Knaller-Sehnsucht

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Kind 1 und Kind 2 bitten dringend, von Neujahrswünschen aller Art abzusehen. Als ich in ihrem Alter war, freute ich mich über Neujahr immer wie ein Huhn über eine Handvoll Mehlwürmer. Kind 1 und Kind 2 wirken hingegen wie zwei ältere Fliesenleger, die sich am Stammtisch ordentlich ihr Leid geklagt haben und nun verärgert das Lokal verlassen und nach Hause schwanken, weil sie den letzten Bus verpasst haben.

Kind 1 und Kind 2 fühlten sich schon vom alten Jahr nicht ernst genommen. Und jetzt haben sie keinen Bock darauf, dass aller Mist von vorn beginnt. Mit Delta, Omikron, Impfgegnerdemonstrationen und Menschen mit wutroten Köpfen. Letztes Jahr wünschten sich Kind 1 und Kind 2 zum neuen Jahr, bald wieder in die Schule gehen zu dürfen. Am Ende hockten sie beinahe ein halbes Jahr über Zettelbergen und versuchten, sich den meisten Schulstoff selbst beizubringen. Sie waren die schlecht bezahltesten, jüngsten und einsamsten Lehrer aller Zeiten.

Ein freier Tag zum Beginn des neuen Jahres, als Entschädigungsgeschenk für das sinnlose alte Jahr, hätte ihre Stimmung ein bisschen anheben können. Als Corona-Bonus. Sie hätten es gerne gesehen, wenn man sie einfach mal kurz in Ruhe lässt. Alternativ wären sie nicht davon abgeneigt, vorübergehend nur noch über Noten zu sprechen, die auch wirklich Musik erzeugen. Ich beginne jedenfalls, Mitleid für die Lehrerinnen und Lehrer zu empfinden, die ihren Job machen müssen, während die coronazermürbten Kinder 1 bis 28 lieber häkeln würden oder so.

Kind 1 wünscht sich außerdem 2019 zurück. Weil es an Silvester 2019 überall Böller und Raketen zu kaufen gab. Wer jetzt vier sei oder fünf, der sei silvestertechnisch inzwischen an die Coronabeschränkungen gewöhnt. Aber seine Generation sei nun einmal noch so drauf, dass die Jungs in der letzten Nacht des Jahres gerne kleine Sprengsätze anzünden und zuschauen, wie sie explodieren und Funken sprühen. So spricht Kind 1 und schaut mir in die Augen, als sei irgendwo dahinter ein Feuerwerk zu erwarten. Aber da brennt nur eine Wunderkerze, eine viel zu kurze.

Kind 1 kündigt an, dass es auswandern wird, falls es in Deutschland nie wieder Silvesterfeuerwerk zu kaufen geben wird. Der Junge liebäugelt mit Belgien, warum auch immer. Das sagt er, während er auf dem Sofa sitzt und sich auf Youtube Videos von Böllern und Raketen reinzieht. Ein Video hat sogar eine Handlung: Ein Jugendlicher hat das Wohnzimmer vollgestellt mit Feuerwerkssortimenten und spielt mit seiner Familie Feuerwerksverkauf. Kind 1 sagt dann, er möchte es nächstes Silvester ordentlich knallen lassen. Das ist sein Neujahrswunsch. Ich wünsche mir das auch. Dass wir Omikron und Delta und was auch immer wegknallen. Danach können wir meinetwegen wieder darüber streiten, ob der Silvesterkram abgeschafft gehört.

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