Milkauerin näht mehr als 1500 Kleider

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Gisela Wohlfahrt feiert ein seltenes Jubiläum. Die 81-Jährige ist seit 60 Jahren Damenschneidermeisterin. Dafür erhielt sie von der Handwerkskammer den Diamantenen Meisterbrief.

Milkau/Chemnitz.

Gisela Wohlfahrt schaut genau hin, was Frau heutzutage so trägt. Mancher Zuschnitt einer Bluse oder eines Kleides macht sie unzufrieden. "Bei uns damals wurde alles figurbetont und individuell gearbeitet", blickt die 81-jährige Milkauerin auf ihre Berufszeit zurück. Viele heute industriell gefertigte Kleidungsstücke seien viel zu weit und müssten eigentlich "abgenäht" werden, wie sie sagt. Gisela Wohlfahrt muss es wissen, denn sie hat Damenmaßschneiderin gelernt und ist seit 1961 Meisterin des Damenschneiderhandwerks. Bei einer Festveranstaltung in der Limbacher Stadthalle wurde sie jetzt für dieses seltene Jubiläum geehrt.

Angefangen hatte alles, als ihr ihre Eltern zum Abschluss der Schule eine Nähmaschine schenkten. Schon zu dieser Zeit entstanden die ersten Kleidungsstücke - mehr als 1500 sollten es im Laufe ihres Berufslebens noch werden. Bei Meisterin Ruth Franke in Crossen wurde Gisela Wohlfahrt zur Schneiderin ausgebildet. Während ihrer Gesellenzeit bereitete sie sich auf die Meisterprüfung vor, die sie am 11. März 1961 bestand. Als damals die PGH "Elegant" in Rochlitz gegründet wurde, gehörte die Milkauerin zu den Gründungsmitgliedern. Mit einer anderen Meisterin bildete sie insgesamt fünf Lehrlinge aus.

Genäht wurde bei der PGH in der Rochlitzer Rathausstraße nach Kundenwunsch. "Die Kundinnen brachten den Stoff mit. Ich habe Maß genommen, dann wurde zugeschnitten", erinnert sie sich. Nach einer Anprobe, bei der nochmals kleinere Korrekturen vorgenommen wurden, war dann das gute Stück fertig. "Es war immer eine große Freude, wenn ich den Kundenwunsch erfüllen konnte."

Auch ihrem Mann Horst, mit dem sie im Juni nächsten Jahres 60 Jahre verheiratet ist, haben die körperbetonten Schnitte besser gefallen, gibt er zu. In ihrem Haus im Erlauer Ortsteil Milkau ist Ehemann Horst, der handwerklich sehr geschickt ist, die gute Seele. "Wir haben alles selbst erledigt, einen Handwerker brauchten wir nicht", sagt seine Frau. Und deshalb war auch mal das Wechseln eines Motors an ihrer Nähmaschine selbstverständlich. Das Nähen trug maßgeblich mit zum Lebensunterhalt in den für sie schwierigen 1960er-Jahren bei. Um über die Runden zu kommen, half Gisela Wohlfahrt zu DDR-Zeiten außerdem im Konsum mit, in dem sie Stoffe verkaufte und anschließend Kleidungsstücke nähte. Auch für eine Versicherung hat sie 27 Jahre lang gearbeitet.

Das Schneidern jedoch hat ihr Leben bestimmt. Für ihren Mann und ihren Sohn hat sie Hosen genäht und entsprechend der damaligen Mode, diese mit einem Schlag versehen. Auch für sich selbst fertigt Gisela Wohlfahrt immer noch Kleidungsstücke an. Denn sie liebt es, etwas Individuelles zu tragen und nichts von der Stange. Mit Schrecken erinnert sich die Milkauerin an einen zu DDR-Zeiten gekauften Pullover. Der war im damaligen "Exquisit" - einem Kaufhaus für gehobene Ansprüche - nicht ganz billig. "Als ich mich umdrehte, hatte die Frau hinter mir den gleichen Pullover an", muss sie heute schmunzeln. So etwas sollte ihr nicht wieder passieren. Heute ist ihr großes Hobby Sticken und Häkeln. "Meine Hände stehen nicht still", sagt Gisela Wohlfahrt, die stolz ist auf ihren Sohn, die zwei Enkel und die drei Urenkel. Zurückblickend meint sie zufrieden: "Diesen Beruf würde ich jederzeit wieder erlernen. Und auch diesen Mann wieder heiraten."


Goldene und Diamantene Meisterbriefe für Mittelsachsen

Die Handwerkskammer Chemnitz hat nach 50 Jahren 72 Altmeistern ihre Goldenen Meisterbriefe und nach 60 Jahren 39 Altmeistern ihre "Diamantenen Meisterbriefe" überreicht. Zu den geehrten Goldenen Meistern aus dem Landkreis Mittelsachsen gehören die Elektroinstallateurmeister Erich Buschner aus Lichtenau und Klaus Kempe aus Freiberg, die Kraftfahrzeugmeister Wilfried Sturne aus Rochlitz und Dietmar Krumbiegel aus Döbeln, Dachdeckermeister Uwe Kunze aus Leisnig, Mechanikermeister Jürgen Menzel aus Hartmannsdorf, Schuhmachermeister Günther Hornauer aus Halsbrücke, Fleischermeister Dieter Meyer aus Leubsdorf, Konditorenmeisterin Christa Andelt aus Niederwiesa und Herrenschneidermeister Harald Matthes aus Neuhausen. Diamantene Meisterbriefe erhielten Damenschneidermeisterin Gisela Wohlfahrt aus Milkau, Tischlermeister Martin Mirschel aus Döbeln, Friseurmeisterin Erika Preußer aus Großhartmannsdorf und Tischlermeister Rolf Eidam aus Weißenborn. (ule)

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