Aus dem Kellerloch an die Kremlmauer

Vor 150 Jahren wurde der russische Erzähler und Dramatiker Maxim Gorki geboren. Vom Fürsprecher eines Marxismus mit christlichem Antlitz wurde er angesichts der sowjetischen Realität zusehends zu einer Symbolfigur des Sozialistischen Realismus.

Chemnitz.

Ein Theaterereignis, eine Sternstunde: Star-Regisseur Peter Stein kam mit seiner viel gerühmten Inszenierung des Gorki-Stückes "Sommergäste" 1978 in die DDR. Und auf der Stadthallenbühne im heutigen Chemnitz standen Birken aus dem Erzgebirgswald, zwischen denen die Westberliner Schaubühnenakteure flanierten. Gäbe es nur diese Erinnerung, die sich mit Maxim Gorki in unseren Breiten verknüpft, es wäre allein schon Anlass genug, auf den heutigen 150. Geburtstag des großen Erzählers und Dramatikers zu verweisen. Geboren am 28. März 1868 als Alexei Maximowitsch Peschkow in Nishni Nowgorod, der Stadt, die 64 Jahre später seinen Namen tragen würde. Kindheit und Jugend in Armut und Bitternis. Nicht zufällig wird er sich deshalb Gorki, "der Bittere" nennen. Sein Großvater war Wolgatreidler, sein Vater Tischler, aber ihn umgaben Hunger, Rohheit, Verbrechen.

Gorki, der in seinen frühen Jugendjahren diese Welt der Geschlagenen und Unterdrückten selbst erlebte, der sich in Dutzenden von Gewerken versuchte, der seine Wanderungen in den Quartieren der Trinker und Gestrauchelten verbrachte, er hat diese Szenerie des alten Russland nicht nur ertragen, sondern auch beschrieben. Ach, was war das für ein Leben in dieser Kellerwohnung in Nishni Nowgorod. Was musste er nicht alles machen, um sich Brot, aber auch Geld für Bücher zu verdienen: Schuhverkäufer und Nachtwächter, Landarbeiter und Fischer. Es war ein Landstreicherdasein, er hat diese Wege und Irrwege später in den autobiografischen Büchern "Meine Kindheit", "Unter fremden Menschen" und "Meine Universitäten" beschrieben. Der Vagabund wurde schließlich ein Dichter. Die frühen Geschichten, "Makar Tschudra", "Tschelkasch" und andere, seine ersten Stücke "Die Kleinbürger" (1901) und "Nachtasyl" (1902, Originaltitel wörtlich übersetzt "Am Boden") begleiteten seinen literarischen Aufstieg. Auch das Stück "Sommergäste", uraufgeführt 1904 in St. Petersburg, gehörte zu den literarischen Achtungszeichen seiner frühen Jahre. Bald schon fand er Freunde und Weggefährten; die Kollegen Wladimir Korolenko, Iwan Bunin und Anton Tschechow sowie den Bassisten Fjodor Schaljapin, die seine Ehrenmitgliedschaft in der russischen Akademie der Wissenschaften verteidigten.

Gorkis Weltkarriere begann um die Jahrhundertwende. Stefan Zweig und Romain Rolland entdeckten die Größe dieses Schriftstellers. Fast hymnisch feiert Zweig das Neue, Besondere dieses Dichters: "Gorki war keineswegs bloß zufällig einer der genialsten Erzähler der Weltliteratur; erst wenn man ihm gegenübersaß und er zu erzählen begann, erkannte man, wer er war." Gorkis Auftritt in der Literatur war ein Ereignis. Er reiste ins Ausland, nach Frankreich, in die USA, dort schrieb er den Roman "Die Mutter". Es handelt von der Arbeiterfrau Pelageja Nilowna, die das Werk ihres für die Sozialdemokratie streitenden Sohnes Pawel fortsetzt, als der verhaftet wird - bis ihr schließlich gleiches widerfährt. Nicht jedoch, ohne zuvor noch ein revolutionäres Flugblatt ihres Sohnes an die proletarischen Massen verteilt zu haben.

Die italienische Insel Capri wurde sein Domizil, von wo aus er sich für die revolutionäre Bewegung in Russland einsetzte. Aber er geriet mit seinen Vorstellungen von einer sozialen Veränderung immer wieder zwischen alle Stühle. Sein Versuch, Marxismus und Christentum zu verknüpfen, führte zu einer Auseinandersetzung mit Lenin und der Oktoberrevolution. Wiederum verbrachte er Jahre in Sanatorien Italiens, verbrachte den Sommer 1922 in der Villa Irmgard in Heringsdorf auf der Ostseeinsel Usedom und 1922/23 mehrere Monate in Bad Saarow am Scharmützelsee in Brandenburg, bis er 1927 in die Sowjetunion zurückkehrte.

Vielleicht beginnt nun der Irrweg des Autors, der den sogenannten "Sozialistischen Realismus" propagierte. Stalin besuchte ihn, er bekam Orden; seine Geburtsstadt wurde 1932 in Gorki umbenannt. Gorki meinte nun, revolutionäre Literatur müsse die Welt verändern. Vielleicht beginnen hier die Verwirrungen und Verirrungen des Mannes, deren frühe Ansätze schon Leo Tolstoi sehr direkt beschrieb: "Zu Hause habe ich abends Gorki zu Ende gelesen. Alles eingebildete und unnatürliche, gewaltige heroische Gefühle und Verlogenheit, aber ein großes Talent." 1936 stirbt Gorki in Moskau, seine Urne wird an der Kremlmauer bestattet. Gerüchte kursieren um ein Mordkomplott von NKWD-Chef Genrich Jagoda, den man 1938 infolge des dritten Moskauer Schauprozesses unter anderem für diese vermeintliche Tat hinrichtet.

Aber es war wohl die Last der schweren Zeiten, die seinem Leben ein Ende setzte. Trotz aller Irrtümer seiner Anschauungen, der Erzähler der autobiografischen Bücher, der Romane "Drei Menschen und "Das Werk der Artamanows" gehört zu den Großen der Weltliteratur des 20. Jahrhunderts. Vielleicht ist das Stück "Sommergäste", ein Beispiel für Gorkis literarische Weltsicht. Inmitten der Langeweile und Leere auf jener Datscha unter den russischen Birken gibt es eine Hoffnung: Einige starke Frauen versuchen einen Weg in eine neue Zeit. Freilich, wohin dieser Weg heute mit den Büchern Gorkis führt, muss jeder Leser für sich entscheiden.

Maxim Gorki - Der Bittere

Der "Bittere" hieß er, weil er Bitteres nicht In Süßes fälschte und, was bitter war,

Das Bittere nannte. Denn die Bitternis

War groß. Welch ein Geschmack, wie widerlich

 

War diese Armut! Tief muß man sie kosten,

Um ihren bitteren Kern herauszuspucken

Und um zu sagen: "So, jetzt sind Wir voll des Leids. Genug der Bitternis."

 

Wie gut das Leben schmecken kann! Im Traum

Hat man schon oft geschmeckt den Wohlgeschmack

Der Freuden, und der Tod war danach leicht,

 

Er schmolz dahin, und nichts an ihm war bitter. -

Er hieß: Der Bittere. Und er brachte uns

Auf den Geschmack. -

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