Mathematiker plädiert für Impfpflicht

Schon gehört?
Sie können sich Ihre Nachrichten jetzt auch vorlesen lassen. Klicken Sie dazu einfach auf das Play-Symbol in einem beliebigen Artikel oder fügen Sie den Beitrag über das Plus-Symbol Ihrer persönlichen Wiedergabeliste hinzu und hören Sie ihn später an.
Artikel anhören:

Kristan Schneider von der Hochschule Mittweida hat mehrere Szenarien berechnet, wie sich das Corona-Infektionsgeschehen im Herbst entwickeln wird. Schon ein Impffortschritt von wenigen Prozentpunkten könnte vieles ändern.

Mittweida.

Die vierte Coronawelle im Herbst ist nicht vermeidbar, sagt Professor Kristan Schneider. Der Mathematiker von der Hochschule Mittweida hat das voraussichtliche Infektionsgeschehen in Deutschland berechnet und dabei verschiedene Szenarien untersucht. In allen angenommenen Fällen steigen die Infektionszahlen ab September wieder merklich an - mit welcher Wucht die vierte Welle kommt, ist jedoch abhängig von Schutzmaßnahmen und Impffortschritt.

In Bezug auf die Impfungen hat sich der Professor für Modellbildung und Simulation vor allem die Gruppe der 18- bis 65-Jährigen angeschaut. Diese Gruppe im berufstätigen Alter ist laut Schneider deutlich mobiler als Jüngere und Ältere und trägt damit das Coronavirus besonders stark weiter. Zudem handelt es sich im die größte Alterskohorte. Auch deshalb machen beim Impffortschritt in dieser Gruppe schon wenige Prozentpunkte einen großen Unterschied.

Lassen sich nur 80 Prozent der 18- bis 65-Jährigen in Deutschland gegen das Coronavirus impfen, werden demnach - bei nur geringen Gegenmaßnahmen - die Neuinfektionen im Sieben-Tage-Schnitt ein Vielfaches der bislang bekannten Höchstwerte erreichen. Der Grund dafür ist Schneider zufolge die höhere Infektiosität der Delta-Variante. Um wie viel ansteckender die Virusmutation im Vergleich zur Alpha-Variante ist, ist in der Wissenschaft noch umstritten, Forscher gehen von 40 bis 60 Prozent aus. Kristan Schneider hat für seine Berechnungen eine um 50 Prozent gesteigerte Infektiosität angenommen.

Lassen sich nur fünf Prozent mehr 18- bis 65-Jährige in Deutschland impfen, hat das einen gewaltigen Effekt: Die Infektionszahlen in der vierten Welle würden dann nur noch leicht über denen der zweiten liegen, jedoch im Sieben-Tage-Schnitt nur maximal etwas mehr als 50.000 Neuinfektionen erreichen - bei einer Impfquote von 80 Prozent unter den 18- bis 65-Jährigen währen es deutlich mehr als 150.000 Neuinfektionen.

Schneider begründet dies mit einem Saturierungseffekt: "Wenn Infizierte niemanden finden, den sie anstecken können, wird die Ansteckungsrate gedrückt." Ließen sich sogar 90 Prozent der 18- bis 65-Jährigen impfen, wäre die vierte Welle den Berechnungen zufolge in etwa vergleichbar mit der ersten - allerdings ohne dass die damals getroffenen rigorosen Schutzmaßnahmen nötig wären. Aus Schneiders Sicht wäre es daher vernünftig, über eine Impfpflicht nachzudenken.

Der Mathematikprofessor hat sich zudem vier Szenarien für die Ergreifung von Schutzmaßnahmen im Herbst angeschaut; dabei ist er davon ausgegangen, dass die Delta-variante um 60 Prozent ansteckender ist als die Alpha-Variante. "Das wäre der schlechteste anzunehmende Fall. Ein harter Lockdown würde nach seinen Berechnungen die Delta-Variante immerhin so gut im Zaum halten, dass die vierte Coronawelle ähnlich der dritten Welle ausfallen würde. Dass ein solcher Schritt noch vor den Bundestagswahlen Ende September beschlossen wird, hält Kristan Schneider allerdings für unwahrscheinlich. Zumal nach seinen Berechnungen die zuletzt bundesweit praktizierte Coronanotbremse einen vergleichbaren Effekt hätte. Dabei treten zusätzliche Schutzmaßnahmen auf Landkreisebene in Kraft, wenn dort bestimmte Inzidenzwerte überschritten werden.

Würden gar keine Schutzmaßnahmen ergriffen, würden die Infektionszahlen schnell exponentiell ansteigen. Über eine Million Neuinfektionen im Sieben-Tage-Schnitt wären der Modellrechnung zufolge dann möglich; bei einem sanften Lockdown ohne Schulschließungen wären es den Berechnungen zufolge immer noch mehr als 400.000. "Zu diesen Szenarien wird es aber nicht kommen, weil man dann irgendwann einschreitet", sagt Kristan Schneider.

Das könnte Sie auch interessieren

00 Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.