Grün ist die Farbe der Angst

Zur Wahl einer neuen Landesspitze bei Bündnis 90/Die Grünen in Sachsen

Von Angst war auf dem Grünen-Parteitag in Neukieritzsch die Rede. Von der Angst, 2019 nicht mehr ins Parlament gewählt zu werden. Von der Angst, bald in einem Sachsen zu leben, in dem Grün nicht mehr in der parlamentarischen Farbenlehre auftaucht. Um dieses Schreckensszenario nicht Realität werden zu lassen, haben die Grünen umgesteuert. Der als Antifaschist profilierte bisherige Parteivorsitzende Jürgen Kasek muss gehen, an seiner statt führt nun Norman Volger zusammen mit Christin Melcher die Partei. Die Grünen wollen sich künftig als Kraft der Mitte präsentieren. Das ist in Sachsen ein waghalsiges Experiment.

Für die Grünen war es immer überlebenswichtig, dass sie in den drei Großstädten ausreichend Stimmen sammeln konnten, um über die Fünf-Prozent-Hürde zu gelangen. Auf dem Land sind sie in Sachsen zu schwach - im Erzgebirge, im Vogtland oder in der Sächsischen Schweiz haben sie in den vergangenen knapp drei Jahrzehnten kaum Fuß fassen können. Chemnitz, Dresden, Leipzig, das war ihr Milieu. Und dieses Milieu sympathisierte eher mit Rot-Rot-Grün als mit Koalitionen an der Seite der CDU.

Die Grünen haben erst bei der vergangenen Landtagswahl 2014 erfahren, was passiert, wenn zumindest Teile der Partei eine Machtoption an der Seite der CDU nicht ausschließen. Damals trommelte die Spitzenkandidatin Antje Hermenau für Schwarz-Grün, während manche ihrer Parteifreunde noch von Rot-Rot-Grün träumten. Die Wählerschaft verzieh diese Vielstimmigkeit offenbar nicht: Am Ende standen 5,7 Prozent als Ergebnis - deutlich weniger als die Grünen sich ausgemalt hatten. Dieses miserable Abschneiden war dann auch der Grund dafür, warum sie ein Koalitionsangebot des damaligen Ministerpräsidenten Stanislaw Tillich ausschlugen.

Wenn nun der neue Parteichef Norman Volger davon spricht, alle Wählerpotenziale von "links-grün bis schwarz-grün" abzurufen, ist dies theoretisch ein guter Plan. Nur: Wo sind denn die schwarz-grünen Wähler in Sachsen? Und: Wo sind die Befürworter dieses Bündnisses überhaupt in seiner eigenen Partei? Im Landtag kann von einer Annäherung nicht die Rede sein. In den großen Städten regieren mit Rot-Grün-Rot in Dresden und Rot-Rot-Grün in Chemnitz andere Modelle - mit Unterstützung der Wählerschaft. Und nach dem Austritt von Hermenau gibt es keinen profilierten Kopf, der Kontakte zur CDU hält und sie öffentlichkeitswirksam ausbaut.

Die Grünen müssten, wenn die Ankündigung ihrer neuen Parteispitze keine leeren Worten bleiben sollen, nun zum einen ihre Wähler davon überzeugen, dass auch ein Bündnis mit den Schwarzen kein Weltuntergang ist. Und zum anderen mehr als nur zaghaft auf die Union zugehen. In der aktuellen Stimmungslage, in der auch die CDU ihr Profil schärft, dürfte dieses Unterfangen einem Himmelfahrtskommando gleichen. Die Grünen haben Angst vor der Wahl 2019? Sie haben seit Samstag allen Grund dazu.

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