Die Geschichte der Kartoffel ist eine Geschichte voller Missverständnisse. Diesen Satz kennen Sie wahrscheinlich so ähnlich aus der Fernsehwerbung für Tampons. Schon sehr lange her ist das. Wegen dieses Werbespots wünschten sich viele kleine Jungen Tampons damals, weil man mit Tampons schwimmen, reiten und Tennis spielen konnte. Ein Missverständnis. So ähnlich ist das auch mit der Kartoffel.

Kind 1 mag keine Kartoffeln. Der Junge isst nichts, was in der Erde gesteckt hat und woran hin und wieder der eine oder andere Wurm vorbeigekrochen ist. „Igitt, Kartoffeln sind eklig“, sagt der Junge. Und ich versuche dann, ein gutes Wort für die Kartoffel einzulegen. Mit der Gabel könnte er sich einen hübschen Brei daraus quetschen. Der nimmt die Soße gut auf. Statt zur Gabel zu greifen, erklärt mir mein Sohn, was ich bisher nicht verstanden habe: „Ich! Mag! Das! Nicht!“ – „Die sind aber gesund“, sage ich. Auch das kann der Junge nicht mehr hören.

Dann kam seine Lehrerin mit Kartoffeln anspaziert. Die Dinger stehen nicht nur auf dem Speiseplan, sondern sie keimen und gedeihen Jahr für Jahr auf dem sächsischen Sachkunde-Lehrplan. Mein Sohn gehört zu der Sorte Kind, für die Grundschullehrerinnen verehrenswerte Vertreter der Gattung Mensch sind. Klein und brav sitzt er an seinem Bänkchen und nimmt sich zu Herzen, was seine Lehrerin erzählt. Nun hat er im Buch der Lebensweisheit ein neues Kapitel aufgeschlagen und hegt Pläne, Kartoffeln anzubauen.

Ich fasse zusammen, was er mir von der Wunderfrucht mit dem hübschen Namen Kartoffel berichtet: Früher waren die Leute so verrückt, dass sie sie in Parks anbauten und sich an ihren Blüten erfreuten. Sie machten sich leider nicht die Mühe, unter der Erde nachzuschauen, was die Kartoffel dort treibt. Eine Geschichte voller Missverständnisse, wie gesagt. Etwas später lebte ein gewisser alter Fritz, der Kaiser und damit Chef war. Der aß schon Kartoffeln, erklärt mein Sohn. Nur seine Bauern wollten ihm keine anbauen und erst recht keine essen. Aber sie waren dumm genug, sich von ihrem Chef überlisten zu lassen. Der ließ nämlich seine Kartoffelfelder bewachen wie eine Königin ihre Kronjuwelen. Deshalb wollten dann alle Kartoffeln anbauen und essen, erklärt mein Sohn.

Dem alten Fritz ging es wie mir. Ich überliste meinen Sohn, indem ich ihm regelmäßig Schupfnudeln serviere. Auch das sind Kartoffeln, und Kind 1 weiß offensichtlich, dass es an dieser Stelle von seiner Mutter verarscht wird: In der Klassenarbeit musste es Kartoffelprodukte aufzählen und schrieb an erster Stelle: Schuftnudeln.

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