Ede und Unku - die wahre Geschichte

In der DDR war "Ede und Unku" Schullektüre. Jetzt haben ein Berliner Musiker und eine Münchener Autorin die wahre Geschichte Unkus erforscht und neu erzählt. Ein Blick in den Abgrund von Rassenwahn und Vorurteilen.

Berlin/Leipzig.

Die Deutschen, die kenne er. Seine Leute, sagt er, lebten seit Jahrhunderten mit den Deutschen, sie hätten sie beobachtet, wüssten alles über sie. Umgekehrt, die Deutschen, wüssten wenig. Wenn einer von ihnen "Zigeuner" sagt, dann komme immer das Gleiche: Ablehnung, Kontrollblick, dann bist du im Zigeunertopf. Die Vorurteile wiegen eine Tonne.

Wie er dieses Wort hasse: Ein "Z" für "Zigeuner" hatten Deutsche dem Großvater in den Arm gestochen, damals in Auschwitz. Janko Lauenberger sagt: "Ich bin stolz, dass ich ein Sinto bin."

Natürlich ist er Deutscher. Berliner, Ostberliner, geboren in Friedrichshain, aufgewachsen in Friedrichsfelde. Und in Nordsachsen, in Naundorf, einem Weiler bei Ortrand. Lauenberger (eigentlich Lauenburger, das "u" hat eine Standesbeamtin auf dem Gewissen) bewohnt eine berlintypische Hinterhauswohnung in Rummelsburg, die Weitlingstraße um die Ecke, die zum Bahnhof Lichtenberg führt. Heißes Pflaster Anfang der 1990er-Jahre: Neonazi-Aufmarschgebiet.

Die deutschen Sinti und Roma sind seit 1997 als nationale Minderheit anerkannt wie Sorben, Dänen, Friesen. Seit mehr als 600 Jahren, noch vor Luthers und Dürers Zeiten lebten sie hier. Im Nationalsozialismus wurden mehr als 500.000 Sinti und Roma von Deutschen umgebracht, die genaue Zahl ist unbekannt. Jahrzehnte danach, erst 1982, hat die Bundesregierung unter Helmut Schmidt (SPD) diesen Völkermord anerkannt. In der Sprache der Roma wird er "Porajmos" - Verschlingen - genannt.

Janko Lauenberger wusste schon als Kind, was ein Konzentrationslager ist. Janko: "Mir fiel auf, dass die Geschichten meines Großvaters, der Buchenwald, Auschwitz und Mittelbau-Dora überlebt hatte, anders waren als die, die meine deutschen Freunde von ihren Großvätern hörten." Seine Familie gab Janko den Spitznamen Stachlengro. Manchmal, wenn er Fragen stellte, seufzte der Großvater: "Stachel, wenn du wüsstest." Und die Großmutter sagte: "Sie ham se totjemacht, sie ham se alle totjemacht!"

Deutschland ist unser Land, sagt Lauenberger. Wir haben immer hier gelebt. Wir haben hier unsere Toten, unsere Gräber. Wir denken deutsch. Aber in der Schule hörte er von Kindern Sätze wie: "Euch Zigeuner dürfte es gar nicht geben. Die hat doch der Opa vergast."

Im Westen von Leipzig, in einem früheren Friseursalon im Plattenbaugebiet Grünau, hat der Verein Romano Sumnal sein Büro. Das ist eine Selbstorganisation von Roma vor allem aus Ost- und Südosteuropa, offen für alle. Die Abgrenzung von Sinti und Roma, auch der Deutschen und Zugewanderten unter ihnen, ist Gegenstand kultureller und politischer Debatten. Meist werden die deutschen Sinti als Untergruppe des Romavolkes gesehen.

"Wir sind ein großes Volk, Europas größte Minderheit", erklärt Gjulner Sejdi, der Vereinsvorsitzende, der vor mehr als 25 Jahren zur Zeit des jugoslawischen Bürgerkrieges aus Mazedonien nach Deutschland gekommen ist. "Es gibt zehn bis zwölf Millionen Roma in Europa, eine bunte und vielfältige Kultur. Wir haben Sitten und Gebräuche wie jedes Volk, und es gibt Unterschiede zwischen uns: Katholiken und Muslime, Orthodoxe und Freikirchliche. Es gibt auch Roma in fortschrittlichen und konservativen Parteien." So sitzt seit Juli 2018 der Pfälzer Sinto Romeo Franz für die Grünen im Europaparlament.

Wie Janko Lauenberger glaubt Gjulner Sejdi, dass vor allem die Aufklärung der Mehrheitsdeutschen über die Sinti und Roma "seit 1945 verschlafen worden" sei.

Janko Lauenberger, Jahrgang 1976, hat das auf besondere Weise erlebt. Seine Familie war in der DDR beinahe berühmt. Musikalisch, denn sein Vater und drei Onkel hatten das "Sinti Swing Quintett" gegründet, das sogar im "Kessel Buntes" im Fernsehen auftrat - und literarisch, denn es ist Unkus Familie. "Ede und Unku" hieß ein Kinderbuch der Arbeiterschriftstellerin Grete Weiskopf, die sich Alex Wedding nannte. Die Helden ihres ersten Romans haben tatsächlich gelebt.

Die stumpfe Papierstraße im Berliner Stadtteil Wedding wird heute von einer Spielothek und einer Fabrik für Kunstblut und Theaterschminke begrenzt. Zu Unkus Zeiten gab es schon den Pflasterweg durch die benachbarte Kleingartenkolonie, fand Juliane von Wedemeyer heraus. Die Münchener Autorin, die aus Neuruppin stammt, hat Unkus Geschichte mit Janko Lauenberger aufgeschrieben. Eine Geschichte mit Schatten bis in die Gegenwart. "Als wir in den Archiven in Nazi- und Polizeiakten blätterten, musste ich oft rausgehen", sagt Janko Lauenberger. "Die hatten alles fotografiert, von jedem Merkmale erhoben, Köpfe vermessen, so absolut kalt, als ob es um Gegenstände ging. Man findet keine Spur von Verständnis für das Dasein dessen, den die Akte betrifft." Juliane von Wedemeyer ist für die Recherche auch nach Auschwitz gefahren. Janko nicht. Er möchte das mit seiner Familie eines Tages tun.

Um 1929 herum standen die Wohnwagen der Familie Lauenburger in der Papierstraße im Wedding. Grete Weiskopf beobachtete Unku, die neun Jahre alt war, und lud sie auf eine Streuselschnecke zu sich nach Hause ein. So fing es an. Ede Sperling, ein Arbeiterjunge, von dem sich jede Spur verloren hat, war Unkus Kinderfreund.

Das Buch "Ede und Unku" über die Sinteza und den "Gadsche" (das Roma-Wort für Nicht-Roma) war in der DDR verpflichtende Schullektüre. Als der Roman in Jankos Schulzeit im Deutschunterricht behandelt wird, braucht er ihn nicht zu lesen, weil er ihn auswendig kennt. Unku war die Cousine seiner Urgroßmutter Kaula. Unzertrennliche Freundinnen, bis der Mordrausch der Nazis sie auseinanderriss. In der DDR, sagt Janko Lauenberger, sei "Ede und Unku" behandelt worden wie ein Stoff aus alter Zeit, die überwunden war. Als habe sich das Böse im Menschen nach der Nazizeit so einfach aufgelöst.

Einmal, in den 1990er-Jahren, hatte Lauenberger tatsächlich gehofft, der Hass sei nun vorbei. Sie hätten gut gelebt in der DDR, wo es nur rund 300 Sinti gab - drei größere Familien, in Thüringen, in Halle an der Saale und in Berlin. Die Berliner waren die Musiker, die Hallenser die Schausteller, die Thüringer die Arbeiter. Und sie machten öfters mit, wenn das Fernsehen der DDR exotisch wirkende Komparsen brauchte. Janko war in "Marie Grubbe" zu sehen, Jankos Schwester in "Levins Mühle". Sein Großvater mimte einen spanischen Faschisten in "Fünf Patronenhülsen", andere krochen als leprakranke Inder durch Fritz Langs "Tiger von Eschnapur". Kaula tanzte sogar mit Marika Rökk im "Grünen Kakadu". Kaula bewunderte Rökk: "Beine wie Sektflaschen!" Eines der bestürzenden Details aus Wedemeyers und Lauenbergers Buch, denn Marika Rökk hatte sich mit den Nazis gemein gemacht.

Als die Mauer fiel, fuhr Janko in derselben Nacht nach Westberlin. "Sofort ab!", hatte der Vater gesagt. Der Junge traute seinen Augen kaum: All die Türken und Araber jenseits der Oberbaumbrücke hielt er für Sinti, Leute wie ihn. "Das waren die goldenen Neunziger, die Topjahre, da hat sich keiner für uns interessiert. Ich habe angefangen, Musik zu machen, und die Leute hatten nicht mehr diesen harten Blick." Endlich fanden die Familien zusammen: "Flucht war in der DDR immer ein Thema bei uns. Aber wir hatten Angst, jemanden zu verlieren, also ließen wir es." Janko, der nach Django Reinhardt heißt, der Ikone des Sinti-Jazz, stieg in die Band seines Vaters ein, gründete eigene Bands, lebt von der Musik.

In den letzten Jahren aber seien die Blicke der Deutschen wieder härter geworden. Wenn es irgendwo Probleme gebe, seien die Roma die Ersten, die sie spürten, sagt Gjulner Sejdi. Manches habe sich verbessert, auch in den Armutsregionen Süd- und Ostmitteleuropas, aber es bleibe viel zu tun. Die Armut der Roma in Ländern wie Rumänien oder Mazedonien sei nicht zu verstehen, ohne die Diskriminierung und den Rassismus zu berücksichtigen, denen diese Menschen ausgesetzt sind.

Mit Unku und den ihren, Jankos Vorfahren, nahm es ein schlimmes, ein grauenhaftes Ende. Ab 1937 lebte Unku in einem Zwangslager in Magdeburg. Dort brachte sie 1938 ihr erstes Kind Marie und 1942 ihr zweites Kind, Bärbel, zur Welt. Ihr Mann Mucki, bereits in Buchenwald eingesperrt, wurde vom Lagerarzt für Fleckfieber-Experimente missbraucht. Unku leistete Zwangsarbeit und wurde später nach Auschwitz deportiert.

In der "Obhut" des Lagerarztes Josef Mengele starben zuerst Bärbel, dann Marie. Unku hatte Mengele öfters durch das "Zigeunerlager" spazieren sehen. Er schenkte manchen Kindern Bonbons und ließ manche im Labor zu "siamesischen Zwillingen" zusammennähen. Als Unku von Maries Tod erfuhr, soll sie wie im Wahn getanzt haben, erzählten Augenzeugen: "Unkus letzter Tanz." Irgendwann zwischen dem 23. März und dem 15. April 1944 wurde sie getötet. Ob durch Spritzen oder Schüsse, weiß man nicht genau.

Die deutschen Sinti und Roma haben einen jahrzehntelangen Kampf um die Anerkennung der an ihnen begangenen Verbrechen geführt. Prozesse wurden verschleppt, Naziakten verschwanden oder, noch schlimmer, wurden weiterbenutzt. Der Bundesgerichtshof (BGH) bezeichnete 1956 in einem rassistischen Schandurteil die "Verfolgung von Zigeunern" als legitim, wofür sich erst 2016 die heutige BGH-Präsidentin offiziell entschuldigt hat. Seit 1997 gibt es das Dokumentations- und Kulturzentrum in Heidelberg, seit 2017 ein zentrales Mahnmal neben dem Reichstag in Berlin.

Janko Lauenberger sagt, er sei den Aktivisten wie Romani Rose in Heidelberg oder Gjulner Sejdi in Leipzig "unendlich dankbar", denn es sei so wichtig für Sinti und Roma, was sie tun. Wo immer der Rassismus hochkommt, ob in Deutschland oder auf dem Balkan, gehe es auch ihn etwas an, gehe es alle Menschen etwas an.

"Wir sind keine Fabelwesen", sagt Janko Lauenberger. "Wir gehen unseren Jobs nach, zahlen Steuern, manche unserer Kinder studieren." Wenn man sich kennenlerne, das Fremdsein überwinde, sei die Hälfte der Probleme weg. "Es gibt doch immer drei Wahrheiten: deine, meine und die wirkliche Wahrheit. Zu zweit kommen wir näher an die wirkliche Wahrheit heran!"

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