Die andere Weihnachtsgeschichte

Für die dunkelste Zeit des Jahres haben sich Menschen die leuchtendste Erzählung erfunden - sie spiegelt sich auch in dem wiederentdeckten Gemälde eines unbekannten Malers, der die Weihnachtsgeschichte in einen erzgebirgischen Spielzeugmacherhaushalt verlegt hat.

Maria und Josef sind schon etwas in die Jahre gekommen. Vielleicht aber sind sie auch nur zu früh alt geworden. Ein Wunder wäre es nicht. Josef ist ein "Männelmacher"; in Arbeitsschürze ist er gerade aus der Werkstatt im Hinterzimmer gekommen, freut sich über das Neugeborene, das seine Frau nach dem Waschen in warme Decken hüllt. Es ist ein einfacher Haushalt - darüber täuschen auch die große Pyramide in der Ecke und der imitierte Orientteppich auf dem Boden nicht hinweg.

Die Weihnachtsgeschichte in einem Spielzeugmacher-Haushalt - die Szene leuchtet im hellen Licht, das von irgendwo kommt - vielleicht von den Sternen, die einst zu dem kleinen Jesuskind führten -, denn das Wunder der Geburt Jesu spiegelt sich in der Geburt eines jeden Kindes der Welt - im Erzgebirge, in Freital, in Paris, in Syrien, im Sudan und in Afghanistan. Überall und schon seit langer Zeit haben Menschen Bilder dafür gefunden. Und die Geburt eines jeden Menschen ist der Beginn einer Suche nach Heimat, nach einem Ort, an dem wir in Glück und Frieden leben können, der Schiff und Anker zugleich ist. "Neugeborene sind heimatlos, aber sie tun alles, was in ihren bescheidenen Kräften steht, um eine Heimat zu bekommen", schreibt der Leipziger Philosoph Christoph Türcke.

Dieses Gemälde stammt von einem unbekannten Maler und ist derzeit im Depot der Sammlung Pohl-Ströher in Gelenau zu sehen. Dorthin ist es auf Umwegen gelangt - so, wie Menschen auch oft nur auf Umwegen zu einer Heimat gelangen. Der ehemalige Bergmann und Heimatforscher Bernd Lahl aus Chemnitz entdeckte das Bild vor Jahren bei einem Antikhändler in Annaberg-Buchholz und war sofort begeistert. "Solch ein Bild gibt es nicht noch mal", glaubt er, eines, in dem Maria und Josef ihr Kind in einem Arme-Leute-Haushalt des Erzgebirges wickeln. Das Bild müsse im Gebirge bleiben, fand Bernd Lahl. Er bot es Museen an, die es nicht haben wollten, kaufte es dann selbst, um es für das Erzgebirge "sicherzustellen", nun hat es im Depot der Sammlung Pohl-Ströher seine Heimat gefunden.

Ein Bild, in dem sich die Geschichte und die Gegenwart des Erzgebirges und der Welt spiegeln. Gefunden wurde es, so Bernd Lahl, auf dem Dachboden der sogenannten Hohl-Villa in Annaberg-Buchholz, in der 1935 eine große, von der Kreisleitung der NSDAP organisierte Weihnachtsschau unter dem Motto "Weihnachtsglück im Erzgebirge" veranstaltet wurde. Weil auf diesem Gemälde aber (sehr wahrscheinlich) August Bebel von einem Bild an der Wand schaut, wurde es wohl nicht öffentlich gezeigt. "Die Nazis hatten ein anderes Heimatverständnis", weiß Bernd Lahl, der annimmt, dass das Bild in den 1920er-Jahren gemalt wurde. Darauf deuten zumindest die Figuren auf den Regalen an der Wand hin, die aus der Werkstatt des Spielzeugmachers stammen. Die Engel bewachen und beschützen die Familie mit dem kleinen Kind - als Zeichen an der Wand, als Obhut über der Tür, die einen Weg öffnet. Diese Engel sprengen die Grenzen von Region und Religion als universelles Zeichen von Hoffnung und der Sehnsucht nach Frieden und Sicherheit. Aber in jedem Schutzengel steckt die Arbeit des Menschen. Von dieser Arbeit konnten die Männelmacher im Erzgebirge oft kaum leben. "Gut ging es den Spielzeugmachern nie, sie haben nie allzu viel verdient", weiß Bernd Lahl, obwohl der Mann auf dem Gemälde sicher nicht zu den Ärmsten gehörte, zumal er, vermutet Lahl, wohl eher aus dem Annaberger Raum stammt - während etwa die Seiffener Heimarbeiter noch wesentlich weniger verdienten.

Deshalb suchten und suchen immer auch Deutsche ihr Glück in der Fremde - so wie Fremde Zuflucht in Deutschland suchten und suchen. Sachsen selbst ist erst im Zuge der deutschen Ostsiedlung vom 11. bis zum 13. Jahrhundert durch die Einwanderung von Thüringern, Franken, Hessen und Bayern in die ursprünglich slawischen Gebiete um Dresden, Chemnitz und Leipzig entstanden.

Die berühmtesten Einwanderer im sächsischen Erzgebirge sind wohl die böhmischen Exulanten, die Handwerk und Kultur dieser Region bis in die Zeit des Spielzeugmachers auf dem Gemälde und bis in die Gegenwart mit prägten. Die böhmischen Protestanten wanderten im 16. und 17. Jahrhundert aus ihrer habsburgisch-katholischen Heimat nach Sachsen aus, gründeten im Erzgebirge mehrere Städte - die bedeutendste ist Johanngeorgenstadt, die 1654 mit Genehmigung des Kurfürsten von Sachsen, Johann Georg I., gegründet wurde. Nach anfänglicher Skepsis hatte der Kurfürst offenbar das menschliche Gefühl "wir schaffen das", zumal die Flüchtlinge mit ihren Fähigkeiten Bergbau, Handwerk und Gewerbe und damit die wirtschaftliche, soziale und kulturelle Entwicklung im Erzgebirge und Vogtland förderten. Böhmische Instrumentenbauer waren es auch, die den späteren Musikwinkel besiedelten. Und immer mussten sie auf das Wohlwollen ihrer Gastgeber hoffen - wie heute. Über die Situation der Exulanten schrieb der 1686 als Ketzer des Landes verwiesene Salzburger Joseph Schaitberger (1658-1733): "Ich bin ein armer Exulant,/also muss ich mich schreiben./ Man tut mich aus dem Vaterland/ um Gottes Wort vertreiben./Doch weiß ich wohl,/Herr Jesu mein,/es ist dir auch so gangen,/jetzt soll ich dein Nachfolger sein,/mach's Herr nach dein'm Verlangen!"

Wo das Kind aus dem Spielzeugmacher-Haushalt einmal seine Heimat finden wird, wissen wir nicht. Aber: "The working class has no fatherland" - der Satz aus einem Film von Aki Kaurismäki galt schon damals und gilt noch heute. So flohen umgekehrt seit Jahrhunderten auch Deutsche aus ihren wirtschaftlich prekären und politisch rückständigen Verhältnissen in die Welt - und wussten etwa die bürgerlichen Freiheiten in Amerika zu schätzen. Zwischen 1800 und 1930 wanderten allein rund 5,5 Millionen Deutsche in die USA aus. Unter ihnen war auch der Handwerker Gotthelf Willig aus Werdau. Die Ursachen seiner Flucht waren dieselben, die heute viele Menschen durch die Welt auf die Suche nach Arbeit, einem Auskommen und ein bisschen Glück treiben. Er schrieb 1852 in einem Brief aus Chicago an seinen Bruder: "Weil hier alle Zeitungen schreiben, dass in Deutschland Hungersnot, Teurung und Arbeitslosigkeit sei, so halte ich es für meine Pflicht, Dir von meinem Aufenthalt Nachricht zu geben." Auch damals mussten die verschiedenen Religionen der Einwanderer miteinander auskommen: "Die Stadt hat jetzt 42 Kirchen von allerlei Sprachen und Glaubenssekten, darunter 2 deutsche evangelisch-lutherische. Ich würde um keinen Preis in das unglückliche Deutschland zurückgehen; denn wer einmal hier das mit goldenen Sternen besäte Freiheitsbanner hat kennen gelernt, der wünscht sich gewiss nicht in die Knechtschaft zurück", schreibt Willig.

Aber schon damals konnte oder wollte nicht jeder auswandern, dem es zu Hause schlecht ging. Der Spielzeugmacher ist geblieben, und vielleicht deutet das August-Bebel-Porträt und das von Bildung zeugende Bücherregal an der Wand darauf hin, dass er ein besseres Leben nicht in der Fremde und Hilfe nicht bei der rassistischen Blut- und Boden-Politik der Nationalsozialisten suchte. August Bebel (1840-1913), einer der Gründerväter der deutschen Sozialdemokratie, hatte oft im Erzgebirge gesprochen, er war ein mitreißender Redner, enger Freund von Friedrich Engels, geachtetes Mitglied der Sozialistischen Internationale und Vorkämpfer für die Emanzipation der Frau. Die junge Mutter auf dem Gemälde scheint geradezu eine Illustration zu Bebels Beschreibung der Situation von Frauen jener Zeit zu sein: "Auf dem flammenden Altar, wo der Suppentopf brodelt, wird Jugend und Unbefangenheit, Schönheit und frohe Laune geopfert, und wer erkennt in der alten, kummergebeugten, triefäugigen Köchin die einst blühende übermütige, züchtigkokette Braut in dem Schmucke ihrer Myrtenkrone?" Und Bebel prophezeite: "Es gibt keine Befreiung der Menschheit ohne die soziale Unabhängigkeit und Gleichstellung der Geschlechter." Er stand auf der Seite der Arbeiter gegen die selbst ernannte Bildungselite und einen Klerus, der sich eher der Macht verpflichtet fühlte: "Genau genommen ist aber ein Arbeiter, der Kloaken auspumpt, um die Menschen vor gesundheitsgefährdenden Miasmen zu schützen, ein sehr nützliches Glied der Gesellschaft, wohingegen ein Professor, der gefälschte Geschichte im Interesse der herrschenden Klassen lehrt, oder ein Theologe, der mit übernatürlichen transzendenten Lehren die Gehirne zu umnebeln sucht, äußerst schädliche Individuen sind."

Ein Spielzeugmacher war für Bebel ganz sicher ein "nützliches Glied der Gesellschaft", und dass die kleinen Handwerker oft ums Überleben kämpften, wusste der Sozialistenführer auch. Doch Krisenzeiten können Erkenntniszeiten sein - aber nur, schreibt der Philosoph Oskar Negt, "wenn sich am Horizont Alternativen abzeichnen, die der gegenwärtigen Misere, der beklagten Lebenssituation einen neuen, einen kollektiv-solidarischen Sinn verschaffen ... wenn sie auch Selbstkritik freisetzen." Eine Selbstkritik, wie sie in der Weihnachtsgeschichte von der Geburt des Jesus Christus angelegt ist, eben nicht Gleiches mit Gleichem zu vergelten, eben nicht "Auge um Auge, Zahn um Zahn" zu kämpfen, sondern, mit den Worten des Philosophen Christoph Türcke, der "Jesu Traum" gegen dieses "Äquivalenzprinzip" stellt: "Wenn ein Gemeinwesen Bestand haben soll, darf niemand Unannehmlichkeiten, die er selbst nicht wünscht, andern zumuten; hingegen muss jeder die Annehmlichkeiten, die er für sich beansprucht, auch allen anderen zugestehen." Weil die Welt weit davon entfernt ist, habe "Jesu Martyrium nichts von seinem Stachel verloren. Das Feindesliebegebot plagt und beschämt mehr denn je durch seine Unerfüllbarkeit und Dringlichkeit." Das Wissen um diese Art Barmherzigkeit, um diese Art Solidarität glimmt in den Augen des Spielzeugmachers und seiner Frau - es sollte in jedem Stern und in jeder Kerze zum Weihnachtsfest leuchten.

►Eva Prase über die Frage, warum wir aufbrechen müssen

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