Kennen Sie die Geschichte? Es war einmal ein fünfjähriges Mädchen, das wollte von morgens bis abends immer nur Geschichten hören.

Zuerst freuten sich die Eltern darüber. Da konnten sie endlich mal ihre Fantasie spielen lassen. Dachten sie. Doch das Mädchen hatte ganz genaue Vorstellungen. Zum Beispiel sollte die Geschichte von fünf Fünflingen handeln, die fliegen können und zaubern, aber nur mit einem rosa-lila Zauberstab.

Man sollte ja meinen, bei solch klaren Anweisungen kann man nicht mehr viel falsch machen. Aber trotzdem vermasselte es die Mutter immer wieder. Dann unterbrach das Mädchen sie und erzählte die Geschichte selbst zu Ende. Das wiederum nervte die Mutter. Das ununterbrochene Geschichtenerzählen, verbunden mit Literaturkritik seitens der Tochter, wurde ihr bald zu viel. Wenn das Kind zu Fuß gehen wollte, anstatt Fahrrad zu fahren, wusste sie schon, was ihr blühte. Beim Fahrradfahren erzählte sie nämlich grundsätzlich keine Geschichten. Das fand sie gefährlich. Oder kennen Sie etwa die Geschichte von dem Mädchen, das beim Radfahren eine Geschichte erzählt bekam und so fasziniert war, dass es frontal gegen den nächsten Laternenmast knallte? Nein? Na sehen Sie. Weil es gar nicht so weit kam.

Jedenfalls streikte die Mutter manchmal. Vor allem, wenn sie, mit fünf Taschen beladen, Geschichten erzählen sollte, während auch noch der Kleine (1) Geschichten machte und nicht laufen wollte. Die Mutter versuchte, ihrer Rolle als Erzählerin zu entgehen, indem sie möglichst langweilige Geschichten erzählte.

Versuch gescheitert. Dann erzählte sie die Geschichte von dem Mädchen, das immer nur Geschichten hören wollte. Plötzlich begannen alle Gegenstände im Haus, ununterbrochen Geschichten zu erzählen. Sogar die Legosteine, die Zahnbürste und der Klositz. So lange, bis das Mädchen genug davon hatte.

Aber das war ja nur eine Geschichte. In Wirklichkeit musste die Mutter immer und immer weitererzählen. Abends brachte sie die Kinder ins Bett mit dem Hinweis, man sei hier nicht in Tausendundeiner Nacht. Schluss mit den Geschichten!

Am nächsten Morgen schaltete die Mutter, die als Journalistin arbeitete, den Computer an und freute sich auf einen entspannten Arbeitstag. Sie öffnete die erste E-Mail: Eine Redakteurin fragte, ob sie mal eine Geschichte über XY schreiben könne. Da legte die Mutter den Kopf auf den Schreibtisch und weinte.

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