Der Mann, der zweimal aus dem Osten floh

Es war der Anfang vom Ende der DDR: Im Sommer '89 überwanden Tausende den Eisernen Vorhang in Ungarn. Manche starben bei dem Versuch. Aber einer setzte sich der Todeszone sogar zweimal aus.

Wien/Sopron.

Es gab drei Zäune. Der erste, gefährlichste war gerade mannshoch. Dahinter lag der geeggte Todesstreifen. Dann ein zweiter Zaun und noch ein dritter, den sie den "56er-Zaun" nannten - nach dem Ungarn-Aufstand '56 errichtet, jetzt vom Dickicht überwuchert. Aus seiner Zeit als Grenzsoldat, die Uwe Meyer im brandenburgischen Hinterland verbrachte, aus dieser Zeit in der DDR also wusste er: Die beste Tageszeit für einen Fluchtversuch war gegen Mittag. Da brannte die Sonne im August, und das würde die ungarischen Häscher auf ihren Wachtürmen schläfrig machen.

Seinen Begleitern, die sich ihm angeschlossen hatten, sagte Meyer, das Ganze werde nicht lange dauern. Aber er log. Wenn man auf Bäuchen und Knien rutschte und jedes leise Knacken die Bewegungen gefrieren ließ, brauchte es Stunden, bis man drüben war. Wenn man durchkam.

Es war im Sommer '89. Vor zwei Jahren ging so der Refrain eines Popsongs der Band Kettcar, der von einer Flucht aus Ungarn ins Burgenland handelte. Dort, im Städtchen Rust am Neusiedler See, lebt der frühere Polizist und Grenzhistoriker Wolfgang Bachkönig, 64, Chefinspektor im Ruhestand, der mehrere Bücher über diese Grenze verfasst hat. Heute, dreißig Jahre danach, hält er viele Vorträge, bei denen er auch das populäre Kettcar-Video zeigt: "Eine Flucht im Morgengrauen; er war der Typ, der durch die Nacht schlich, und schnitt Löcher in den Zaun."

Die Grenze Österreichs mit Ungarn, erklärt Wolfgang Bachkönig, ist 396 Kilometer lang. Wo Ungarn, der einstige "Gulaschkommunismus", die angeblich "fröhlichste Baracke des Ostblocks", an das Donauland im Westen grenzt, rechneten sich Fluchtwillige aus der DDR bessere Chancen aus als an der innerdeutschen Grenze. Dort gab es keine Selbstschussanlagen, keine Kettenhunde. Die mehr als eine Million Minen, die dort einmal lagen, wurden bis Ende der 1960er-Jahre weggeräumt, berichtet Bachkönig.

Nicht, dass die Flucht über Ungarn ein Spaziergang war. Eine Budapester Zeitung berichtete 2009 von 13.000 Fluchtversuchen zwischen 1970 und 1988, von denen ganze 400 erfolgreich waren. Tausende wurden festgesetzt, inhaftiert, den DDR-Behörden übergeben. Es gibt Berichte von neun Todesopfern. Wolfgang Bachkönig vermutet, dass die wahren Zahlen höher lagen.

Die DDR war ein totalitärer Staat mit sozialer Fassade, dem sich zu allen Zeiten ganz unterschiedliche Menschen zu entziehen versuchten. Sie wollten lieber mündig und frei sein als angepasst und Fürsorgeobjekt. Der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk bilanziert in seiner großen Studie "Endspiel", dass die DDR zwischen ihrer Gründung 1949 und dem Mauerbau 1961 bereits drei Millionen Bürger durch Flucht verloren hat. Bis 1965 seien noch einmal 50.000 Menschen entkommen, danach ging die Zahl zurück. In den 1970er-Jahren haben Jahr für Jahr rund 4800 Menschen fluchtartig das Land verlassen. Anfang der 1980er-Jahre waren es etwa 3000 im Jahr.

Eine Rechtsgrundlage für Ausreisegesuche wurde in der DDR überhaupt erst 1988 erlassen. Auch danach gab es kaum legale Ausreisegründe, etwa zur Familienzusammenführung. Der Bestand an Ausreiseanträgen hatte sich von 1980 bis zum Sommeranfang 1989 mehr als versiebenfacht, so Kowalczuk - auf 160.000 Gesuche.

Ungarn in den 1980er-Jahren betrieb eine vorsichtige Öffnungspolitik, im Unterschied zur politisch vollends erstarrten DDR. Im Februar 1989 fasste das Zentralkomitee der ungarischen Kommunisten die Einführung eines Mehrparteiensystems ins Auge. Im Frühsommer tagte ein Runder Tisch mit Vertretern der Opposition, die damals bereits tief in der Gesellschaft verwurzelt war - darunter der Bund Junger Demokraten (Fidesz) mit dem heutigen Staatspräsidenten Viktor Orbán.

Am 2. Mai 1989, schreibt Kowalczuk, begann in Ungarn der Fall der Berliner Mauer. Budapest kündigte den Abbau der Grenzbefestigungen zu Österreich an. Das hatte nicht nur humanitäre Gründe: Wolfgang Bachkönig berichtet von technisch veralteten Anlagen und unkontrollierbaren Fehlalarmen. "Die Nachricht Anfang Mai wurde wenig beachtet. Zunächst suchten weiter nur einzelne Flüchtlinge ihre Chance." Das änderte sich, als Gyula Horn und Alois Mock, die Außenminister Ungarns und Österreichs, im Juni zwischen St. Margarethen und Siegendorf ein Stück Grenzzaun vor Kameras durchschnitten. "Für den 12. Juli habe ich die erste markante Eintragung in der Chronik des nahegelegenen Gendarmeriepostens Mörbisch am See gefunden: Familie mit Kind", so Bachkönig. "Das ging noch einige Tage im Kleinen weiter. Dann setzte der große Strom ein."

In Ungarn, schreibt Historiker Kowalczuk, galt ab Mitte Juni die Genfer Flüchtlingskonvention, die das Land verpflichtete, Flüchtlinge nicht mehr auszuliefern, wenn ihnen im Herkunftsland Strafe und Verfolgung droht. Noch ganze vier Wochen - nach Absprachen zwischen den Staatssicherheitsbehörden Ungarns und der DDR - hielt Budapest an der Praxis fest, aufgegriffene Fluchtwillige auszuliefern.

Im Jahr 1989 hatten bis zum Sommeranfang 100.000 Menschen per Flucht oder Ausreise die DDR verlassen. Mehrere hunderttausend DDR-Bürger hielten sich in den Ferien in Ungarn auf. Ende Juli begannen die Botschaftsbesetzungen: 130 Flüchtlinge schlüpften in der Ständigen Vertretung Westdeutschlands in Ostberlin unter (die am 8. August geschlossen wurde), 171 in Budapest, 140 in Prag. Beide Botschaften machten Mitte August wegen Überfüllung zu, später auch Warschau. Am 13. August, dem Jahrestag des Mauerbaus, demonstrierten Leipziger und ungarische Oppositionelle gemeinsam in Budapest.

Am 19. August, fast auf den Tag genau vor dreißig Jahren, fand unmittelbar an der Grenze zwischen Sopron und St. Margarethen - auf einer Wiese, die inzwischen in einen Monumentenpark zum Andenken an das Ereignis verwandelt worden ist - das "Paneuropäische Picknick" statt. Die Organisatoren hatten Flugblätter in deutscher Sprache verteilt, die viele fluchtwillige DDR-Bürger, die sich ohnehin im Grenzland aufhielten, anlockten. Bis zu 900 DDR-Bürgern - genaue Zahlen fehlen - gelang an diesem Tag, an dieser Stelle der unverhoffte Grenzübertritt nach Österreich.

Es war am gleichen Wochenende, dass sich Uwe Meyer aus Gera, damals 31 Jahre, Wismut-Steiger in Ronneburg, entschied, die DDR jetzt zu verlassen. Früher im Jahr hatte er eine Urlaubsreise zu einem Truckrennen am Hungaroring dazu genutzt, eine Fluchtroute ausfindig zu machen. Drei seiner Wismutkumpel schlossen sich ihm an. Nahe der Grenze bei Sopron stießen weitere Fluchtwillige zu der Gruppe, sie waren nun ein reichliches Dutzend, darunter ein dreijähriges Kind. War das nicht riskant? "Du durftest nicht zu ängstlich sein, sonst wurde das nichts", sagt Meyer heute.

Gegen Mittag gelangte die von Uwe Meyer geführte Gruppe vor die drei Zäune, schnitt sie auf und kroch hindurch. In Neckenmarkt im Burgenland erkannten sie, dass ihre Flucht erfolgreich war. Wenige Tage später hielt Meyer in der Bundesrepublik seinen provisorischen Westpass in den Händen.

Nicht alle hatten dieses Glück. Noch im Sommer und Herbst 1989 sind mindestens 18 DDR-Bürger im Zusammenhang mit Fluchtversuchen ums Leben gekommen, so der "Forschungsverbund SED-Staat" der Freien Universität Berlin. Im Juli 1989 wurde an der bulgarisch-griechischen Grenze der 19-jährige Michael Weber aus Leipzig erschossen. Ein Offiziersschüler in Löbau, inhaftiert wegen eines Fluchtversuchs, erhängte sich in seiner Arrestzelle. In Grenzflüssen ertranken im September und Oktober '89 zwölf Männer und zwei Frauen. Noch am 12. Oktober sprang eine 22-Jährige aus dem Zug von Zittau nach Görlitz, der polnisches Gebiet durchfuhr, um in die westdeutsche Botschaft nach Warschau zu gelangen. Sie verunglückte tödlich. In der Nähe von Sopron starb im August der 36-jährige Kurt-Werner Schulz aus Weimar im Handgemenge mit einem ungarischen Grenzposten; ein Schuss hatte sich gelöst. Der Grenzer aus Ungarn war danach ein gebrochener Mann.

Im August '89 sind 21.000 DDR-Bürger geflohen, fast 13.000 durften offiziell ausreisen, so Ilko-Sascha Kowalczuk. Am 31. August kündigte Ungarn der DDR-Regierung an, dass es am 11. September seine Landesgrenzen öffnen werde. Kurzzeitig verschärfte die Tschechoslowakei ihre Grenzkontrollen, um den Ostberliner Genossen beizuspringen. Die DDR-Behörden genehmigten keine Reisen nach Ungarn mehr. Dem Fernsehmoderator Kai Pflaume gelang noch die Ausreise, indem er sich eine schwangere ungarische Verlobte erfand und doch ein Visum erhielt, wie er in Interviews erzählte.

Uwe Meyer, inzwischen mit Westpass, wagte zwei Wochen nach seiner Flucht ein Husarenstück - der wahren Liebe wegen. Aus Thüringen war seine Freundin Elke in Ungarn eingetroffen. Er fuhr hin, gabelte sie auf und brachte sie auf gleichem Wege - mittags durch die drei Zäune - aus Ungarn heraus. Er dürfte der Einzige sein, der den Eisernen Vorhang zweimal überwunden hat.

Elke und Uwe Meyer sind seit Herbst '89 verheiratet und leben inzwischen wieder in Gera. Ihren Helfern im Burgenland fühlen sie sich bis heute freundschaftlich verbunden. Wolfgang Bachkönig hofft, seine Forschungen könnten den Nachwachsenden vermitteln, dass es solche "Todesstreifen" nie wieder geben darf. Im September liest er in Neckenmarkt. Uwe Meyer plant hinzufahren - zurück an den Ort, wo er 1989 seine Freiheit fand.

Buchtipp

Wolfgang Bachkönig: Sommer 1989. Durch den Eisernen Vorhang in die Freiheit. Zeitzeugen aus drei Staaten erzählen. Verlag Innsalz Munderfing 2019. ISBN: 978-3-903154-99-5, 743 Seiten, 24,50 Euro.

Kettcar: Sommer 89

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