Eingelagert für die Ewigkeit

Tief unter der Erde zwischen Thüringen und Hessen betreibt der Konzern K+S eine riesige Giftmülldeponie, mit strengen Auflagen und ohne Geheimniskrämerei.

Eisenach/Bad Hersfeld.

Als das erste Mal im Gespräch das E-Wort fällt, zuckt Arnd Schneider kaum merklich zusammen. Seine Mundwinkel senken sich eine Winzigkeit herab. "Wir mögen das Wort Endlager nicht so sehr, weil es negativ besetzt und thematisch ganz anders belegt ist", sagt er. "In unserem Konzern K+S sprechen wir von der Untertagedeponie." Der neben ihm sitzende Ulrich Göbel, Pressesprecher des K+S-Konzerns, versucht die Situation zu retten. Göbel (63), ein Berg von einem Mann, dessen Händedruck man nicht so schnell vergisst, lacht. "Obwohl es faktisch ja ein Endlager ist", sagt er. "Nur eben das ganze Gegenteil von der Asse, die einem bei diesem Wort in den Sinn kommt und wo man natürlich sofort die rostenden Atommüllfässer vor Augen hat."

Wir sitzen in einem mittelgroßen Konferenzraum mit vielen Fotos und Karten an den Wänden. Auf dem Tisch stehen Getränke und belegte Brötchen, auf einer Leinwand ist noch das Schlussbild der eben beendeten Powerpoint-Präsentation zu sehen. Aus dem Fenster schaut man auf ein sauberes, fast menschenleeres Betriebsgelände, das sich zwischen baumbewaldete Hügel schmiegt. Die Sonne scheint, kein Wölkchen trübt den blauen Himmel über dem Werratal an der hessisch-thüringischen Landesgrenze. Angesichts dieser Idylle da draußen fällt es schwer, sich vorzustellen, dass gut 750 Meter unter unseren Füßen rund drei Millionen Tonnen tödlichen Giftmülls in zugemauerten Schachtkammern ruhen. Bis in alle Ewigkeit. Wenn es gut geht. "Es geht gut", sagt Arnd Schneider.

Schneider, 51 Jahre alt, Diplomingenieur, ein gewandter und ernster Gesprächspartner, ist Chef der Untertage-Deponie Herfa-Neurode, der größten unterirdischen Giftmüllhalde der Welt. Sie liegt auf hessischem Gebiet, ganz dicht an Thüringen. Die Deponie gehört zum Werk Werra des K+S-Konzerns, der hier eine riesige Salzlagerstätte ausbeutet, die sich in einer Tiefe zwischen 450 und 1100 Metern über ein Gebiet erstreckt, das von den Städten Eisenach, Bad Hersfeld und Fulda begrenzt wird. Allein in die Fläche, die in den vergangenen 120 Jahren dort abgebaut wurde, würde der Autobahnring um München passen. "Gemessen daran ist unsere Deponie mit ihrer Ausdehnung von etwa drei mal vier Kilometern eine Walnuss", sagt Schneider. Wie eine Insel liege sie mitten im Salzbergwerk, durch 50 Meter dicke Sicherheitswände von den Abbaufeldern getrennt.

Der Weg hinunter in die Walnuss dauert gut eine Minute. Mit zehn Metern je Sekunde rumpelt der Förderkorb in die Tiefe. Schneider nutzt die Zeit für einen Schnellkurs in Sachen Geologie: In der Salzlagerstätte beiderseits des Werratals liegen in einer Tiefe zwischen 500 und 1000 Metern zwei horizontale Kalisalzschichten, erklärt er. Nach oben und nach unten sind diese von je 100 Meter mächtigen Steinsalzschichten und einer darüberliegenden, weitere 100 Meter dicken, wasserdichten Tonschicht umgeben. Diese Formation verhindert, dass die Grube volllaufen und absaufen kann. "Anders als in der Lagerstätte Asse II, die in einem vertikalen Salzstock liegt, der vom Gebirge zusammengedrückt wird, kommt es bei uns zu keinen nennenswerten Bergbewegungen", sagt Schneider. "Seit Millionen von Jahren ist kein Wasser in diese Salzschicht hier eingedrungen."

Unten angekommen, auf 650 Metern Tiefe, wartet bereits ein Jeep darauf, uns durch die drei Meter hohen Strecken, die in den Berg gesprengt und geschabt worden sind, zu fahren. Diese Strecken bilden ein verwirrendes Netz von Straßen, die so breit sind, dass wir ohne zu bremsen an entgegenkommenden Tiefladern vorbeikommen. Kilometerweit fahren wir durch den Berg. Die Strecke fällt leicht ab, denn die Einlagerungsebene liegt noch einhundert Meter tiefer als die Ankunftssohle. Es ist stockdunkel ringsum, nur an Kreuzungen oder an Nischen, in denen Aggregate stehen, brennen Neonlampen. Erleuchtet ist auch die unterirdische Garage der rund um die Uhr besetzten Grubenwehr, in der mehrere Löschfahrzeuge für den Ernstfall bereitstehen.

Zitternd tasten die Scheinwerfer des Jeeps ein paar Meter voraus. Gab es hier schon Unfälle? Der Fahrer lacht und schüttelt den Kopf. "Mehr als 50 können die Autos hier eh nicht fahren, die Motoren sind gedrosselt", sagt er. Auch sehe man in dieser Dunkelheit rechtzeitig, wenn sich ein anderes Fahrzeug nähert. Und schließlich gebe es ja auch noch Verkehrszeichen an den Kreuzungen, die die Vorfahrt regeln.

Nach acht Kilometern Fahrt tief unter dem Werratal sind plötzlich laute Motorgeräusche voraus zu hören. Wir kommen zu einer der Kammern, die durch den sogenannten Bergversatz stabilisiert werden sollen. Ein Tieflader steht vor der Kammer, vollgepackt mit zwölf sogenannten Big Bags. Das sind riesige, 1,2 Tonnen schwere Spezialsäcke, die mit Filterstäuben, also Rückständen aus Verbrennungsanlagen, gefüllt sind. Ein Radlader, an den eine Ballenklammer montiert ist, packt Sack um Sack und fährt sie an die Rückwand der Kammer, wo er sie bis dicht unter die Decke übereinanderstapelt. "Am Ende wird auf die oberste Schicht der Säcke ein Salzgranulat geblasen, um den noch vorhandenen Hohlraum zu füllen. Damit stützen wir die seitlichen Pfeiler, sodass sie ihre Stabilität erhalten", erklärt Schneider.

Die Kammer misst etwa 20 mal 20 Meter in der Fläche und ist an die drei Meter hoch. Anders als in der eigentlichen Deponie, wo Stahlfässer und -container oder Big Bags mit hochtoxischem Müll in zugemauerten Kammern gestapelt sind, dienen die hier eingelagerten Säcke zur Verfüllung der durch den Salzabbau entstandenen Hohlräume. "Dafür werden nur spezielle Abfallstoffe verwandt, die sich bauphysikalisch dafür eignen und die eine geringere Toxizität aufweisen als jene, die wir deponieren", erklärt Schneider und zählt auf: Rückstände aus der Rauchgasreinigung von Müllverbrennungsanlagen etwa, Filterstäube aus der Metallindustrie, verunreinigter Boden und Bauschutt ...

In Deutschland gibt es ein Dutzend Endlager für Abfälle mit besonderem Überwachungsbedarf. Es sind meist kleinere Lagerstätten. Der K+S-Konzern mit seinen weltweit knapp 15.000 Mitarbeitern betreibt ausschließlich in Deutschland unterirdische Giftmülllager, und zwar an insgesamt fünf Standorten in Hessen, Thüringen und Sachsen-Anhalt. Nur in zwei Werken davon - Herfa-Neurode und Zielitz in der Magdeburger Börde - unterhält das Unternehmen Deponien für hochtoxische Abfälle; bei den restlichen fünf Lagerstätten werden giftige Abfallstoffe ausschließlich für die Verwertung angenommen, also für den Bergversatz. Für den Konzern, der vor allem dank seiner Salz- und Düngemittelproduktion einen Jahresumsatz von vier Milliarden Euro erzielt, ist die Entsorgung ein lohnendes Zubrot: 2017 lag der Umsatz bei 86 Millionen Euro. Industrieunternehmen müssen durchschnittlich 260 Euro pro Tonne Giftmüll an K+S zahlen. Jährlich wird an den fünf Standorten mehr als eine Million Tonnen Giftmüll unterirdisch eingelagert.

750 Meter unter dem Werratal geht derweil die Fahrt mit dem Jeep weiter. Wieder führt der Weg kilometerweit über dunkle Straßen, ab und zu nur kommen uns andere Fahrzeuge entgegen. Menschen sieht man kaum, pro Schicht arbeiten hier lediglich rund 45 Mann. Eine Schicht dauert acht Stunden, zwischen Sonntagnacht und Sonnabendfrüh ist das Endlager rund um die Uhr besetzt.

Inzwischen haben wir die eigentliche Deponie erreicht. Die Luft im Berg ist trocken; leckt man über die Lippen, schmeckt man Salz. Beiderseits sieht man Ziegelmauern, die vollgestellte Einlagerungskammern verschließen. Sonden an den Decken überwachen die Raumluft. In einer neuen Kammer wird gearbeitet, sie ist erst zur Hälfte gefüllt. Paletten mit blauen Stahlfässern werden aufeinandergestapelt. Immer vier Fässer auf einer Palette, mit einem Stahlband umwickelt. "Die Abfallstoffe müssen so auch von unseren Kunden angeliefert werden", erklärt Schneider. Das Zeug in den Fässern und Containern klingt so abschreckend, dass man eigentlich gleich wieder diesen Ort verlassen möchte: Arsen, Cyanid, Quecksilber, dazu Rückstände aus Verbrennungsanlagen, Galvanik, Filtration und chemischer Destillation sowie Filterstäube und kontaminierte Böden.

Die letzte Station auf der Fahrt durch das unterirdische Labyrinth ist das Lager des Probenlabors. Den von beiden Seiten zugemauerten 20 mal 20 Meter großen Raum betritt man durch eine Stahltür. Unter Neonleuchten sind Dutzende Regalreihen hintereinander aufgestellt, auf denen kleine Glasflaschen mit Stoffproben lagern. Bis zur Hälfte des Raumes sind die Regale bereits gefüllt. "Es ist unser drittes Probenlager, die anderen beiden sind bereits voll", erläutert Schneider. "Hier bewahren wir die Proben auf, die wir aus den angelieferten Giftmüllverpackungen entnehmen und analysieren." Seit Beginn der unterirdischen Entsorgung 1972 seien die Proben aufbewahrt worden. "Wir können jetzt noch sagen, was damals von wem angeliefert wurde und in welcher Kammer der Deponiefelder sich die entsprechenden Behälter befinden." Damit sei auch eine gezielte Rückholung jahrzehntelang eingelagerter Materialien möglich. "Wir hatten schon Fälle, wo uns Unternehmen mit einer solchen Rückholung beauftragten, weil sich aus den damaligen Abfällen Stoffe extrahieren ließen, die heute gefragt sind und teuer." Aber lohnt sich so eine Rückholung tatsächlich? Schneider nickt. "Man muss natürlich den Aufwand mit dem Nutzen verrechnen, aber wenn es sich rechnet - warum nicht?"

Alle auf den Regalen stehenden Flaschen sind beschriftet. Jede von ihnen trägt eine Kennung der jeweiligen Lieferung, mit der man im Archiv Inhaltsstoffe und Absender identifizieren kann. Der Inhalt sieht oft genauso aus, wie man sich toxische Abfälle vorstellt - einige sind farblos, andere schillern in unterschiedlichen Farben. Mal sind es Brocken oder Steine, dann wieder Sand oder Pulver. "Zu sogenanntem Zinnober stabilisiertes Quecksilber, feinkörnige Rückstände aus Rauchgasfiltern, Bodenreste aus Chemiefabriken, Dioxine, Schwermetalle, PCB, Arsen", zählt Göbel auf. "Hier drin gibt es nichts, was es nicht gibt. Außer radioaktiven Abfällen, die kommen nicht in unsere Deponie."

Von jedem Lkw, der Giftmüll anliefert, werden nach der Ankunft mindestens drei Behältnisse stichprobenartig ausgewählt. Laboranten entnehmen Proben daraus und testen sie im Labor auf Inhaltsstoffe. Nach zehn Minuten liegt das Ergebnis vor. Stimmt es mit den Angaben auf den Lieferscheinen überein, fährt die Lieferung in den Berg hinunter. Bei Abweichungen wird der Laster nicht entladen, sondern zurückgeschickt. Wie oft kommt es zu Beanstandungen? "Selten", sagt Göbel, "vielleicht zwei-, dreimal pro Jahr. Und dann sind das auch versehentliche Verunreinigungen, nichts Kriminelles. Denn mal ehrlich: Wer Giftmüll illegal entsorgen will, stellt das Zeug irgendwo an den Waldrand und bringt es nicht zu uns, wo alles sauber dokumentiert und im Ernstfall für Ermittler nachvollziehbar ist."

2016 war es in einer der Einlagerungskammern zu einem Schwelbrand gekommen - der erste derartige Zwischenfall seit 20 Jahren, wie der Pressesprecher eilig beteuert. Man habe die Situation schnell in den Griff bekommen; eine Gefahr für die Umwelt habe damals nicht bestanden, fügt er noch hinzu. Tatsächlich ist es in den vergangenen fast 50 Jahren, seit die Deponie 1972 ihre Arbeit aufnahm, nie zu einer wirklich ernsthaften, umweltgefährdenden Havarie gekommen.

In unregelmäßigen Abständen kontrolliert die Bergaufsicht die Endlagerstätte, regelmäßig prüft zudem der Tüv Nord die Einhaltung der Vorschriften. Der Grünen-Politiker Joschka Fischer, damals noch Umweltminister in Hessen, nannte Herfa-Neurode Mitte der 1980er-Jahre ein "Juwel" für eine staatlich kon- trollierte Giftmüllentsorgung. "Der Spruch klebt bei uns überm Spiegel", scherzt K+S-Sprecher Göbel. "Aber im Ernst: Seit Millionen von Jahren ist kein Wasser in diese Salzschicht eingedrungen. Und unser Langzeitsicherheitsnachweis, den wir alle vier Jahre der Bergbaubehörde vorlegen müssen, beweist, dass die von uns eingelagerten Stoffe nie wieder mit der Biosphäre in Kontakt kommen werden."

Noch für 15 bis 20 Jahre etwa reicht der Platz in dem aktuellen Deponiefeld unter dem Werratal. Nach Ende der Kaligewinnung in etwa 40 Jahren wird K+S das gesamte Bergwerk luft- und wasserdicht verschließen. In den folgenden Jahrhunderten wird das Salz durch seine Fließbewegung die Hohlräume ausfüllen, sich um die Fässer, Container und Big Bags legen und diese hermetisch einkapseln. Bis in alle Ewigkeit. Hoffentlich.

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