Als ich Kind war, hatten Autos kein Radio. Zumindest nicht das meines Vaters. Telefone hatten Drehscheiben statt Musik-Apps, und in Rasthofklos rauschte statt Melodien zum Entspannen nur die Klospülung. Wolltest du Musik hören, musstest du das Radio aufdrehen. Wenn ich mir nichts zuschulden kommen ließ, durfte ich mich samstags zwischen meine Eltern aufs Sofa klemmen und Hitparade gucken. Klaus und Klaus und diese lustigen Leute. Und immer dieselben Lieder.

Nun lagen wir in der Sauna, meine Schwägerin und ich. Keiner weiter da außer uns. Die Sauna war der Elternbonus unserer ansonsten bäuerlichen Ferienunterkunft. Wir hatten ein Fläschchen Prosecco drin, das wir bei 70 Grad ausdünsteten, als wir einen toten Käfer in der Sauna entdeckten. Meine Schwägerin begann herzhaft zu singen: „Karl der Käfer wurde nicht gefragt, man hatte ihn einfach fort gejagt.“ Etwas später sangen wir beide von Karl, dem heimatlosen Käfer. Wir hatten beide dieselben Erinnerungen im Kopf.

Wir sangen noch im Ruheraum, als unsere Kinder von ihren Vätern bei uns in der Sauna abgegeben wurden. Seitdem sind Kind 1 und Kind 2 musikmäßig auf Zeitreise. Sie verlangen nach YouTube-Filmchen mit den Justin Bibers ihrer Großeltern.

Roy Black. Wie er mit einem kleinen blonden Mädchen bei Dieter Thomas Heck herumsitzt und singt, wie schön es auf der Welt ist.

Ist der Titel zu Ende, rufen Kind 1 und Kind 2 ihren imaginären Fragenkatalog ab. Bei Roy Black:

Kind 1: "Lebt der noch?"

Ich: "Nein."

Kind 1: "Warum nicht?"

Ich: "Weil er Drogen genommen hat, er musste an Alkohol sterben."

Bei Heintje:

Kind 2: "Wie alt ist der jetzt?"

Ich: "So alt wie Opa vielleicht."

Kind 1: "Nimmt er Drogen?"

Ich: "Keine Ahnung."

Vader Abraham und Papa Schlumpf:

Kind 1: "Lebt der noch?"

Ich: "Nein."

Kind 2: "Hat er Drogen genommen?" Und so weiter. Dieses kleine Quiz ist anstrengend, aber ich bin es gewohnt. Ab und zu klingelt mein Bürotelefon, und das Bildschirmchen zeigt "anonym" an. Ich weiß dann, das ist Herr M. Er hat auch kein Internet, wie meine Kinder. Er guckt gern alte Schinken im Fernsehen und weiß, dass ich Internet habe. Deshalb bittet mich Herr M. hin und wieder um Auskunft, vorzugsweise über gut aussehende Damen:

"Lebt Farrah Fawcett noch?"

"Nein."

"Hat sie Drogen genommen?"

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