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Werk der Woche: Denkmal der Gemeinsamkeit

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Mit dem "Werk der Woche" stellt die "Freie Presse" Kunst im öffentlichen Raum vor. Heute: Zwei Granitstelen an der Elstertal-Autobahnbrücke bei Pirk von Walter Ballmann (1993)

Heute ist das ein schöner Ort: Weit spannt sich die Elstertal-Autobahnbrücke unter dem gewaltigen Himmel über das Tal der Weißen Elster bei Pirk. Die regelmäßigen, mit verschiedenfarbigem Granit verkleideten Bögen passen gut in die Landschaft, ragen wie Kathedralen den Wolken zu. Obwohl das Bauwerk mit seinen 503,5 Metern Länge und 60 Metern Höhe zu den größten Steinbogenbrücken Europas gehört, wirkt es nicht plump oder grobschlächtig, sondern elegant. Unter einem der Bögen nahe an einem Fahrweg im Tal ragen zwei mit einem Bronzeguss verbundene Granitblöcke elf Meter in die Höhe. Auch sie passen in ihren Proportionen zu der Brücke. Das schlichte, aber eindrucksvolle Denkmal mit den Wappen Bayerns und Sachsens erinnert daran, dass sich an diesem Ort glückliche und die schlimmsten Momente deutscher Geschichte begegnen. Geschaffen hat es der Steinmetz Walter Ballmann aus dem nahen Pirk, der insofern auch ein Künstler ist, als jeder Handwerker auch ein bisschen Künstler sein muss, wenn er seine Arbeit gut machen will, bei der es oft um individuelle Lösungen geht.


Das Bronzeband hält die wesentlichen Daten der Brücke feste: Länge, Höhe, Baubeginn 1938, Baustillstand 1940 bis 1990, "Weiterbau in Zusammenarbeit der bayerischen und sächsischen Straßenbauverwaltungen - Fertigstellung am 6. Sept. 1993". Die zwei Granitblöcke sind damit sowohl ein Denkmal der deutschen Wiedervereinigung und eines geglückten gemeinsamen Bauprojekts wie auch ein Denkmal für die Baugeschichte der Brücke. An einem der Pfeiler erinnert zudem eine Gedenktafel an Josef Scheidler, Leiter des Sachgebietes Tunnel- und Brückenbau der obersten Baubehörde Bayerns, der sich maßgeblich für den wesentlich teureren Weiterbau der Brücke statt für einen Neubau eingesetzt hatte.

 

Dass die Investruine der Nazis schließlich im Frieden vollendet wurde, kann Walter Ballmann nur begrüßen. Denn architektonisch ist die Brücke eine hervorragende Leistung. Die gesamte Brücke ist reine handwerkliche Arbeit, schwärmt der Steinmetz. Der Kern der Pfeiler besteht aus Beton. Für ihre Verblendung wurden Granite in verschiedenen Farben verwendet, die den gewaltigen Bögen eine gewisse Leichtigkeit geben. Dafür, so Walter Ballmann, wurde Granit aus dem Fichtelgebirge, der größte Teil aus der Oberlausitz und auch aus Flossenbürg verwendet. Im dortigen Steinbruch mussten damals Häftlinge des Konzentrationslagers Flossenbürg arbeiten. "Da ist stark anzunehmen, dass Häftlinge des KZs diese Steine bearbeitet haben. Man kann nur den Hut ziehen vor dieser menschlichen Leistung …", sagt Walter Ballmann. Im KZ Flossenbürg bei Weiden in der Oberpfalz hielten die Nazis von 1938 bis 1945 etwa 100.000 Häftlinge unter entwürdigenden Bedingungen gefangen, von denen mindestens 30.000 umkamen. Wegen des von Deutschland angezettelten Krieges wurden die Arbeiten an der Brücke 1940 eingestellt. Da die Brücke im Grenzgebiet der DDR lag, wurde sie auch nach dem Zweiten Weltkrieg nicht weitergebaut, lag also 50 Jahre lang brach. Granitblöcke blieben liegen, auch die beiden Granitpfeiler, die Walter Ballmann später für das Denkmal verwendete, "sie lagen am Bahnhof Pirk. Das waren die wohl größten Monolithe, die es in der DDR gab."


Bald nach der deutschen Wiedervereinigung wurde die Brücke als Teil der Autobahn A 72 ab September 1990 weitergebaut. Am 2. Oktober 1992 wurde die nördliche, am 6. September 1993 die südliche Fahrbahn der gegenüber den ursprünglichen Planungen um etwa fünf Meter verbreiterten Brücke für den Verkehr freigegeben - nach nur vier Jahren Bauzeit. Beim Weiterbau hatten auch Einheimische begeistert mitgearbeitet, erinnert sich Walter Ballmann, zum Beispiel als Posten bei der Verschiebung der oberen Brückenelemente.


Die beiden großen Granitblöcke, die Walter Ballmann für das Denkmal verwendete, waren eigentlich als Stelen für die Auffahrtseiten der Brücke vorgesehen. Im Zuge des Weiterbaus sollten sie bei Bedarf aber zersägt werden. Dagegen erhob Walter Ballmann Einspruch: "Die sind einmalig, müssen so verwendet werden, wie sie sind." Zum Beispiel für ein Denkmal eben. Für die Idee fand er in der Bauleitung sofort offene Ohren. "Die Aufgabe war, diesem Denkmal, der Brücke, ein zweites Denkmal zuzuordnen." Zunächst wurde mit einem Holzmodell probiert, um die Dimensionen festzulegen. Die zwei reichlich acht Meter hohen Granitblöcke erschienen zu klein, also wurden ihnen zwei weitere Blöcke untergebaut, sodass das Denkmal nun insgesamt elf Meter hoch ist. Gebaut hat es Walter Ballmann mit seinen beiden Gesellen. "Das größte Problem war es, den beiden Staatsregierungen in Bayern und Sachsen die Zustimmung abzuringen, die Wappen verwenden zu dürfen." Ansonsten habe ihm die Brückenbauleitung völlig freie Hand gelassen. Das bronzene Band mit der Inschrift hat Ballmann ebenfalls selbst entworfen, gegossen wurde es in Dresden.


Entstanden ist so ein echtes Bürgerdenkmal für die Einheit zweier gleichberechtigter Teile - entworfen, gestaltet und gebaut aus Begeisterung für eine gelungene Gemeinschaftsleistung, die Vollendung der Elstertalbrücke. "Die Bayern gaben das Geld, die Sachsen machten die Arbeit", lacht Ballmann. Und könnte noch viele Geschichten über die Brücke erzählen, zum Beispiel, dass sie im Sommer bei Hitze 60 Zentimeter länger ist als im Winter, was ein Schubstück ausgleicht. "Diese Brücke, das ist schon was ganz Besonderes."

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