Der Fall Kolumbus

Warum Amerikaner dem Entdecker Amerikas den Heldenstatus aberkennen

Schwere Zeiten für Helden, in denen jeder Mythos im Nu digital entzaubert werden kann. Da wird aus einem Superstar schnell ein B-Promi. Manche bringen sich auch selbst zu Fall: Franz Beckenbauer, Martin Schulz, Martin Winterkorn, Mesut Özil. Eine zugegeben schräge Reihe gefallener Helden. Aber jetzt trifft es auch eine historische Gestalt, die seit Jahrhunderten über jeden, okay, fast jeden Zweifel erhaben war: Christoph Kolumbus. Genau, der mit dem Ei. Berühmt geworden aber ist der Seefahrer nach allgemeiner Lesart als Entdecker von Amerika.

Nun aber sperren sich die, die er einst entdeckt haben soll, gegen die Heldenverehrung, die Amerikaner. War er mutiger Entdecker oder grausamer Besatzer? Held oder Schurke? Die Debatte kochte just am 8. Oktober auf, dem "Columbus Day". An diesem US-Nationalfeiertag - jeweils am zweiten Montag im Oktober - wird die Ankunft Kolumbus' in der Neuen Welt 1492 begangen.

Kolumbus segelte im Auftrag der spanischen Krone, stammte aber wohl aus Genua. Gerade für viele italienischstämmige US-Bürger ist der Seefahrer deshalb bis heute nicht nur ein Held, sondern auch der erste "echte" Amerikaner. Zugleich jedoch wächst die Zahl derer, die das ganz anders sehen: Sie erinnern daran, dass die Spanier auf Kolumbus' Befehl hin umgehend damit begannen, die Urbevölkerung zu unterdrücken. Einige US-Bundesstaaten haben die Bezeichnung "Columbus Day" abgeschafft und stattdessen einen "Tag der Urbevölkerung" eingeführt. Sie alle verweisen auf das Leid, das mit Kolumbus über die Menschen kam, und darauf, dass er mitnichten Amerika "entdeckte": Er habe nur die Kolonialisierung des Kontinents eingeleitet. Wo sie recht haben, haben sie recht.

Aber schade ist es doch mit dem Kolumbus. Er kommt als neues Opfer unserer postheroischen Gesellschaft daher, die ihre Identität vorwiegend aus der Ablehnung des Heldentums bezieht. Wenn Helden aber etwas mit Menschlichkeit und Gewissen zu tun haben, statt mit Mut und Geschäftssinn, dann fällt Kolumbus wohl in der Tat nicht in diese Kategorie. Aber ein schneidiger Seefahrer war er schon, der Kolumbus. Auch ohne Ei. Stephan Lorenz

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