Broilers-Sänger Sammy Amara im Interview: Tür an Tür mit Alice

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Amara über neue Freude am alten Ska-Sound, die Gelassenheit des Alters und den Umgang mit Andersdenkenden

"Puro Amore" heißt das eben erschienenen neue, mittlerweile achte Album der Broilers, und es untermauert den Status der Gruppe als eine der wichtigsten deutschen Rock-Größen mit einem gekonnten, frischen Rückgriff auf frühere Oi!-Tage. Inhaltlich dagegen hat Sänger und Texter Sammy Amara mehr zu sich selbst gefunden, die Songs sind milder und nachdenklicher. Im Interview drückt sich der Düsseldorfer dagegen wie immer sehr gewählt aus und pflegt seine Vorliebe für schöne Fremdwörter. Tim Hofmann hat mit ihm gesprochen.

Freie Presse: Herr Amara, wollten Sie Ihr neues Album ursprünglich wirklich jetzt im April veröffentlichen - oder hat die Pandemie für den Termin eine Rolle gespielt?

Sammy Amara: Wir wollten die Platte in der Tat früher rausbringen, mussten sie aber verschieben, weil mir irgendwann nichts mehr einfiel: Als mit der Pandemie die Gewissheit kam, dass wir unsere Sommer-Open-Airs 2020 absagen müssen, bin ich dann ganz in ein Motivationsloch gefallen. Ich war allerdings recht dankbar, denn mir waren schon Anfang 2020 etwas die Ideen ausgegangen, da war ich schon ziemlich mit der Brechstange dabei und hab prokrastiniert. Insofern habe ich im ersten Lockdown Zeit geschenkt bekommen und war ganz froh darüber, denn es sind doch noch eine Menge Lieder dazugekommen - die Hälfte der Stücke hab ich nach meinem kleinen Löchlein geschrieben.

Die Frage nach der Pandemie drängt sich vor allem auf, weil diese in den Stücken eigentlich gar keine Rolle spielt ...

Ja, ganz bewusst! Die beiden Lieder, die man am ehesten auf Corona beziehen könnte, sind nur die beiden Singles "Gib das Schiff nicht auf" und "Alles wird wieder Ok", aber die sind tatsächlich schon vorher entstanden. Ganz am Anfang des Lockdown habe ich mal probiert, alleine was dazu zu machen, so wie ja fast jeder Musiker. Ich bin aber sehr froh, dass das nie erschienen ist. (lacht) Du kannst dir sicher sein, dass, wenn die Pandemie vorbei ist, niemand mehr Lieder darüber hören möchte. Niemand!

Auch ohne Corona leben wir in rauen Zeiten, und da ist es doch bemerkenswert, wie versöhnlich die Platte klingt, selbst in der Auseinandersetzung mit der AfD im Song "Alice und Sarah", der an Sarah Bossard appelliert, ihre Ehefrau Alice Weidel doch mal fest zu umarmen und ihr "die Streichhölzer wegzunehmen". Woher kommt das?

Ich mag es sehr, wenn viel vom Wesentliche zwischen den Zeilen steht. Das Thema von Alice und Sarah löst bei mir massives Kopfschütteln aus, aber ich hab es geschafft, das auszudrücken, ohne jemandem eine Bratpfanne über den Kopf zu hauen. Ich bin der Meinung: Die ganz großen politischen Gesten mit der Dachlatte, die helfen vor allem dir selber. Als Band bringt das die Fans, die eh auf deiner Seite sind, dazu, dich zu beklatschen, denn das klingt markig und stark. Wenn Du aber was erreichen möchtest, dann musst du anders an die Sache rangehen. Wenn du zum Beispiel erreichen möchtest, dass die Menschen weniger Fleisch essen, dann musst du die vegetarischen Ersatzprodukte in den Mainstream bringen, in den Supermarkt um die Ecke - in der kleinen Blase im Elite-Tante-Emma-Veganladen bleibst Du allein. Diesen Ansatz muss man jetzt weiterspinnen und auf Antirassismus, Antisexismus und so weiter übertragen.

Die Klammer zu "Alice und Sarah" ist der Song "Niemand wird zurückgelassen". Wie weit kann man auf Menschen, die sich von der demokratischen Allgemeinheit entfernen, zugehen?

Bezüglich "Spaziergängern" oder Querdenkern ist ein Dialog eingeschränkt möglich. Man kann es versuchen, und ich tue das auch Pfadfinder-mäßig mindestens einmal am Tag, indem ich bei Facebook oder diversen Nachrichtenportalen, eine Diskussion beginne oder auf einen Kommentar antworte. Ich versuche dann dem Menschen, der da in meinen Augen Unsinn schreibt, Argumente zu geben, warum seine Einstellung aus meiner Sicht gefährlich ist. Aber du merkst schnell, die Arme sind verschränkt, du kommst da nicht ran. Und wer so zumacht, denn muss ich nicht mitnehmen, den will ich nicht bei mir haben. Mit Faschos diskutiere ich nicht. Aber mir geht es um Leute, die straucheln, die nicht mehr sicher sind, wo sie hingehören. Denen möchte ich dann einfach den alte Oma-Spruch an die Hand geben: "Was Du nicht willst, das man dir tu', das füg' auch keinem and'ren zu." So einfach ist die Kiste doch!

Das Album beginnt mit einem Song übers Älterwerden. Hat eine gewisse Altersmilde Ihnen die Wut genommen?

Nein, ich nutze meine Wut heutzutage nur sinnvoller. Eine Stärke, die mir mit den Jahren dazukam, ist die Kraft, Nein zu sagen. Das ist mir immer extrem schwer gefallen. Der erste Song ist daher meiner Dankbarkeit geschuldet, dass wir heutzutage sein dürfen, wie wir sind, uns nicht Konventionen anpassen müssen wie noch unsere Großeltern. Da kam Opa heim, und Oma hat die Schlappen vor den Ohrensessel gestellt. Mit 40 war das Leben durch! Ich bin jetzt 41, und ich habe gestern noch mit einer Plastikpistole vor der Playstation Aliens erschossen!

Macht das Alter aber nicht trotzdem etwas mit Ihnen?

Auf jeden Fall. Nur hat "altersmilde" in meine Augen so eine negative Konnotation. Es ist eher eine schöne Gelassenheit, die mit den Jahren kommt. Ich habe gelernt, und das hat 27 Jahre gedauert: Ich kann sie nicht alle glücklich machen! Auch wenn ich gern hätte, das mich jeder lieb hat. Es geht einfach nicht! Daher fühle ich mich auch nicht mehr so schnell persönlich angegriffen.

"Liebhaben" ist ein gutes Stichwort, denn das Thema zieht sich recht gekonnt durch das ganze Album. Dämpft das mittlerweile selbst Ihre Schmerzphasen?

Ein ganz wichtiges Lied ist "An allen anderen Tagen nicht (Lebe, Du stirbst!)", das letzte auf der Platte. Das macht uns als Band immer noch super traurig, weil es für zwei Freunde aus unserem Alter geschrieben wurde, die vor nicht allzu langer Zeit gestorben sind. Ich kann dem aber mittlerweile eine Bittersüße abgewinnen, denn in all der Traurigkeit liegt auch Hoffnung, denn alles, was wir aus Verlusten lernen kann, ist, dass wir die Verpflichtung haben, unser Leben zu genießen und so gut wie möglich zu führen. "Puro Amore" ergibt dann am Ende einfach Sinn. Selbst "Alice und Sarah" ist ja eigentlich ein verkapptes Liebeslied.

Dazu passt, dass Sie wieder verstärkt auf Ihre alten Ska-Wurzeln zurückgegriffen haben...

Ja, wir hatten total Bock auf Offbeats und Vollbeschäftigung der Bläser. Ich hatte diesmal beim Komponieren keinen roten Faden und hab alles dankbar so genommen, wie es aus mir rauskam. Das war dann eben neben viel Oldschool-Ska auch etwas 80er-Cure-Wave dabei, mal was Elektronisches oder eine Punknummer. Und diese Bandbreite finde ich sehr gut.

Hat es keine Rolle gespielt, dass Ihnen nach den Alben "Noir" und "(sic!)", die ja eher normal rockig die Charts stürmten, in Szene-Fankreisen gewisse Kommerzialisierung im Sinn großer Festivals vorgeworfen wurde?

Nö. Wir lieben nach wie vor die kleinen Klubs, aber wir lieben auch Festivals sehr. Alles geil! Wir lesen die Kommentare natürlich und sprechen auch darüber, aber wir sind eben kein Dienstleistungszentrum. Am Ende des Tages müssen wir das machen, was wir richtig finden, sonst fühlt es sich komisch an. Wir können unsere musikalische Ausrichtung ja nicht nach Umfragen gestalten!tim

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