Hackordnung auf Zeit

Michael Kretschmer von Sachsens CDU zum Spitzenkandidaten gewählt

Zweifellos sind die 96,3 Prozent, die Sachsens CDU-Chef Michael Kretschmer bei der Wahl zum Spitzenkandidaten zur Landtagswahl am 1. September erhalten hat, ein ziemlich hervorragendes Ergebnis für den 43-Jährigen. Dass sie nicht ganz an die 99 Prozent heranreichen, die Vorgänger Stanislaw Tillich bei seiner ersten Spitzenkandidatur 2009 erreicht hatte - geschenkt. Kretschmer ist der Mann, dem die seit 1990 den Freistaat regierende Union jetzt vertraut.
Vor ihm steht eine Herkulesaufgabe: In siebeneinhalb Monaten droht seiner Partei mindestens eine schwierige Koalitionsbildung. Für ihn selbst wird es darauf ankommen, die bei der Bundestagswahl 2017 knapp vor der CDU liegende AfD auf Distanz zu halten. Ohne Wahlsieg werden die 96,3 Prozent genauso wie die Ära Kretschmer schnell zur Fußnote in der Parteigeschichte - und die Karten innerhalb der Union völlig neu gemischt.

Mit der Frage einer inhaltlichen Ausrichtung war die Nominierung nicht verbunden, genauso wenig wie - in Ermangelung einer Personalalternative - seine Wahl zum Partei- und Regierungschef Ende 2017 als Nachfolger des aufgebenden Tillich. Flügelübergreifend wird seine momentane Ausstrahlung als tatendurstiger, gesprächsbereiter Ministerpräsident geschätzt. Damit verbindet die CDU die Hoffnung, verloren gegangenes Vertrauen der Wähler zurückzugewinnen.

Aber dass Stilfragen allein nicht ausreichen, weiß Kretschmer selbst. Als Regierungschef wird er einerseits darauf bauen müssen, dass sich die seit seinem Amtsantritt angekündigten und mit viel Geld im Landeshaushalt unterfütterten Versprechen - mehr Spiel- und Freiräume für die Kommunen, schneller mehr Polizisten auf die Straße, genügend Lehrer an die Schulen - möglichst rasch in der Praxis bemerkbar machen. Als CDU-Chef wiederum muss er andererseits dem konservativ geprägten Flügel seiner Partei die Angst davor nehmen, durch seine unzweideutige Absage einer Zusammenarbeit mit der AfD aufgrund neuer Mehrheitsverhältnisse nach der Wahl künftig sogar auf zwei Koalitionspartner angewiesen zu sein; womöglich mit SPD und Grünen auch noch aus dem linken Lager.

Die - rechtzeitig vor der Aufstellung der Landesliste verkündete - Berufung des Politikwissenschaftlers Werner Patzelt zum Co-Chef der Programmkommission ist insofern nicht nur als Angebot an Ex-Unionswähler, sondern auch an die Konservativen in der Union zu verstehen. Die Parteispitze kann es durchaus als Erfolg verbuchen, dass Patzelt in ihrem Auftrag nach eigenen Angaben dazu beitragen will, "wie man die CDU wieder stark und die AfD wieder klein bekommen könnte".

Ob das neben der Vielzahl politischer Gruppierungen, die es von der FDP über Freie Wähler bis zur Blauen Partei auf die "bürgerlichen Wähler" zwischen CDU und AfD abgesehen haben, dazu beitragen wird, die Stellung der Union als Nummer 1 in Sachsen zu festigen? Feststehen wird das erst am 1. September. Nur im Erfolgsfall hat die neue Hackordnung der CDU länger Bestand.

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