Der Staubfänger

Warum Schmutz schön sein kann

In Staub steckt das Wort Stoff. In Stoff das Wort Staub. Denn Staub ist der Stoff, aus dem alles ist. Staub bist du - und zum Staub kehrst du zurück. So steht's in der Bibel. Gedacht als Warnung. Nach dem Sündenfall. Staub ist der Anfang. Staub steht am Ende. Dazwischen hat Gott den Schweiß gesetzt. Ein Leben mit viel Arbeit. Staubsaugen zum Beispiel.

Die Wartburg ist für Wolfgang Stöcker nichts weiter als ein schöner Schmutzhaufen. Der Pariser Louvre? Ein Ort für tolle Flusen - über die lächelt Mona Lisa locker hinweg. Sie ist ja hier nicht die Putzfrau. Herr Stöcker hat sie im Kopf - die Flusen. Denn während Staub für die einen einfach purer Dreck ist, ist er für den Kunsthistoriker aus Köln eine faszinierende Materie. Der 49-Jährige sammelt Staub. Macht daraus auch Kunst. Oder sieht darin das Artifizielle an sich: "Wenn man sich so eine vollendete Wollmaus mal betrachtet, ist das ein ganz fantastisches kleines Denkmal - eine Skulptur, sehr filigran", sagt Stöcker.

Sieht man sich Staub mit seinen Augen an, könnte man das lästige Staubwischen zur Leichtigkeit des Seins zählen. Es geht um winzige Teilchen. Sie schweben in der Luft. Lassen sich nieder. Lagern sich ab. "Staub ist die Kraftmaterie schlechthin - im Staub reflektiert sich das Licht, Sonnenuntergänge wären nicht sichtbar ohne Staub in der Luft", schwärmt Wolfgang Stöcker. Staub, so scheint es, macht ihn high.

Man muss keinen Kokainstaub in der Nase haben, sondern nur in unserer Sprache kramen, um die Poesie der Schmutzpartikel zu erkennen. Wir stauben ab, wirbeln Staub auf, machen uns aus dem Staub. Angestaubte Kunst sieht bei Stöcker, dem Staubfänger, so aus: eingeschmolzen in Wachs, vermengt mit Farbe, auf Leinwand gespachtelt.

Oder einfach in ein Plastebeutelchen gesteckt. Für das Internationale Staubarchiv. Mit rund 600 Proben. Von der Chinesischen Mauer, aus dem Opernhaus in Sydney, den Pyramiden in Ägypten. Was ihm noch fehlt? Der Kreml, das Weiße Haus, sagt der Sammler. Doch die Zeit arbeitet für ihn. Ulrich Hammerschmidt

Ausstellung Wolfgang Stöckers Staubsammlung auf Burg Posterstein in Thüringen. 19. Mai bis 18. August. Täglich außer montags 10 bis 17, sonn-, feiertags bis 18 Uhr.

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