Der Berg ruft

Unwegsame Hänge, steile Felsen - und Menschen, die hinaufwollen: Vor 150 Jahren wurde der Deutsche Alpenverein gegründet. Er machte Bergwandern und Klettern zur Massenbewegung. In Sachsen gibt es heute zehn Sektionen mit mehr als 33.000 Mitgliedern. Nazizeit und DDR hinterließen Spuren.

Deutschlands fünftgrößter Sportverein hat bescheidene Wurzeln: 36 Bergbegeisterte fanden sich am 9. Mai 1869 im Münchner Gasthaus "Zur Blauen Traube" ein, um die "Durchforschung der gesamten deutschen Alpen" und "die erleichterte Bereisung derselben" voranzubringen. Es war die Gründungsversammlung eines "bildungsbürgerlichen Bergsteigervereins". Eine Gruppe um den Prager Kaufmann Johann Stüdl, den österreichischen Priester Franz Senn, den Buchhändler Theodor Trautwein und den Studenten Karl Hofmann organisierte sich als Alternative zum sieben Jahre zuvor gegründeten Österreichischen Alpenverein, der sich auf wissenschaftliche Arbeit konzentrierte. Stüdl und seine Mitstreiter aber wollten mit dem Deutschen Alpenverein (DAV) die Berge nicht nur akademisch erschließen, sondern aktiv, durch den Bau von Hütten und Wegen.

Es war der Beginn einer Massenbewegung , die auch Sachsen erfasste. Bereits am 31. Mai 1869 wurde in Leipzig die erste Vereinssektion außerhalb von München gegründet, 1873 und 1874 folgten Dresden und Erzgebirge-Vogtland, 1882 Chemnitz. Ab Anfang des 20. Jahrhunderts existierten selbst in kleineren Orten Sachsens eigenständige Sektionen, etwa in Aue, Crimmitschau und Freiberg. Ab 1873 gab es den gemeinsamen Deutschen und Österreichischen Alpenverein (DÖAV).

Heute ist der DAV mit rund 1,3 Millionen Mitgliedern weltgrößter Bergsportverband, die Mitgliederzahl steigt kontinuierlich. Wandern, Klettern, Skitourengehen und Mountainbiken boomen. Gut 30 Prozent der Mitglieder gehen in DAV-Hallen klettern, gut 20.000 Kursleiter bieten in 356 Sektionen jährlich rund 165.000 Kurse, Touren und andere Veranstaltungen an. Präsent ist der Verein flächendeckend weit über Bayern und die Alpen hinaus - nördlichste Sektion ist Flensburg. In Sachsen gibt es heute zehn Sektionen mit mehr als 33.000 Mitgliedern, die größte ist der Sächsische Bergsteigerbund in Dresden mit über 15.000 Mitgliedern.

Viele Mitglieder schätzen den Service und die Vergünstigungen auf den mehr als 300 vereinseigenen Berg- und Schutzhütten quer durch die Alpen und auch darüber hinaus. Der DAV übernimmt für Mitglieder weltweit die Rettungskosten, wenn beim Bergsport etwas passiert. Auch der Profisport prägt die Arbeit. Der Alpenverein setzte sich für Klettern und Skitourengehen als Olympische Disziplin ein. Beim Klettern wird es nun in Tokio 2020 erstmals olympische Medaillen geben.

Als Naturschutz- und Sportverband muss der DAV immer wieder Interessenkonflikte lösen: Erschließen für den Sport - oder schützen für die Umwelt? Neue Skilifte und Schneekanonen lehnt der DAV ab. Um neue Klettersteige gab es hingegen immer wieder Debatten. Inzwischen baut der DAV so gut wie keine neuen mehr. Auch neue oder größere Hütten wird es trotz steigenden Andrangs nicht geben. Für Präsident Josef Klenner ist klar: "Wir müssen sorgsamer mit den Alpen umgehen. Der Klimawandel zeigt sich nirgends so wie im Alpenraum."

Der Spagat zwischen Erschließung der Berge und Umweltschutz begleitet den Verein seit gut 100 Jahren. In der Weimarer Republik nahm der Verband den Naturschutz in seine Satzung auf und setzte sich für den Erhalt unberührter Gebirgslandschaften ein. Schon der Bau des - heute oft auf viele Wochen ausgebuchten - Münchner Hauses auf der Zugspitze ab 1894 war heftig umstritten. 1925 protestierten rund 4000 Menschen gegen die weitere Erschließung der Zugspitze mit einer Seilbahn und die damit aus ihrer Sicht einhergehende Industrialisierung der bayerischen Berge.

Früh kam im Alpenverein Antisemitismus auf. Bereits 1907 nahm die erste Sektion einen Arierparagrafen in ihre Vereinssatzung auf, und schon in den 1920er-Jahren waren Wege mit Hakenkreuzen markiert, auf manchen Hütten stand ein Schild: "Juden unerwünscht". Ab 1933 ließ der Verband sich von der NSDAP vereinnahmen. Kampfgeist, Kameradschaft und Hingabe für den "Gipfelsieg" bis zum Tod passten gut zu den Ideen der Nazis. "Dass der DAV zur NS-Zeit und schon davor jüdische Mitglieder ausgeschlossen hat, ist uns heute jeden Tag eine Mahnung, dass wir offen und tolerant sein wollen und müssen gegenüber allen - egal welche Herkunft, sexuelle Orientierung, körperliche oder geistige Einschränkung sie haben", sagt Präsident Klenner.

In der DAV-Sektion Chemnitz hat Frank Tröger die Vereinsgeschichte zwischen 1933 und 1945 erforscht. Er stellt fest: "Die Chemnitzer Sektion gehörte in keiner Weise zu den treibenden faschistischen Kräften im Alpenverein." Lange habe der Vereinsvorstand an demokratischen Inhalten seiner Satzung festgehalten; anders als von den Nazis gewünscht, sei der damalige erste Vorsitzende nie der NSDAP beigetreten. Ende der Dreißigerjahre habe der Einfluss der von der NS-Ideologie stark geprägten DAV-Zentrale aber deutlich zugenommen.

Antisemitismus und Wirken in der NS-Zeit hatten Folgen für den DAV - vor allem im Osten Deutschlands. Dort blieb der Alpenverein bis zur Wende verboten. Nach dem Zweiten Weltkrieg gingen Mitglieder nach Westdeutschland und gründeten Exil-Sektionen. So gelang es etwa den Plauenern, in Freiburg Fuß zu fassen. Nach dem Ende der DDR wurde die Sektion im Vogtland wiedergegründet; noch heute betreibt sie die "Plauener Hütte" in den Zillertaler Alpen in Österreich.

Die Chemnitzer Exilgruppe indes löste sich 1973 auf und übergab ihre Hütte im Pitztal an den DAV Rüsselsheim; heute heißt sie "Rüsselsheimer Hütte". Eine erste Hütte in Südtirol hatten die Chemnitzer bereits nach dem Ersten Weltkrieg verloren. Sie wird heute vom Land Südtirol betrieben, trägt aber weiter den Namen "Chemnitzer Hütte".

Für Frank Tröger als langjähriges Vorstandsmitglied der 1990 wiedergegründeten DAV-Sektion Chemnitz ist das kein Problem. "Ich bin froh, dass wir keine Hütte mehr haben", sagt der 68-Jährige. Nach der Wende habe es dazu durchaus Diskussionen gegeben. Die Erfahrungen anderer Sektionen indes zeigten: Der Erhalt der Hütten erfordere immer wieder große Investitionen. "Der Komfort steigt, teilweise schon auf das Niveau von Berghotels", berichtet Tröger. Auch aus Umweltschutzgründen sei das fragwürdig. So wachse allein durch den Einbau einer Dusche der Wasserverbrauch in der sensiblen alpinen Natur enorm. "Wenn dann eine Gruppe von 20 Leuten kommt, duschen alle. Keiner will das Dreckschwein sein."

Die Aktiven der Sektion Chemnitz mit ihren heute mehr als 2600 Mitgliedern konzentrieren sich auf die Arbeitseinsätze im Erzgebirge. An den Greifensteinen, im Schwarzwassertal, in Wolkenstein und an den Teufelssteinen bei Johanngeorgenstadt kümmern sie sich um die Sicherungsanlagen für die Kletterer. Vor allem aber geht es ums Wandern. Es gibt eine Kinder- und Jugendabteilung, eine Hundesportgruppe, Mountainbiker- und Skigruppen; Touren werden im Erzgebirge ebenso wie in den Alpen organisiert, natürlich zur "Chemnitzer Hütte" und zur Partnersektion beim Alpenverein Südtirol im nahegelegenen Sand in Taufers. Selbst die ganz alten, langjährigen Mitglieder seien noch in Bewegung, so erzählt Frank Tröger. "Da genügt eine kleine Runde durch den arktisch-alpinen Garten in Glösa. Und dann gehen wir Kaffee trinken." mit dpa

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