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Forensik in Mittweida: Warum Professor Dirk Labudde auf digitale Tatorte setzt

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Seit knapp zehn Jahren erhält die Hochschule Mittweida Anfragen von Ermittlungsbehörden. Dafür sorgt auch Professor Dirk Labudde, der inzwischen als gefragter Forensik-Experte gilt, obwohl er sich einst der Physik verschrieben hatte. Wie kam es, dass er heute hilft, Verbrechen aufzuklären?

Mittweida.

Erst war es gar nicht das Interesse am Verbrechen. Zur digitalen Forensik sei er gekommen, sagt Dirk Labudde, weil er sie damals genau dort fand, wo die Bioinformatik 15 Jahre zuvor war - an den Anfängen. Es gab ähnliche Probleme und Fragen: Welche Daten gibt es und wie geht man mit ihnen um? Welche Spuren finden sich im digitalen Raum und was sagen die über die reale Welt? Das reizte ihn.

Berufswunsch: Atomphysiker

Doch wenn davor nie davon geträumt hatte, Fälle zu lösen und Täter zu überführen - wovon träumte er als Kind dann? "Ick sag jetzt mal die Wahrheit", hebt er an. Im Plauderton, scheint sein Dialekt kurz auf und verrät, noch bevor er es erzählt, dass er in Malchin in Mecklenburg-Vorpommern geboren wurde. 1966 war das, "an einem sehr warmen Sommertag". Später wuchs er in Neubrandenburg und zeitweise Berlin auf. Dass er einmal in Mittweida einen Studiengang mitbegründen würde, in dem sich auch in diesem Jahr zwischen 150 bis 180 Studierende zum Wintersemester einschreiben, war da nicht abzusehen.

"Als Jugendlicher, so mit 16/17, fand ich ganz reine, weiße Stromgewinnung total schön", schwärmt er stattdessen. Damals wollte er noch Atomphysiker werden, die Kernenergie genoss einen ganz und gar untadeligen Ruf wie die Windräder, die Labudde, beim Auslandspraktikum in Holland mitkonstruieren half. Dass der Atommüll einmal irgendwohin müsse, sei ihm erst später aufgegangen und er spezialisierte sich dann auf Theoretische Physik. 1997 promovierte er über stochastische Gleichungen.

Als Bioinformatiker Professur in Mittweida angetreten

"Hochspannend" für Theoretische Physiker, sagt er, "aber was macht man mit diesem Wissen?" Diskussionen mit Medizinern, mit denen er befreundet war, hatten ihn da schon angestachelt: Der menschliche Körper sei so komplex, dass er sich physikalisch allein nicht beschreiben lasse, argumentierten die. Neben Theoretischer Physik in Rostock schrieb er sich zusätzlich in Medizinische Physik in Kaiserslautern ein. Ein Fernstudiengang, über den er zur Bioinformatik kam, die damals, vor dem Jahr 2000 ihre Hochzeit erreichte. Aber bevor es für ihn anschließend wieder in die Wissenschaft ging, legte er noch Zwischenstopp ein: "Ich wollte den kennenlernen, um den es eigentlich ging: den Patienten." In einer Klinik in Neubrandenburg arbeitet er daher als Medizinphysiker in der Neurochirurgie. Nach kürzeren Stationen und Forschungsaufenthalten wie in Dresden, wo er noch heute wohnt, kam er 2009 schließlich nach Mittweida zur Professur.

Eine ganz klassische für Bioinformatik , sagt er in seinem Büro, das einen einerseits mit einem großen Bildschirm empfängt, aber mit Couchtisch, Teppich und Sofa auch irgendwie aus dem akademischen Rahmen fällt. Kein steriles Büro, sondern ein Arbeitsort ist das.

Die Gruppe von Bioinformatikern, die sich damals fand, sei ziemlich erfolgreich gewesen, vor knapp zehn Jahren gab es dann die ersten Kontakte zur Sächsischen Landespolizei. "Aus diesen Kontakten ist dann der Wunsch und die Notwendigkeit entstanden, etwas in der digitalen Forensik zu machen", erzählt er. Obwohl Innenministerium und Wissenschaftsministerium in der Beziehung noch wenig verzahnt waren, wagten sie das Experiment und gründeten einen Studiengang. "Das ist, glaube ich, so auch nur an einer kleinen Hochschule möglich: Zu sagen, wir probieren es mal." Der erste Bachelor-Studiengang, der sich mit digitaler Forensik auseinandersetzte, war geboren.

Forensik-Studiengang ist ein Mittweidaer Erfolgsmodell

Seit 2014 wird er angeboten, aus der fixen Idee, sei über die Jahre es etwas sehr Erfolgreiches geworden. Damals populäre Fernsehserien wie "CSI - Den Tätern auf der Spur" ziehen längst nicht mehr die Zuschauer an, trotzdem erreicht der Studiengang seit fast zehn Jahren konstante Studierendenzahlen. Seit 2017 kann auch der Masterabschluss erlangt werden, ein berufsbegleitender Studiengang gehört ebenfalls zum Erfolgsmodell wie die Möglichkeit seit vergangenem Jahr, sich als Sachbearbeiter in der IT-Forensik in Mittweida ausbilden zu lassen, als Teil der Ausbildung zum Sachverständigen beim Bundeskriminalamt.

Labudde selbst ist inzwischen als Experte gefragt, nicht nur in Strafprozessen, sondern auch wenn es darum geht, Videobilder auszuwerten wie im Fall Gil Ofarim oder bei möglichen Kriegsverbrechen in der Ukraine. Diese Anfragen, als Gutachter auszusagen, kamen relativ schnell, richtungsweisend war dafür das Jahr 2017 und der Kontakt zu Soko "Altfälle" aus Thüringen. "Für die haben wir an alten Fällen gearbeitet - an Tatorten, die nicht mehr existieren", beschreibt er. Im Rechner sei es möglich, in der Zeit zurückzugehen, um Orte, wie sie zum Zeitpunkt eines Verbrechens waren, wieder aufleben zu lassen.

"Digitaler Zwilling" ist Fluch und Segen zugleich

Selbst für seine Studenten, die mittlerweile mit dem Internet aufwachsen, sei es immer wieder ein Aha-Erlebnis, wenn er sie ihre Google-Maps-Statistiken aufrufen lässt: "Das Smartphone ist ein digitales Spiegelbild unseres Selbst", sagt er Professor Forensik und Bioinformatik. Jeder könne alles über unseren digitalen Zwilling wissen, im Zweifel eben auch Kriminelle. "Wir nutzen alle die gleiche Technologie, die der Straftäter verwendet, das gleiche Smartphone wie das Opfer oder wie jeder in der Bevölkerung." Manchmal erschrecke er selbst, was damit inzwischen möglich sei.

Das sei der Punkt, an dem Datenschutz und Ermittlungsarbeit ineinandergreifen: "Dazu brauchen wir auch eine neue schulische Ausbildung", betont er, das Thema fasst ihn sichtlich an. Kinder müssten möglichst früh lernen, dass Daten, die im Netz sind, dort dauerhaft seien. Zugleich müsse ohne Tabu hinterfragt werden, was für das Täter, das Internet nutzen, um sich Kindern zu nähern oder kinderpornografische Inhalte zu verbreiten. Auch im Internet-Verkehr müsse man lernen, sich zu schützen. "Kein Mensch lässt sein Fahrrad mehr bewusst ohne Schloss stehen", daher seien die digitalen Daten nicht nur Fluch, sondern auch eine Chance.

Im Studiengang wird dazu derzeit die klassische Forensik mit intelligenten Systemen verknüpft: "Die Videoauswertung von öffentlichen Kameras ist ein Schwerpunkt, den wir haben", erklärt er. Die Informatiker erstellen dafür digitale Skelette im 3-D-Modell, um Personen Tathergänge zuzuordnen. Daneben wird erforscht, wie sich die Kommunikation auf Smartphones schnell und automatisiert auswerten lässt, um in der großen Menge digitaler Daten Spuren finden zu können. Ein weiterer Schwerpunkt, so Labudde, liege darauf, das Alter einer Blutspur zu bestimmen, aber auch informatische Themen wie das Wiederherstellen und Sichern von Daten spielten weiterhin eine Rolle.

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