Runde zwei im Fächerkanon der Schlechtigkeiten. Es geht um mein Klassentreffen, das neulich stattfand und bei dem wir alte Geschichten aufgewärmt haben. Wir saßen in der Kneipe, scannten uns nach Verschleißerscheinungen ab und gingen auf Zeitreise. Müsste ich meiner Schulzeit einen Geschmack geben, dann wäre es der von Makkaroni mit Jagdwurst, Tomatensoße und Reibekäse. Wenn ich daran denke, zündet jemand in meinem Herzen eine Kerze an.

Aber wir, wir waren böse. Vor Kurzem habe ich an dieser Stelle erwähnt, dass der Lehrermangel auch auf meine Rechnung geht. Ich erzählte, wie wir das Erich-Honecker-Bild im Speisesaal mit Kartoffelbrei bewarfen und unser Klassenzimmer überschwemmten. Herr K. aus F. hat mir daraufhin eine E-Mail geschrieben. Er wundere sich. Solche Fälle gehörten in der DDR in den Jugendwerkshof, schrieb Herr K. Und möglichst nach Torgau, schrieb Herr K. Das war ein Lager, in dem Kinder in dunkle Zellen eingeschlossen wurden und mit Ballettschläppchen über Kies laufen mussten, bis die Füße bluteten.

Ich packe weiter aus. Wennschon - dennschon. Wir hatten die Begabung, unsere Lehrer in den Wahnsinn zu treiben. Früher schon, als der Winter noch kalt und weiß und überhaupt alles besser war, Herr K.

Es gibt Momente, die man nie vergisst. Die Klassenfahrt nach Holland: Die Naht zwischen Ostdeutschland und Westdeutschland war frisch, als wir mit dem Reisebus in Amsterdam einrückten. Versehentlich landete Frau W. mit uns in einer Ladenstraße, in der nackte Frauen in Schaufenstern saßen. Wir blieben stehen und fanden das sehr lustig. Jens erfreute sich an einem Riesenpimmel aus Pappmaché und wollte ein Mitbringsel für seinen Bruder erwerben. Nirgendwo in Amsterdam gab es Gardinen, nur dort. Die Frauen zerrten sie zu.

Einmal versuchte unsere Lehrerin, uns mit offenem Hosenstall den Genitiv näherzubringen. Ich meldete mich und bekam das Rederecht. Ich sagte aber nichts zum Genitiv, sondern zum Reißverschluss. Das gab Applaus. Leider nur von den Sitzplätzen. Zum zweiten Teil dieser Geschichte gehört auch, dass ich dieser Frau mit dem offenen Hosenstall an den Lippen klebte, als sie uns den Sommernachtstraum vorlas. Wir verbrachten viele Nachmittage damit, in unserer kleinen Ich-AG Zeitungstexte über Schulkinder zu schreiben. Die Frau mit dem Reißverschluss-Problem weckte in mir die Sehnsucht nach dem Job, den ich heute habe. Und das ist das Beste, was Schulkindern passieren kann.

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