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Eine Hassliebe auf polnische Art

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Robert Menasse erzählt vom Leben zweier Freunde, die sich menschlich und politisch immer mehr entfremden.

Bereits mit 18 Jahren veröffentlichte der als Sohn von Holocaust-Überlebenden geborene Robert Menasse sein Debüt "Nägelbeißen". Doch der Erfolg ließ noch eine ganze Weile auf sich warten. Erst 1988 publizierte er mit "Sinnliche Gewissheit" den ersten Teil einer Trilogie, die ihm etliche Preise eintrug. Seither gilt er als Meister der postmodernen Prosa. Jetzt brilliert er mit einem neuen Roman, in dem er seinem Ruf als Provokateur Ehre macht.

Gefühlsbetont berichtet er von zwei Männern, die im sozialistischen Polen aufwuchsen und sich gegen die Indoktrinierung behaupteten. Seit Generationen sind die katholischen Familien von Adam und Mateusz miteinander verknüpft. Die frühesten Verbindungen rühren von 1863 her. Damals fochten ihre Großväter in derselben Partisaneneinheit gegen die Russen. Deren Nachfahren bekämpften die Invasion ihrer Heimat durch die Nazis und tauchten in die Illegalität ab. Später organisierten ihre Erben den Aufruhr gegen die kommunistische Diktatur. Sie engagierten sich in der Bewegung Solidarnoœć und trieben den Untergang der Staatspartei voran.

Der Widerstand gegen das stalinistische Regime schweißt Adam und Mateusz wie Zwillinge zusammen. Sie schwören sich Treue und Respekt, doch Adam beobachtet den Blutsbruder mit wachsender Skepsis. Er entdeckt eine Neigung zu emotionaler Härte und eine beunruhigende zum Fanatismus. Häufig hinterfragt er die Beziehung zu seinem engen Kameraden: "Könnte er reglos und schweigend zuschauen, wie Mateusz vor seinen Augen hingerichtet wird? Könnte er das, so lange er noch den Funken einer Hoffnung spürte, dessen Leben retten zu können, und sei es durch einen Verrat, der eine List sein konnte? Und umgekehrt: Würde sein bester Freund und Kampfgenosse wirklich schweigend zuschauen, wenn dieser Fall einträte? Nie hatte er größere Kälte gespürt als Mateusz antwortete: Ich würde dich eigenhändig erschießen, wenn du auch nur sagen würdest, welche Farbe der Himmel hat."

Mit Schwung erzählt Menasse in Form ausgefeilter Dialoge die Geschichte einer Hassliebe. Während Adam nach dem Zerfall des Warschauer Paktes in der Europäischen Union die Karriereleiter erklimmt und sich zum Versöhner zwischen den Völkern aufschwingt, tendiert Mateusz in Richtung Nationalismus. Er avanciert zum Regierungschef von Polen und gefällt sich in der Rolle des Konservativen, obwohl er um die jüdische Herkunft seines früheren Getreuen Adam weiß. Beide stehen sich mehr und mehr als Feinde gegenüber, dennMateusz befeuerte als Ministerpräsident den Antisemitismus und verbreitete Lügen über den Holocaust: "Das war der Moment, wo Adam merkte, dass er von dem Mann verraten wurde, dem er im Untergrund sein Leben geopfert hätte."

Als Adam bei einer internationalen Konferenz um den EU-Beitritt Albaniens ringt, bekommt er die Intrigen seines Kontrahenten Mateusz heftig zu spüren. Die einstigen Vertrauten begegnen sich auf einem Kreuzfahrtschiff im Mittelmeer, wo über den künftigen Status des Balkanlandes entschieden werden soll.

Der Aufstieg von Mateusz erinnert an Viktor Orbán, der als Bürgerrechtler startete und sich zum Autokraten wandelte. Der Showdown, den Robert Menasse daraus konstruiert, wirkt dramatisch. Seine Biografie eines Emporkömmlings, der die eigenen Wurzeln abtötet, liest sich absolut spannend, aber Romane mit politischen Stoffen verfügen nur über ein kurzes Haltbarkeitsdatum.