Ich, ich, ich

Wer immer der Erste sein will, fällt irgendwann auf die Nase. Das lernt man ja schon bei „Der Hase und der Igel“. Übrigens eine moralisch höchst fragwürdige Fabel, wie ich finde. Da geht ein ehrlicher Langstreckenläufer am unsportlichen Verhalten zweier stacheliger Betrüger zugrunde. Kann ich nicht gutheißen, so was.

Unfair ist es natürlich auch, wenn ein Zweijähriger und ein Vierjähriger ein Wettrennen auf der Treppe zum Kindergarten veranstalten. Mit dem Ziel, als Erster die Tür zu öffnen. Doch was dem Kleinen an Beinlänge fehlt, macht er mit Frechheit wieder wett: „Ich, ich, ich!“, ruft er, und fällt auf die Nase. „Das war jetzt wohl zu viel ,Ich, ich, ich‘“, höre ich mich sagen. Wenigstens hat er was daraus gelernt: Er ruft jetzt nur noch „Ich“, wenn er sicher auf seinem Stuhl sitzt. Zum Beispiel, wenn die große Schwester fragt, wer bei „Siedler von Catan“ gewonnen habe. „Ich!“, ruft der Zweijährige voller Stolz. Ebenso auf die Frage, wer denn jetzt ein Rätsel stellen möchte: „Ich!“ Situationskomik lässt sich meistens nicht reproduzieren, aber die großen Geschwister versuchen es trotzdem: „Weeer hat noch mal bei Siedler von Catan gewonnen?“ Die Antwort: „Nein!“

Es reicht ja auch eigentlich, wenn man drei Wörter im aktiven Wortschatz mit sich führt: Ich, nein und auch. „Auch!“ muss man immer dann rufen, wenn es etwas Gutes gibt, zum Beispiel Kekse.

Es gibt aber noch ein wichtiges Wort: „Drecksau“. Das ist keine Beschimpfung, sondern ein Spiel. Nichts Unanständiges. Es handelt sich nur um ein Kartenspiel, bei dem es darum geht, die eigenen Schweine möglichst schmutzig=glücklich zu halten. Den Gegner ärgert man, indem man es regnen lässt oder die „Bauer-schrubbt-die-Sau“-Karte einsetzt. Die glücklichste Drecksau ist diejenige, die in einem Stall mit Blitzableiter sitzt und ihre Stalltür zugenagelt hat. So kommt der Bauer nicht rein, um sie zu schrubben. Und der vor Blitzeinschlag geschützte Stall hält den Regen ab.

Naturgemäß können sich meine Kinder mit diesem Spiel wunderbar identifizieren. Der Kleine spielt zwar noch nicht mit, hat aber trotzdem ständig seine dreckigen Finger im Spiel. Neulich malte er ein Bild. „Wie schön, hast du einen Zug gemalt?“, fragte der Papa. Hätte ja sein können, in unserer Familie malt man oft Züge. Der Kleine antwortete aber: „Nein, Drecksau!“

Es ist wohl doch gut, dass wir in letzter Zeit nicht so viel unter Leute gehen.

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