Ein konservativer Einkaufswagen, prall gefüllt mit gewagt-moderner Kunst

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Jedes Jahr kauft die Kulturstiftung Sachsen mit Steuergeld Werke junger Künstler aus dem Freistaat - gern auch unbequeme. Eine Ausstellung in der Spinnerei Leipzig präsentiert die diesjährigen Erwerbungen

Leipzig.

Was könnte das für eine Schlagzeile sein: "Freistaat kauft größten Golfplatz der Welt!" Falsch wäre das nicht - aber irreführend: Das "Grünau Golf Resort" ist ein Kunstprojekt des Leipzigers Daniel Theiler. Als Spielwiese hat er sich Grünau, das größte Plattenbaugebiet der Stadt, ausgesucht und dort 2016 tatsächlich Golflöcher angelegt und ein Miniatur-Clubhaus hingestellt. Mitglied durften nur Grünauer werden, andere brauchten zwei Empfehlungen von Bewohnern des Gebietes mit dem prekären Image.

Dieses hintergründige Projekt mit sozialem Einschlag ist eines von 35 Werken, das Sachsen in diesem Jahr für rund 170.000 Euro angekauft hat. Schon seit den 90er-Jahren geht der Freistaat alljährlich auf Einkaufsbummel, seit zehn Jahren wird die Auswahl in der Spinnerei Leipzig unter dem Titel "Win/Win" ausgestellt. Da die Einrichtung ihre eigentlich für das Frühjahr geplante Hauptausstellung in den Herbst verschoben hat, fällt die Präsentation diesmal besonders großzügig aus.

Organisiert wird die Shoppingtour durch die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen, die Auswahl erfolgt durch einen unabhängigen Fachbeirat. Verfolgt man die Ankaufslisten der letzten Jahre, fällt auf, dass Leipzig und Dresden immer sehr stark vertreten, Künstler aus Chemnitz und ganz Westsachsen jedoch äußerst selten dabei sind. Stiftungsdirektor Manuel Frey begründet dies mit den Kunsthochschulen in den zwei sächsischen Metropolen und den daraus resultierenden starken Szenen. Das mag stimmen - dennoch ist eine stärkere Berücksichtigung der auch in Chemnitz vorhandenen Künstlerinnen und Künstler wünschenswert. Immerhin ist mit Lysann Németh in diesem Jahr eine dabei. Von der 1979 geborenen Künstlerin wurde eine aus 12 Blättern bestehende Serie von Bleistiftzeichnungen mit dem Titel "Kunstlicht" erworben. Zu sehen ist immer das gleiche Motiv, offenbar eine Metalloberfläche mit Relief. Nur die Lichtverhältnisse wechseln von Blatt zu Blatt. Beim zwölften kann man die Strukturen im Halbdunkel nur noch erahnen.

Es ist ein sprödes Werk, und auch die anderen ausgewählten sind keine biederen Wandhänger. Die Spanne reicht von Öl- und Acrylgemälden über Fotografien bis zu Videos und Installationen. Sogar für Performances, die sich nur indirekt konservieren lassen, werden Honorare ausgegeben. Immer wieder finden sich gesellschaftlich relevante Inhalte. So porträtiert zum Beispiel Paula Abalos in ihrem Film "The Invisible Cloth" eine Frau, die einsam nachts in einem Fitnessstudio sauber macht: Der seit dreißig Jahren konservativ regierte Freistaat leistet sich den Luxus, Geld für Kunst auszugeben, die unbequem ist.

Was geschieht nun mit den Werken, wenn die Ausstellung in der Spinnerei abgebaut ist? Immerhin hat Sachsen im Laufe der Jahre schon 637 Arbeiten im Wert von etwa 2,6 Millionen Euro erworben. Sie wandern nach Dresden ins Depot. Wären sie damit den Blicken der Öffentlichkeit entzogen, hätte eine andere Art der Kunstförderung eigentlich mehr Sinn. Doch manche Gemälde, Grafiken oder auch Plastiken schmücken Gebäude von Ministerien und Regierung in der Landeshauptstadt. Das Grünau Golf Resort wird sicherlich nicht dazu gehören. Doch Museen und andere Institutionen im ganzen Land haben die Möglichkeit, für eigene Ausstellungsprojekte auf diesen wachsenden Fundus zurückzugreifen, der nach und nach auch digitalisiert wird.

Die Ausstellung "Win/Win - Die Ankäufe der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen 2021" ist bis 25. Juli in der Spinnerei Leipzig zu sehen.www.spinnerei.de

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