Der Westbeschmutzer

In der DDR ließ er am Westfernsehen kein gutes Haar. Ende Oktober 1989 kam für den "Schwarzen Kanal" und Karl-Eduard von Schnitzler das Aus. Denn selbst SED-Kollegen galt er als Fossil.

Berlin.

Der Herr trägt Sakko, Hemd, Krawatte und eine Brille mit sehr dicken Gläsern. Am Abend des 21. März 1960 erscheint er zum ersten Mal mit seiner Polit-Sendung "Der Schwarze Kanal" auf den Bildschirmen des DDR-Fernsehens.

Schon seine ersten Sätze sind Propaganda: "Der schwarze Kanal, den wir meinen, meine lieben Damen und Herren, führt Unflat und Abwässer. Aber statt auf Rieselfelder zu fließen, ergießt er sich täglich in hunderttausende westdeutscher und West-Berliner Haushalte (...) Und ihm werden wir uns von heute an jeden Montag zu dieser Stunde widmen, als Kläranlage gewissermaßen - im übertragenen Sinne."

Der Herr hieß Karl-Eduard von Schnitzler. Im Anschluss an den in Ost und West beliebten "Montagsfilm" des Deutschen Fernsehfunks kommentierte er fortan jede Woche ab 21.30 Uhr mit scharfer Zunge das Tagesgeschehen im Westen. 20 bis 30 Minuten lang. Es gab 1519 Folgen seiner Propaganda-Sendung "Der schwarze Kanal". Vor 30 Jahren war Schluss: Am 30. Oktober 1989 verabschiedete sich der Chefkommentator des DDR-Fernsehens in einer sehr kurzen letzten Folge.

Das Deutsche Rundfunkarchiv, das alle Sendemanuskripte des "Schwarzen Kanals" digitalisiert hat, beschreibt dessen Ziel heute so: "Während die Sendung ursprünglich zur ideologischen Beeinflussung der BRD-Bürger in das Programm aufgenommen worden war, zielte sie schon bald - im Zuge der Abgrenzungspolitik der DDR - auf die eigene Bevölkerung, um die unerwünschten Einflüsse des Fernsehens der Bundesrepublik zurückzudrängen."

Das Konzept der Sendereihe: Ausschnitte aus westdeutschen Fernsehsendungen wurden gezeigt und dann im Sinne der SED-Staatsdoktrin ausgelegt. Gleich in der ersten Sendung nimmt Schnitzler Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) ins Visier. Dieser spricht über die Nato-Logistik für den Fall eines sowjetischen Angriffs. Karl-Eduard von Schnitzler wettert: "Dieser Mann ist nicht nur ein lügnerischer Störenfried, er ist ein gefährlicher Störenfried (...) er kalkuliert eiskalt und gewissenlos den Krieg ein."

Der Lebenslauf des TV-Agitators ist ungewöhnlich: Schnitzlers Familie stammte wie Adenauer aus dem Rheinland. Karl-Eduard, geboren 1918 in Berlin, war Sohn des königlich-preußischen Geheimen Legationsrates Julius Eduard von Schnitzler. In seiner Autobiografie bezeichnete er sich auch als illegitimen Urenkel von Kaiser Friedrich III. Seine Urgroßmutter sei außerehelich vom früheren Kronprinzen Friedrich Wilhelm schwanger geworden.

1937 trat Schnitzler nach eigenem Bekunden in die verbotene Kommunistische Partei Deutschlands ein. 1944 geriet er in britische Kriegsgefangenschaft. Im gleichen Jahr wurde er Mitarbeiter der Deutschlandabteilung der BBC. Am 1. Januar 1946 wirkte Schnitzler an der Gründung des Nordwestdeutschen Rundfunks (NWDR) in Köln mit - und wurde stellvertretender Intendant. Doch im Dezember 1947 war Schluss beim NWDR.

Er sei wegen seiner "sozialistischen, auf dem historischen Materialismus basierenden, an keine Partei gebundenen Überzeugung" entlassen worden, schrieb Schnitzler danach in einer Erklärung. 1947 siedelte er in die Sowjetische Besatzungszone über und machte dort Karriere. Hier trat er in die SED ein.

Auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs bekam Schnitzler später als Gesicht des "Schwarzen Kanals" den Spitznamen "Sudel-Ede". Viele DDR-Bürger schalteten aufs Westfernsehen um, bevor die Agitationssendung begann. Schätzungsweise hatte der "Schwarze Kanal" eine Einschaltquote zwischen fünf und 15 Prozent. Kurz vor dem Mauerfall wurde die Sendung abgesetzt, nachdem dies bei den Montagsdemonstrationen gefordert worden war.

Auch die SED-Zeitung "Neues Deutschland" hatte ihn in dieser Zeit als "Nessie-ähnliches Fossil" geschmäht. Im Januar 1990 leitete die SED/PDS ein Parteiausschlussverfahren gegen Schnitzler ein, dem er mit seinem eigenen Austritt zuvorkam. Schnitzler nahm Abschied - ganz in seiner Art: "Der Revanchismus bleibt uns erhalten. Der Klassenkampf geht weiter."

1990 wurde er Mitglied der DKP, 1991 kurzzeitig Kolumnist der Satire-Zeitschrift "Titanic". Schnitzler starb am 21. September 2001. (dpa)

10Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 1
    3
    gelöschter Nutzer
    30.10.2019

    @Lesemuffel: Lesen Sie einfach auch mal die Kommentare hierzu durch:

    https://www.freiepresse.de/chemnitz/den-menschen-wurde-nicht-erklaert-was-demokratie-ist-artikel10646436

  • 5
    3
    Lesemuffel
    30.10.2019

    Ich kann beim besten Willen nicht herauslesen, dass sich ""viele die DDR zurück haben wollen". Stattdessen sind Zustände entstanden (worden), die an längst überwundene Missstände der früheren DDR-Gesellschaft erinnern.

  • 2
    3
    gelöschter Nutzer
    30.10.2019

    Ich bin hier in den letzten Tagen sehr erschüttert darüber, in wie vielen Kommentaren sich die DDR zurück gewünscht wird. Ich kann mir das eigentlich nur so erklären, dass die Demokratie für viele zu komplex und mit zu viel Arbeit verbunden ist, dass man sich die heimelige und einfache Welt der Diktatur zurück wünscht. Das erklärt auch die hohen Wahlergebnisse für die AfD.

    Aber wie sagte Churchill so schön:
    "Many forms of Government have been tried, and will be tried in this world of sin and woe. No one pretends that democracy is perfect or all-wise. Indeed, it has been said that democracy is the worst form of Government except all those other forms that have been tried from time to time."

    "Viele Arten der Regierung sind probiert worden und werden noch probiert werden in dieser Welt der Sünde und des Wehs. Niemand behauptet, Demokratie sei perfekt oder allwissend. Im Gegenteil, man sagt, dass Demokratie die schlechteste Form der Regierung ist, ausgenommen alle anderen Formen, die von Zeit zu Zeit probiert werden."

  • 4
    3
    Distelblüte
    30.10.2019

    @Lesemuffel: Was für ein ehrlicher Kommentar. Karl Eduard wird, wo auch immer er ist, sich darüber freuen, dass seine Propaganda bis heute Früchte trägt.

  • 7
    4
    Lesemuffel
    29.10.2019

    Aus heutiger Sicht kann,/muss man K. E. Sch. schon eine Weitsicht bescheinigen. Damals dachte ich, das Westfernsehen sei Qualitätsfernsehen, würde objektiv informieren.... Es kam anders!

  • 3
    1
    Interessierte
    29.10.2019

    Gern geschehen ;-)

  • 4
    1
    osgar
    29.10.2019

    Danke @Interessierte, Sie haben mir mal wieder meinen Tag gerettet.

  • 5
    7
    Interessierte
    29.10.2019

    Der hatte aber Recht , da kamen auch schon Beiträge in den Dokus .....
    Und was wir in der Schule gelernt hatten , das trifft ja nun auch zu ...
    Der Honecker und der Karl-Eduard waren doch Wessis , die wußten doch , wie es da ´drüben` wirklich ist ...

  • 5
    1
    Zeitungss
    29.10.2019

    @Freigeist: Gelegentlich ja. Schnitzler frühstücke im Westen und nahm die Annehmlichkeiten mit und schlug anschließend darauf ein, was bei Löwenthal nicht der Fall war, man musste ihn aber auch nicht für voll nehmen.

  • 10
    2
    Freigeist14
    29.10.2019

    Schon bezeichnend ,einen Artikel über den "Schwarzen Kanal" zu bringen und kein Wort über das Gegenformat in der BRD , "ZDF-Magazin " zu verlieren . Dabei stand ein Gerhard Löwenthal in der Propaganda und Desinformation von Karl - Eduard in nichts nach !



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