Abo
Sie haben kein
gültiges Abo.
Schließen

Ein Gefühl von Gesetzlosigkeit

Schon gehört?
Sie können sich Ihre Nachrichten jetzt auch vorlesen lassen. Klicken Sie dazu einfach auf das Play-Symbol in einem beliebigen Artikel oder fügen Sie den Beitrag über das Plus-Symbol Ihrer persönlichen Wiedergabeliste hinzu und hören Sie ihn später an.
Artikel anhören:

Autor Ewald Arenz über seinen Bestseller "Der große Sommer", seine Lieblingslektüre, seinen Lehrerberuf und Schnittlauch-Brot

Die Sehnsucht war groß - aber dann war er da: der Sommer. Und es gibt auch einen Roman, der zu dieser sorglos-entfesselten Jahreszeit passt. Seit Wochen steht "Der große Sommer" von Ewald Arenz auf der Bestsellerliste. Bei ihm geht es aber um einen Sommer vor 40 Jahren. Der junge Frieder erlebt seine erste Liebe, seine erste Trauer und seinen ersten Sprung vom Siebeneinhalb-Meter-Turm im Schwimmbad. Ein aufrührerisches, berührendes Buch. Mit dem Schriftsteller Ewald Arenz sprach Jan Draeger.

Freie Presse: Herr Arenz, in diesem Sommer spürt man ein großes Aufatmen. Geht es Ihnen auch so?

Ewald Arenz: Noch wirkt dieses Aufatmen auf mich ein bisschen verhalten, aber ich glaube, es wird zunehmen. Auf der Straße höre ich oft ältere Leute sich zurufen: "Na, schon geimpft?" Das scheint der Gruß dieses Jahres zu sein.

Was verbinden Sie mit Sommer?

Ein Gefühl von Gesetzlosigkeit und Freiheit. Ein Gefühl von "Man könnte alles machen".

In Ihrem Roman schauen Sie auf einen Sommer Anfang der 80er-Jahre zurück. Ihr Protagonist, der junge Frieder, erlebt in dieser Zeit vieles zum ersten Mal: Liebe, Tod, Trauer und den ersten Sprung vom Siebeneinhalb-Meter-Turm im Schwimmbad ...

Für mich als Jugendlicher war es die Zeit, in der ich zum ersten Mal immer unterwegs war, Freunde gesehen und Nächte durchdiskutiert habe. Damals hatte ich aber auch das Gefühl, dass diese ersten Male weniger werden könnten. Und ich fragte mich: Was hat man dann noch vom Leben, wenn die Spannung raus ist, wenn man 28 oder 29 ist?

Gibt es noch heute erste Male für Sie?

Nicht so häufig, aber viel öfter als ich dachte. Anders als in meinem Roman bin ich zum Beispiel erst mit Anfang 50 zum ersten Mal im Schwimmbad von einem Siebeneinhalb-Meter-Turm gesprungen. In Nürnberg hatte ein Verein ein Promi-Springen veranstaltet, er wollte damit die Schwimmausbildung von Kindern sozial schwacher Familien fördern. In meiner Hybris habe ich zugesagt.

Was haben Sie gedacht, als Sie oben standen?

Scheiße, ist das hoch! Aber dann habe ich gedacht, dass da auch schon andere runtergesprungen sind. So viel kann dir nicht passieren. Da unten ist doch bloß Wasser. Ich bin aber nur im Fußsprung runter.

Wie - keinen Köpfer?

Das habe ich mich nicht getraut. Aber dieses Gefühl des Eintauchens habe ich ja auch in meinem Buch beschrieben. Es ist nämlich viel tiefer, als man denkt. Vier, fünf Meter geht es runter. Und das macht einem schon ein bisschen Angst.

Jetzt mal Hand aufs Herz, sind Sie als Jugendlicher wie Ihre Romanfigur auch nachts ins Schwimmbad eingestiegen?

Natürlich. Mit großem Herzklopfen allerdings. Es war eine Zwölf-Minuten-Aktion: Rüber über den Zaun, ganz kurz ins Wasser und sofort wieder raus. Aber danach hatte ich das Gefühl: Ich hab's gemacht!

Haben Sie Ihren Sommerferien-Roman in den Sommerferien geschrieben?

(lacht) Ich habe im Sommer angefangen, das stimmt, aber der größere Teil ist im Winter entstanden. In der großen Sehnsucht nach dem Sommer.

Sie sind ja nicht nur Schriftsteller, sondern auch Lehrer. Welche Fächer unterrichten Sie?

Englisch und Geschichte. Lehrersein lässt sich mit der Schriftstellerei ganz gut verbinden. In den letzten 20 Jahren habe ich allerdings in den Schulferien und an Wochenenden meistens an meinen Büchern geschrieben. Was ein bisschen auf Kosten der Familie gegangen ist.

Wenn man diesen Sommer vor 40 Jahren in Ihrem Roman mit einem heutigen Sommer vergleicht, was ist jetzt anders für Jugendliche?

Verabredungen sind viel flüchtiger geworden. Früher hast du echt Stress gehabt, wenn du zu einer Verabredung nicht gekommen bist. Heute schreibt man einfach per Handy: "Ich kann jetzt nicht." Mir kommt es auch so vor, dass wir damals sehr viel mehr Zeit hatten und das Erleben von Freundschaft intensiver war.

Warum wollten Sie einen Sommer-Roman schreiben?

Als ich mich mit meiner Lektorin unterhalten habe, sagte ich, dass es doch spannend wäre, über eine Zeit zu schreiben, in der alles so intensiv wird, weil man sich ändert, erwachsen wird. Vor 20 Jahren hätte ich diesen Roman noch nicht schreiben können oder wollen. Ich hatte zwar immer schon das Gefühl, dass ich als Schriftsteller aus meiner Kindheit und Jugend schöpfe, aber je älter ich wurde, desto mehr hat dieses Gefühl zugenommen.

Schriftsteller sagen oft, dass ihre Romane Fiktion sind und nichts mit ihrem eigenen Leben zu tun haben. Aber gab es auch in Ihrem Leben einen Sommer, der Ihnen unvergesslich geblieben ist?

Ähnlich wie der Frieder in meinem Buch komme auch ich aus einer großen Familie. Ich bin der älteste von sieben Geschwistern. Einmal, das war 1980, ist meine Mutter mit uns in einem alten Hanomag-Bus an die Ostsee gefahren. Außer uns Geschwistern waren noch drei Freunde, zwei irische Setter und zwei Siam-Katzen dabei. Wie eine Zirkus-truppe fühlten wir uns. Und diese Freiheit, die wir dort empfanden, dieses "Auf-sich-gestellt-zu-sein -und-machen-zu-können-was-man- wollte", das war aufregend. Wir konnten uns ewig darüber unterhalten, wie man die Welt zu einem besseren Platz macht, wenn man erst mal groß ist.

Und haben Sie sich in diesem Sommer verliebt?

Erst ein Jahr später. Es war aber keine Sommerliebe, sondern eine Sommerverliebtheit. Ich habe stundenlang vor dem Haus meiner Angebeteten gewartet. Aber sie ist nicht rausgekommen. Als ich dann meinen Roman geschrieben habe, wollte ich, dass sich diese Liebe erfüllt.

Dann war Ihr eigener Sommer eine Enttäuschung?

Ich war wie der Frieder in meinem Roman bei meinen Großeltern. Nur im Gegensatz zu ihm war ich ziemlich viel allein. Aber das war eine Art Erweckungserlebnis. Ich bin an den Nachmittagen auf dem Fahrrad einfach durch die Stadt gefahren. Und habe Entdeckungen gemacht, die später Einfluss auf mein Schriftsteller-Leben hatten. Da ist außen gar nicht viel passiert, aber innen fand ich das ganz spannend. In dieser Zeit habe ich angefangen, Gedichte und kleine Geschichten zu schreiben.

Wissen Sie, was aus dem Mädchen geworden ist?

Nein. Irgendwann habe ich mal den Namen gegoogelt. Aber es ist ein Allerweltsname gewesen. Ich weiß also nicht, was aus ihr geworden ist. Ich war dann auch nicht mehr in der Klassenstufe, in der sie war. Ich war kein guter Schüler. Ich habe 15 Jahre für die Schule gebraucht.

Zweimal sitzengeblieben - und trotzdem sind Sie Lehrer geworden?

Das entspannt meine Schüler sehr. Wenn ich jemand in Englisch eine Fünf geben muss, sage ich ihm: "Ich bin in der zehnten Klasse in Englisch, Mathe, Physik, Latein und Französisch durchgefallen."

Wie bringen Sie Ihren Schülern Literatur nahe?

In der Oberstufe müssen sie zum Beispiel "Romeo und Julia" auf Englisch lesen. Da versuche ich, ihnen erst mal die Eingangsszene schmackhaft zu machen - wie die Jungs dort mit ihren Schwertern rumprahlen. Wenn meine Schüler dann die ganzen Witze hören, die Shakespeare macht, um sein Publikum zu ködern, fangen sie schon ein bisschen Feuer. Und dann kann man sie mitnehmen zu dieser zarten Liebesgeschichte, die plötzlich entsteht.

Lesen Ihre Schüler Ihre Bücher?

In der Klasse würde niemand offen sagen, dass er einen Roman von mir gelesen hat. Dann würde ihm ja vorgeworfen werden: "So, du hast das Buch vom Arenz gelesen! Wahrscheinlich nur, damit du 15 Punkte kriegst..." Es kommt aber vor, dass einer meiner Schüler im Vorbeigehen sagt: "Herr Arenz, ich habe Sie im Fernsehen gesehen. Haben Sie es wieder nötig gehabt?"

Ganz schön locker ...

Wir haben einen lockeren Ton. Ich mag das.

Sie haben den Sommer in Ihrem Roman in drei schönen, aber knappen Sätzen geschildert: "Wir sahen aus dem Fenster in den Himmel. Ein Kondensstreifen verging im Blau. Sommer." Mögen Sie keine langen elegischen Sommerbetrachtungen?

Das hängt ein bisschen davon ab, in welchem Kontext ich sie finde. Kurt Tucholsky streut in seinen Romanen "Rheinsberg" oder "Schloss Gripsholm" auch so kleine Bilder im Vorüberfahren ein. Zwei, drei Sätze, dann ist der Sommer schon skizziert und entsteht vor dem inneren Auge. Gerade lese ich aber ein Buch von einem jungen Autor, Lorenz Just, das heißt "Am Rand der Dächer" und er erzählt auch von einem Sommer aus der Jugend. Und da sind die Sommerbeschreibungen viel umfangreicher, das gefällt mir auch. Es ist überhaupt nicht kitschig, sondern sehr intensiv.

Welche Sommerlektüre können Sie uns noch empfehlen?

Darf man auch Science-Fiction empfehlen? Es gibt einen sehr schönen Roman, der heißt "Der Sommer geht" von Michael Coney. Er spielt in einer Parallelwelt, auf einem Planeten, wo der Sommer viele Jahrzehnte dauert und nun allmählich zu Ende geht. Außerdem finde ich "Hard Land" von Benedict Wells gut. Wir werden oft miteinander verglichen, und ich dachte, da muss ich ihn jetzt mal lesen. Die ideale Sommergeschichte bleibt für mich aber "Rheinsberg" von Kurt Tucholsky.

Auch Ihre Schwester Sigrun Arenz und Ihr Bruder Helwig Arenz sind Schriftsteller. Wie kam das, dass drei Kinder in einer Familie Bücher schreiben?

Das hat sicher damit zu tun, dass mein Vater Pfarrer war. Da gilt das Wort. Aber es liegt auch daran, dass meine Mutter uns unglaublich viel vorgelesen hat.

Wer darf ein Buch von Ihnen zuerst lesen - Ihr Bruder oder Ihre Schwester?

Eher mein Bruder. Weil er auch Schauspieler ist und dadurch ein sehr gutes Gefühl für Figuren-Entwicklung hat. Das hilft mir sehr. Meine Schwester darf's auch lesen, aber die gibt nicht so dezidiert Rückmeldung.

Wie und wo werden Sie diesen Sommer noch verbringen?

Hauptsächlich am Schreibtisch. Ende August werde ich eine Lesereise mit einer Fahrradtour durch Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg verbinden. Diese Gegend liebe ich sehr. Das ist für mich auch Sommer ....

...wie auch das Schnittlauch-Brot? Wenn man davon in Ihrem Roman liest, bekommt man Appetit.

Es geht nichts über die einfachen Genüsse. Mein Brotteig ist schon angesetzt, heute Abend wird gebacken. Und wenn mein Sohn nach Hause kommt, gehe ich runter in den Garten und schneide Schnittlauch. Dann kriegt er von dem frisch gebackenen Brot das Endstück mit Butter und Schnittlauch.

Was sollten wir aus diesem Sommer mit in den Herbst und Winter nehmen?

Ein Lächeln. Und ein bisschen sommerliche Entspanntheit. Das würde uns in vieler Hinsicht guttun.jadr

Ewald Arenz

Geboren wurde er am 26. November 1965 in Nürnberg.

Nach seinem Abitur studiert er zunächst Jura. Er beschließt aber später Lehrer zu werden und belegt die Fächer Anglistik, Amerikanistik sowie Geschichte.

Heute ist er Lehrer für Englisch und Geschichte am Johannes-Scharrer-Gymnasium in Nürnberg.

Als Schriftsteller tritt er erstmals 1994 mit seinem Erzählband "Der Golem von Fürth" in Erscheinung. In den folgenden Jahren entstehen auch Romane, wie 2007 "Der Duft von Schokolade". Sein Roman "Alte Sorten" gehört 2020 zu den meistverkauften Taschenbüchern in Deutschland.

Er ist mittlerweile einer der produktivsten und erfolgreichsten Schriftsteller Süddeutschlands, dessen Gesamtauflage weit über eine Viertelmillion verkaufte Bücher zählt.

Mit dem Bayerischen Kunstförderpreisim Jahre 2004, dem Förderpreis für Kunst und Wissenschaft der Stadt Nürnberg 2005 und mit dem Kulturpreis der Stadt Fürth 2007 wurde Arenz ausgezeichnet.

Neben seiner literarischen Tätigkeit moderiert er seit vielen Jahren die literarische Sendung "Das Feiertagsfeuilleton" beim Radiosender Bayern 2 und organisiert zahlreiche literarische Veranstaltungen in seiner Heimat.

Er hat drei Kinder, der älteste Sohn ist 31 Jahre alt, die Tochter 27 und der jüngste 17.

Der Schriftsteller lebt in der Nähe von Fürth.

Das könnte Sie auch interessieren

00 Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.