Der Überforderer

Karlheinz Stockhausen, der am Mittwoch 90 Jahre alt geworden wäre, war einer der bedeutendsten Komponisten des 20. Jahrhunderts. Sein Werk hat Spuren hinterlassen - auch da, wo man sie kaum vermutet.

Köln.

Es passiert selten, dass bei einem Sinfonieorchester angestellte Musiker angesichts dessen, was sie auf ihren Pulten vorfinden, bei der Probe und noch vor der eigentlichen musikalischen Aufführung die Brocken hinschmeißen und unter Absingen schmutziger Lieder den Arbeitsplatz verlassen: Die Instrumentalisten des Orchesters der Bonner Beethovenhalle dürften da zu den ersten der neueren Musikgeschichte gehört haben. Doch am 15. November 1969 sollten sie, in vier Gruppen aufgeteilt, Übergangsmusiken zu einem musikalischen Happening mit Werken des Komponisten Karlheinz Stockhausen spielen - unter dem Titel "Fresco" ebenfalls von ihm komponiert. Was sich da in den Noten fand, war indes für die traditionell ausgebildeten Musiker keine Musik - und nach Vortragsangaben wie "Glissandos nicht schneller als eine Oktave pro Minute" zu spielen, empfanden sie als Zumutung. Mancher fragte gar bei seiner Gewerkschaft telefonisch an, ob er derlei spielen müsse. Er musste. Zuvor indes hatte Stockhausen selbst es abgelehnt, den Musikern zu seiner Komposition Rede und Antwort zu stehen und erklärte ihnen nicht, was er sich bei seiner Arbeit dachte. Manche Musiker packten ihre Sachen noch bei der Probe und und gingen. Andere musizierten am Abend dennoch - unter Protest, mit Schildern auf den Pulten: "Wir spielen, oder wir werden entlassen."

Es war nicht erst diese Episode, die Karlheinz Stockhausen, der am Mittwoch seinen 90. Geburtstag feiern würde, aus der in der bundesdeutschen Nachkriegszeit relativ vielfältigen Szene der zeitgenössischen Komponisten heraushob. Auch nicht sein Ansatz der seriellen Musik, bei der Tonhöhen, Tondauern, Lautstärke et cetera nach rein mathematischen Gesetzmäßigkeiten festgelegt werden, was die entstehende Musik praktisch dem persönlichen Geschmack des Komponisten und erst recht dem der Interpreten entzieht. Viele Komponisten dieser brachen mit allen bisherigen musikalischen Regeln, schufen Musik ohne Themen oder Motive. Stockhausen aber begann als einer der ersten zusätzlich damit, Lautsprechern und Mikrofonen als Instrumente zu einzusetzen, experimentierte mit elektronischer Musik, verwob Tonbandklänge oder Alltagsgeräusche am Mischpult mit von Instrumentalisten gespielter Musik. Etwa im Genre-Meilenstein "Gesang der Jünglinge" - auch diese dem Geräusch näher als Dingen wie Melodie, Harmonie und Rhythmus: Ein Stück, das György Ligeti nach eigener Aussage 1956 über Kurzwelle im Radio hörte, während vor der Tür sowjetische Panzer auf Budapests Straßen den ungarischen Volksaufstand niederwalzten.

Für den 33-jährigen Ligeti ein elementares Erweckungserlebnis: Wer Ohren hatte, der hörte. Aber wie bei vielen Tonsetzern vor ihm, galt auch für Stockhausen: Man liebte ihn, oder man hasste ihn. Wobei Letzteres allein schon der überfordernden Komplexität von Stockhausens Musik wegen vielen näher lag - zumal der Lehrersohn auch als Künstlerpersönlichkeit skurrile Züge aufwies. Als Komponist, behauptete er etwa 1983 in einem Gespräch mit dem "Spiegel", sei er nicht identisch mit Karlheinz Stockhausen - vielmehr sei seine musikalische Seite ein unsterblicher Geist, der sich beliebig oft "verpuppen" könne und sein Rüstzeug auf dem galaktischen Zentralstern Sirius empfangen habe. "Alles, was ich hier als Komponist schaffe, sollte eine Beziehung haben zur Ordnung der Sterne und zu den universellen Gesetzmäßigkeiten", konstatierte er. Wenige Jahre zuvor hatte er auf die Frage, ob er der Beethoven der Gegenwart sei, nonchalant geantwortet: "Ach, das kann sein". Selbst Wohlwollende überforderte seine Einschätzung der Anschläge vom 11. September 2001. Er bezeichnete sie keine Woche nach den Ereignissen in den USA als "Kunstwerk" von kosmischen Dimensionen. Verbrecherisch, sagte er, sei daran nur gewesen, dass die 5000 Opfer ungefragt sterben mussten.

Das kosmische Element seines Sendungsbewusstseins wurde überdeutlich in seinem 1977 begonnenen Monumentalwerk "Licht", einem Opernzyklus in sieben Wochentagen über das menschliche Leben und die Periodisierung der Zeit durch den Menschen. Bei seiner Vollendung 2003 war "Licht" 29 Stunden lang - und randvoll mit religiösen Metaphern, in Szene gesetzt mit drei biblischen Protagonisten, Eva, dem menschgewordenen Erzengel Michael und Luzifer. Dabei ähnelt laut Kritikern vor allem Michael dem Komponisten - der seine Figur zur Rechten Gottes setzt.

Eitelkeit konnte man Stockhausen allemal ebenso wenig absprechen wie Fleiß und den Sinn für originelle musikalische Einfälle sowie die große szenische Geste. So werden zwei Stücke für Chor sowie Orchester zum Finale des Zyklus "Licht" simultan in zwei verschiedenen Räumen gespielt. Der Hörer bekommt jeweils nur Ausschnitte von beiden zu hören. Im "Mittwoch" aus "Licht" setzt er vier Solostreicher in vier fliegende Hubschrauber, aus denen sie live übertragen ihre Musik spielen - vermischt mit dem Geräusch der Rotorblätter.

Nicht nur dank der Assoziationskette "Hubschrauber - ,Apokalypse Now' - Walkürenritt" ist der Schritt zu Richard Wagner naheliegend. Auch Stockhausens Selbst- und Sendungsbewusstsein, sein Hang, nicht nur seinen Opernzyklus, sondern ebenso andere Werke szenisch und mithin als Gesamtkunstwerke zu konzipieren, in denen nichts dem Zufall überlassen wird, trugen ihm den Vergleich ein. Der freilich ließ ihn kalt: "Mit Ausnahme weniger Passagen, etwa dem ,Tristan'-Vorspiel, finde ich Wagner ziemlich vulgär", sagte er: Da er sich nur auf Wagners Opern-Vierteiler und seinen Siebenteiler beziehe, tat er den Vergleich als "oberflächlich" ab.

Der hinkt freilich auch insofern, als die Wirkung Wagners über dessen Tod hinaus mit der Stockhausens beim besten Willen nicht vergleichbar ist. Immerhin - das Musikfest Hamburg würdigte den im Dezember 2007 verstorbenen Bach-Preistäger der Hansestadt im April zu seinem 90. Geburtstag mit einem Themenschwerpunkt. Das Neutöner-Label Wergo hat jetzt seine hochkomplexen Klavierstücke aus den 50er-Jahren von Sabine Liebner neu einspielen lassen. Anzuhören so, wie es der Meister für all seine Musik empfahl: "Mit geschlossenen Augen, aber nicht duselig. Der Geist muss hellwach sein!" In diesem Zustand hörenswert als eines seiner geradezu "romantischen" Werke bleibt das Stück "Momente" für Chor, Sopransolo und Orchester - als Einstieg und, wer will, Wieder-Ausstieg.

Fort lebt er jedenfalls in den Musikern aus dem nicht-klassischen Musikbereich, die sich von ihm anregen ließen: Die Beatles, Pink Floyd, Kraftwerk und Björk, um die Wichtigsten zu nennen, haben sich auf ihn als Inspirationsquelle berufen. Erstere verewigten ihn gar im Gruppenbild des "Sergeant Pepper"-Albumcovers: als Fünften von links in der hintersten Reihe. Er steht zwischen den US-Komikern Lenny Bruce und W.C. Fields. Auch sie beide waren nicht unumstrittene Neuerer in ihrer Kunstrichtung.

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