Am Tisch zwischen den Stühlen

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Die "Freunde aktueller Kunst" in Zwickau zeigen fünf künstlerische Antworten auf eine Installation von Pipilotti Rist. Aber hat sie überhaupt eine Frage gestellt?

Zwickau.

Der Tisch hat Platz für fünf Personen. Eine Künstlerin und vier Künstler hat der Zwickauer Verein "Freunde aktueller Kunst" eingeladen, sich an den Tisch oder zwischen alle bunten Stühle zu setzen. Gewählt haben die Protagonisten eher Letzteres. Womit sie vielleicht gar nicht so falsch liegen.

Es ist ein besonderer Tisch, an dem Emma leider nicht sitzen kann. Mit "Emma" hatte die britische Soulband Hot Chocolate 1974 einen Hit. Kongenial interpretiert wurde der Song über das Mädchen Emma, das an seinen Träumen zerbricht und sich in jungen Jahren umbringt - wofür "Freitod" das falsche Wort ist - 1983 von den Sisters Of Mercy. Die Schweizer Künstlerin Elisabeth Charlotte "Pipilotti" Rist, Jahrgang 1962, gehört laut "Manager Magazin" zu den zehn bedeutendsten Künstlerinnen der Gegenwart. Bekannt ist unter anderem ihre Aktion, bei der sie mit einer Blume in Zeitlupe Autofenster einschlägt. Der Titel ihrer Installation "Emily, I'm Gonna Write Your Name High On The Silverscreen", die in Zwickau zu sehen ist, geht auf den Song "Emma" zurück. Der Satz lautet vollständig: "Emily, ich schreib deinen Namen oben auf die Leinwand, ich mach dich zum größten Star, den die Welt je gesehen hat". Was nicht gelang. Gelungen ist Pipilotti Rists spiegelnder Tisch, auf dem alltägliche Versatzstücke, Gläser, Nippes, herumstehen, während in der Mitte Videos aus einer anderen Welt zu sehen sind, in der sich Menschen fröhlich, aber unwirklich an einem Tisch bewegen. Die Installation ist ein Kontrast zu Emilys tragischer Geschichte - ein greller Abgesang auf die Lebenslügen, die von den sinnlos bunten Dingen genährt werden.

Darauf lassen sich die fünf Arbeiten, die jetzt in der Galerie der "Freunde aktueller Kunst" zu sehen sind, nur zum Teil ein. "... kommt auf den Tisch. Fünf Künstler*innen antworten Pipilotti Rist" heißt die Ausstellung. Auf welche Frage sie der Aktivistin der Weiblichkeit und Chronistin der Populärkultur antworten, bleibt aber eher unklar.

In der Installation von Louise Walleneit hat die Antwort einen Klang - zumindest dann, wenn ein Besucher in die Nähe der einer Spanischen Wand ähnlichen Installation aus bedruckten Polstern und Aluminium kommt. Das vermittelt ebenso eine Art Körpergefühl wie die Installation von Harry Hachmeister, der sich nicht sicher war, "ob ich Rists Arbeit wirklich verstehe" und eine ganz ähnliche Komposition aus Spiegeln und Versatzstücken installiert hat, deren Teil Besucher werden, indem sie sich in den Spiegeln sehen.

Oliver Kossacks wandbreite Collage mit installativen Elementen öffnet "Fenster zum Möglichen", wie er selbst schreibt, indem er etwa fordert: "Nieder mit der Unterdrückung!" Dieser Forderung würde sich wohl auch Osmar Osten anschließen, der in zwei Ölbildern Rists Tisch mit unzähligen darauf stehenden Gläsern nachempfunden hat - verbunden mit den Einsprengseln politischer Symbole wie Hakenkreuz, Judenstern, Hammer und Sichel als Beispiele dafür, wer heute alles mit am Tisch sitzt, wenn es um die Zukunft geht. Ekkehard Tischendorf macht sich in zwei Gemälden leise auf die Suche nach dem "geheimen Herz von Emily" - so ein Titel -, das sich in einer Art gläsernen Hülle versteckt.

Die originelle, mit nur sechs Arbeiten dennoch erstaunlich vielseitige Ausstellung geht auf die Initiative "Ortsgespräche" zurück, bei der Kunstvereine und Galerien abseits der Metropolen jeweils in Dialog mit einem zeitgenössischen Werk aus der Schenkung Sammlung Hoffmann der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden treten können. Die Ausstellung zeigt, dass man solche Dialoge auch dann führen kann, wenn man verschiedene künstlerische Sprachen spricht.

Die Ausstellung "... kommt auf den Tisch. Fünf Künstler*innen antworten Pipilotti Rist" ist bis 17. September in der Galerie der "Freunde aktueller Kunst" in Zwickau, Hauptstraße 60/62 zu sehen.

www.freunde-aktueller-kunst.de

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