besprachen, sei nicht zu verstehen gewesen, bis Daniels lauter Ausruf erscholl: "Verpiss Dich!" Diesen habe der andere mit einer Ohrfeige auf Daniels Wange quittiert. Aus dem Augenwinkel habe sie mitbekommen, dass sowohl ihr Mann als auch der Schwager hinzueilen wollten, Daniel zu Hilfe. Die Schwägerin habe Juri festgehalten. Da habe sie verstanden, "dass es jetzt zum Streit kommt, zur Schlägerei", schilderte Valeriya M. Sie habe ihr Handy gezückt, den Notruf gewählt. Dann sei sie zum Dönerstand vorgelaufen. Als sie zurückkam, habe Daniel am Boden gelegen. Ihr Mann sei auf allen vieren gekrochen und habe gesagt, er blute. Die Messerattacken auf Daniel und ihren Mann habe sie selbst nicht gesehen - dann seien Daniels Augen "wie Glas geworden", als er das Bewusstsein verlor. Eine blonde Frau auf der Nebenklagebank tupfte sich bei Valeriya M.s Aussage mit einem Taschentuch die Augen. Daniels H.s Mutter wohnt dem Versuch selbst bei, den Tod ihres Sohnes aufzuklären.

Zum Thema Mobilisierung hatte die Verteidigung den ersten Zeugen des Prozesstags zuvor in die Mangel genommen. Juri M. hatte der Polizei ein Bild eines möglichen Verdächtigen zugemailt. Woher er das Foto habe, wollten die Verteidiger wissen. Auch wenn er das wisse, sage er es nicht, verweigerte Juri M. die Aussage. Nur, um sich in einer Prozesspause aufklären zu lassen, dass ihm bei Weigerung Ordnungsgeld oder Ordnungshaft drohen könnten. Das Foto sei ihm in einer Whatsapp-Gruppe zugesandt worden, von wem genau, wisse er nicht, immerhin seien rund 40 Leute in der Gruppe gewesen, räumte er ein. "Die russischen Leute wollen natürlich auch, dass die Tat aufgeklärt wird", hatte Juri M. der Polizei gesagt.

Bewertung des Artikels: Ø 4.3 Sterne bei 4 Bewertungen
15Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 4
    1
    29.03.2019

    Ist es nicht völlig egal wegen WAS er umgebracht wurde? Er wurde umgebracht und das ist traurig genug!

  • 8
    2
    Pixelghost
    27.03.2019

    Wann hat die Zeugin ihre Aussage bei der Polizei gemacht? Weiß das hier jemand?

    Offensichtlich bereits kurz nach der Tat, denn die Polizei hat das Gerücht, die Frau sein belästigt worden, ja schon Ende August dementiert - bezugnehmend auf die Aussage der Frau.
    Aber wen interessiert das schon.

    Und nun - nach 6 Monaten - sind einige verwirrt und erstaunt und schreien „Jetzt erst fällt der das ein...“ ...Verschwörung...ect. pp.

    Wer es noch nicht weiß: Beweismittel - und dazu zählen auch Zeugenaussagen - werden im Strafverfahren erst mit ihrer Wiederholung bzw.. Bestätigung in der Beweisaufnahme gerichtsfest.
    Also muss die Frau ihre Aussage vor Gericht bestätigen. Und das passiert nun mal in diesem Fall 6 Monate nach der Tat.

    @Lesemuffel, ich hatte an anderer Stelle die Frage gestellt, wo denn das Messer her ist, an dem die DNA des noch Flüchtigen (stand im übrigen in der FP) gefunden wurde wenn, wie sie behaupten, der Tatort und die Beweise - wie haben sie sich ausgedrückt: unverständlicherweis - nicht gesichert wurden?

    Sind sie in der Lage die Frage zu beantworten?

  • 5
    6
    kartracer
    27.03.2019

    @Lesemuffel, wer hier für Sie die "ROTE" gezogen hat, sollte sich bitte den Film noch anschauen! Ich hatte bereits gestern auf den gleichen Bezug, anderer Artikel,
    eine ähnliche Erkenntnis wie folgt beschrieben.
    "Irgendwie lässt sich hier eine Schlussfolgerung zu dem gestern im ZDF gezeigten Krimi "Gegen die Angst" nachvollziehen. Auch die nachfolgende Doku dazu, ist recht aufschlussreich.
    Alles nur Panikmache, oder steckt hier etwas mehr dahinter, vielleicht etwas Realität?"
    Wer es nicht hören möchte, die ROTEN sind noch zahlreich zu haben!

  • 9
    3
    saxon1965
    27.03.2019

    @Eichelhäher65, sie wollen aber jetzt den Opfern nicht wirklich eine Mitschuld anhängen, weil die um vier noch nicht zu Hause waren? Auch liest sich der Artikel eher so, dass die Begegnung mit dem späteren Täter eher harmlos begann, mit einem ruhigen Gespräch. Was der Täter zu Daniel sagte und warum dieser verbal so deutlich reagiert hat, werden wir nie erfahren.
    Bei anderer Gelegenheit beschwert man sich, dass in Chemnitz "Tote Hose ist". Auch wäre es sehr bedenklich, wenn man mitten im Stadtzentrum vier Uhr nachts Angst um sein Leben haben müsste. Letztlich besteht das ganze Leben aus Risiken und endet meistens mit dem Tot. Ist keines Falls sarkastisch gemeint!
    @Lesemuffel, da bin ich ausnahmsweise mal bei Blackadder, dass "... bei einer so schweren Anklage wie Mord oder Todschlag..." man so eine Verhandlung nicht auf die leichte Schulter nehmen kann.
    Beim Film habe ich nur die letzte viertel Stunde gesehen. Sehr interessant fand ich die Reportage danach. Man fragt sich echt, ob wir überall noch "Herr im eigenen Haus" sind. Da kann man sich vorstellen, was in Zukunft in Deutschland so abgehen wird, wenn sich die jetzigen Schutzsuchenden ähnlich integrieren, wie die Protagonisten in dieser Reportage.

  • 11
    6
    Blackadder
    27.03.2019

    @Lesemuffel: den von Ihnen erwähnten Film habe ich nicht gesehen, bin aber bei einer so schweren Anklage wie Mord oder Todschlag schon der Meinung, dass es zweifelsfrei nachgewiesen werden muss, wenn man jemanden verurteilen und viele Jahre hinter Gitter stecken will. Zumal ja der mutmaßliche Haupttäter eh nicht gefasst ist.

  • 7
    15
    Lesemuffel
    27.03.2019

    Wenn man die Verhandlung, die Zeugenaussagen nach über sechs Monaten so verfolgt, dazu die "verständnisvollen" Kommentare hier im Forum, dann könnte man annehmen, es ist die Fortsetzung der Gerichtsverhandlung des ZDF-Films "Gegen die Angst" vom vergangenen Montag.

  • 4
    16
    Eichelhäher65
    27.03.2019

    Es war ein Streit unter Ausländern, der niemals wirklich aufgeklärt werden wird.
    Wenn Daniel H. , statt auf den hier besagten Mann zuzugehen, abgehauen wäre, würde er noch leben, soviel steht fest ! Und was hat ein Familienvater überhaupt noch um vier Uhr früh auf einer solchen Fete, wo es von Alkohol- und Drogenkonsumenten nur so wimmelt, zu suchen ? Da gehört er heim zu seiner Familie !
    Das rechtfertigt die Straftat nicht, aber jeder -ob Deutscher oder Ausländer- sollte
    sich gut überlegen, was ihm wichtig ist und ob er bei bestimmten Veranstaltungen
    überhaupt dabei sein muss. Dass das Stadtfest dieses Jahr abgesagt wird, finde ich jetzt richtig, man kann nicht einfach so weitermachen als wäre nichts gewesen.

  • 12
    1
    saxon1965
    27.03.2019

    @Blackadder, sie haben Recht.
    FP vom 27.08.2018: "Bei der Messerstecherei in der Nacht zu Sonntag war gegen 3.15 Uhr ein 35 Jahre alter Mann ums Leben gekommen. Er verstarb im Krankenhaus. Zwei 33 und 38 Jahre alte Männer wurden teils schwer verletzt."

  • 14
    7
    Blackadder
    27.03.2019

    "So wurde lange Zeit geleugnet, dass es ein zweites Opfer gab. "

    Wer hat das geleugnet? Es wurde höchstens geleugnet, dass es ein zweites Todesopfer gab - und das stimmt ja wirklich nicht!

  • 17
    3
    saxon1965
    27.03.2019

    @Hinterfragt: Die Frage ist doch, ob es anfangs überhaupt eine Aussage gab, dass es zu Unsittlichkeiten einer Frau gegenüber gekommen war oder ob das nun als Gerücht entlarvt wurde.
    Allerdings wurde wohl von beiden "Seiten" nicht immer die Wahrheit gesagt. So wurde lange Zeit geleugnet, dass es ein zweites Opfer gab. Die ganze traurige Angelegenheit wird zusätzlich von Manipulationen, politischem Missbrauch und stattlichem Versagen überschattet. Dennoch kann man nur hoffen, dass der Tot Daniel H.s und die lebensgefährliche Verletzung Juris aufgeklärt und die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden. Ich bezweifle jedoch, dass man den dringend tatverdächtigen zweiten Täter jemals dingfest machen wird. So offene Grenzen haben eben auch ihre Nachteile. Nebenbei bemerkt ist es doch immer wieder erschreckend, wie viele Kriminelle, Drogen u. ä. m. bei spontanen Grenzkontrollen erwischt werden, wie zum Beispiel vorm G20-Gipfel.
    Und was das Verwechseln von Ausländern betrifft, so wissen wir doch, dass man mitunter große Probleme hat Menschen anderer Volksgruppen unterscheiden zu können.

  • 17
    7
    Blackadder
    27.03.2019

    @Hinterfragt: Das ist doch Blödsinn. Jeder, der die Berichterstattung verfolgt hat, weiß, dass die Polizei die Version der belästigten Frau sehr schnell bestritten hat. Die Freie Presse selbst schrieb am 29.08.2018:

    "Am Sonntagmorgen wurde von einzelnen Medien und im Internet verbreitet, der Tat sei die sexuelle Belästigung einer Frau vorausgegangen, das spätere Opfer habe sie schützen wollen. Die Polizei dementierte rasch, trotzdem hält sich das Gerücht bis heute in sozialen Medien. Der "Freien Presse" übermittelte die betroffene Frau, sie sei nicht sexuell belästigt worden."

    https://www.freiepresse.de/NACHRICHTEN/EILMELDUNG/update-nach-der-gewalttat-von-chemnitz-was-wir-wissen-und-was-wir-nicht-wissen-artikel10298191

  • 22
    3
    jeverfanchemnitz
    27.03.2019

    Warum manche nicht wissen, was ein Gerücht ist, wie es entsteht und wie man es instrumentalisieren kann. Und den Unterschied zu beiweiskräftigen beeideten Aussagen respektlos negiert.
    Und wer in der politischen Landschaft vorrangig mit Gerüchten agiert und Tatsachen gar nicht gefragt sind, weil nicht ins Konzept passend. Hatten wir alles schon mal vor ca. 80 und ca. 30 Jahren.

  • 7
    20
    Hinterfragt
    27.03.2019

    "...Eine Zeugin straft diese Version jetzt Lügen...."
    Ist schon komisch.
    Jetzt nach über einem halben Jahr fällt ihr das ganz plötzlich ein ...
    Warum hat sie das nicht gleich am Tatort/ Tattag den Ermittlern erklärt?
    Ein Schelm der böses dabei denkt.
    Ist wie mit dem anderen Zeugen, der den Angeklagten auf einmal nicht erkannt haben will.

  • 29
    3
    Pixelghost
    26.03.2019

    @Lesemuffel, das deutsche Strafrecht kennt keinen „Freispruch mangels Beweise“.

    Entweder die Tat kann bewiesen werden oder nicht. Wenn nicht, dann ist der Angeklagte freizusprechen.

    Die Polizei hat den Tatort und Beweise nicht gesichert? Woher kommt dann das Messer, an dem die DNA des immer noch flüchtigen Farhad A. gefunden wurde?

  • 4
    30
    Lesemuffel
    26.03.2019

    Ein Missverständnis, vielleicht wegen mangelnder Deutschkenntnisse. Man sollte den Prozess mit einer Ordnungsstrafe beenden. Offenbar sind die sogenannten mutmaßlichen Täter gar nicht beteiligt gewesen, sondern es war ein Streit innerhalb der Gruppe von Alinya. Da die Polizei unverständlicherweis den Tatort und Beweise nicht gesichert hat, ist "Freispruch mangels Beweise" die einzig richtige Entscheidung.



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