Geliebter Ginkgo!

Mit wenigen Zeilen setzte Goethe dem Ginkgo ein Denkmal. Der Dichter war damals berühmt, nicht mehr jung und wieder verliebt. Bis heute rührt der Baum in Weimar an die Seele der Liebenden.

Als sich der 66-jährige Dichterfürst Goethe und die 31-jährige Bankiersgattin Marianne von Willemer begegnen, beginnt eine zarte Romanze. Er schickt ihr als Zeichen seiner Zuneigung das gepresste Blatt eines Ginkgos und legt dazu sein Gedicht "Ginkgo Biloba". Darin heißt es wie in einem Liebesroman: "Sind es zwei, die sich erlesen, Daß man sie als Eines kennt?" Seither gelten der Ginkgo und das Ginkgoblatt, das quasi aus zwei miteinanderverbundenen Teilen besteht, als Sinnbild für Liebe und Freundschaft und die ewige Frage, ob es für einen Menschen immer den passenden zweiten gibt. Zu Goethes Geburtstag - er wurde am 28. August 1749 geboren - gilt dem Ginkgo besondere Aufmerksamkeit.

In Weimar, der berühmten Klassikerstadt Thüringens, begegnet man dem grün-gelben Symbol mit der Liebesbotschaft allerorten. Mit einigem Stolz verweist die Stadt auf ungezählte erwachsene Ginkgobäume - einige weit über 100 Jahre alt. Der älteste steht an der heutigen Musikhochschule "Franz Liszt": rund 200 Jahre alt und etwa 20 Meter hoch. Es ist jener, den viele Goethe direkt zuschreiben. Touristengruppen legen einen Stopp ein. Liebende nehmen sich in den Arm und schauen gemeinsam in die rauschende Krone. Ist das nicht jener Baum, den Goethe selbst pflanzte oder aber zumindest von seiner Italienreise, wo er die Urpflanze gesucht hatte, mitbrachte? Ach nein, das ist nur eine schöne Legende. Dieser kam vermutlich 1825 als zehnjähriges Stämmchen aus einer Baumschule. Selbst aus welcher, das weiß man nicht mehr. Doch seither schieben sich seine Äste Jahr für Jahr und Zentimeter um Zentimeter immer weiter dem Himmel entgegen. Im Frühjahr bezaubert sein heller Grünschleier, im Herbst die intensive Gelbfärbung. "Er wurde neben das Fürstenhaus gepflanzt, an einen exponierten Standort im Schlossbezirk. Nicht durch Goethe selbst. Doch Goethe hat den Ginkgo erlebt und gesehen", sagt Landschaftsarchitektin Angelika Schneider. Sie ist für das Erscheinungsbild der Parkanlagen Weimars zuständig und schaut, wo aus historischer Sicht Ginkgos hingehören. "Dort pflegen wir sie und tun alles, um verlorene Exemplare zu ersetzen. In Deutschland ist der Ginkgo zu einem wichtigen Parkbaum geworden, der in Kombination mit dunklen immergrünen Gehölzen eine attraktive Farbwirkung erzielt, besonders im Herbst. Man kann eigentlich nicht genug davon haben", schwärmt die Landschaftsarchitektin.

Manche behaupten, der Ginkgo sei der älteste Baum der Erde. Sicher aber ist, dass er in Europa durch die Eiszeit ausgestorben war und nur in China überlebte. Als auf den neu entdeckten Seewegen weltweit auch die Pflanzensammler unterwegs waren, fand er um 1800 wieder in hiesige Gefilde. In den Landschafts- und Schlossgärten war der sonderbare Zierbaum, der weder zu den Laub- noch zu den Nadelgehölzen zählt, hochwillkommen und weckte sogleich das Interesse der Botaniker.

Im Jahr 1784 nahm die besondere Beziehung zwischen dem Ginkgo und der Stadt Weimar ihren Anfang. In jenem Jahr kam aus dem Botanischen Garten in London eine erste Lieferung für den Herzoglichen Park, der heute den Namen Park an der Ilm trägt. Wo diese Stämmchen ihre Wurzeln in die Erde trieben, ist unbekannt. Auch die Dokumentation der Lieferungen, die zwischen 1815 und 1825 folgten, ist lückenhaft. In jüngerer Vergangenheit, zunächst Mitte der 1970er- und dann Anfang der 1990er-Jahre, kamen neue Setzlinge dazu. Diese Standorte sind akribisch verzeichnet. Im Jahr 2002 entstand in der Coudraystraße sogar eine Allee. Sie erfüllt noch nicht ganz die Erwartungen, die der Name weckt. Denn Ginkgos wachsen äußerst langsam, pro Jahr nur vier bis sechs Zentimeter. Bis sich hier rauschende Kronen zu einem grünen Dach vereinen, müssen noch viele Jahrzehnte vergehen.

Ginkgos wuchsen in Asien ursprünglich als Tempelbäume. Nordamerika und Europa eroberten sie als Zier-, Park- und Alleebaum. Hierzulande zählen sie zu den widerstandsfähigsten Gehölzen, die von Sizilien bis zum Nordkap gut gedeihen. Nach der Aussaat zeigen sie eine überraschende Formenvielfalt: Manche sind rank und schlank, andere gedrungen oder gar kleinwüchsig. Immer aber sind sie zweihäusig, also entweder männlich oder weiblich. Die weiblichen haben es in sich. Fallen ihre Früchte im Herbst zu Boden und verwesen, stinken sie ganz erbärmlich. Ihr Geschlecht aber kann man erst im Alter von etwa 20 Jahren erkennen. Wer wollte solch einen Baum dann fällen!? Doch Ginkgofreunde akzeptieren auch den stechenden Geruch. Und die Gärtner haben auch dafür eine Lösung parat: Bei der vegetativen Vermehrung werden Triebe von männlichen Exemplaren ausgewählt.

An der Musikhochschule "Franz Liszt" sitzt man immer ein wenig ehrfurchtsvoll auf der Bank zu Füßen des Ginkgobaumes, der unter seinesgleichen sozusagen der Senior ist. Klaviermusik kommt aus den weit geöffneten Fensterflügeln. Man fragt sich, was und wen dieser grüne Riese mit der grau-braunen, borkigen Rinde wohl schon gesehen hat. All die berühmten Musiker der Hochschule, aber auch Künstler und Philosophen, die in Weimar lebten: Goethe natürlich, aber auch Liszt, Kandinsky, van de Velde, Nietzsche ... Der Baum überlebte zwei Weltkriege und den Brand der Anna-Amalia-Bibliothek.

"Sehen Sie das dritte Fenster von rechts? Das ist unseres, da üben wir. Der Ginkgo ist immer dabei. Im Sommer spendet er Schatten, im Herbst erleben wir seine Laubfärbung", erzählt die Studentin Anna Lysenko aus Russland. "Bevor ich in Weimar zu studieren begann, hatte ich einen solchen Baum noch nie gesehen. Wenn Touristen kamen, fragte ich mich immer, was schauen sie den Baum an? Dann habe ich bei einer Stadtführung zugehört und meiner japanischen Kommilitonin davon erzählt." Auf Japanisch heißt der Ginkgo "Itchou" - übersetzt: Entenfuß. Wenn die Russin Anna vom Ginkgo spricht, lächelt die Japanerin Mai Shinada. Bei ihr zu Hause ist er allgegenwärtig: auf Straßen, in Wäldern, neben Schulen und an Sportplätzen. "Wir wachsen mit Ginkgos auf. Er ist einfach schön, mit Blättern in origineller Form. Als ich hier ankam, fühlte ich mich nicht so allein, er ist ein Stück Heimat. Selbst durch das geschlossene Fenster sehe ich ihn. Und wenn ich spiele, denke ich, vielleicht hört er mich ja."

Dass der Ginkgo in Weimar heutzutage diese enorme Aufmerksamkeit genießt, ist auch Heinrich-Georg Becker und seiner Frau Stefanie zu verdanken. Der Hesse und die Thüringerin betreiben seit der Jahrtausendwende zwischen Rathaus und Goethes Wohnhaus einen Shop für Pflanzen, Samen, Kosmetika, Tee, Schmuck und Souvenirs im Zeichen des geteilten Blattes. Ein kleines Museum in der oberen Etage informiert mit Fotos, Texten, fossilen Funden und Kunstobjekten über den Mythos Ginkgo. Hier erfährt man, dass es der Arzt und Forschungsreisende Engelbert Kaempfer aus Lemgo war, der um 1690 in Japan als erster Deutscher die medizinischen Wirkungen des Ginkgos beobachtete. Als er sah, dass die Menschen junge Blätter pflückten und die Rinde wie Pflaster auf eitrige Wunden legten, sammelte er herabfallende Samen in seiner Hosentasche. Heute sind die gesundheitsfördernden Eigenschaften des Ginkgos gut erforscht. Spezielle Extrakte werden bei Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen, Tinnitus, Schwindel und geistigen Leistungseinbußen eingesetzt. "Niemand darf erwarten, das man von einer Tasse Tee 100 Jahre alt wird", sagt Heinrich-Georg Becker. "Aber die Wirkstoffe erreichen feinste Äderchen, sie transportieren Schadstoffe aus dem Körper und reichern das Blut mit Sauerstoff an." Auf seinen Asienreisen studierte er den Baum in all seinen Facetten. Eindrucksvoll erzählt er, warum der Ginkgo auch als Symbol für Stärke und Hoffnung gilt. "In Hiroshima stand ein Baum unweit des Abwurfzentrums der Atombombe, die 1945 explodierte. Im darauffolgenden Frühjahr geschah das Undenkbare: Aus dem verbrannten, gespaltenen Stumpf trieb neues Grün. Heute ist er zehn Meter hoch. Er lebt!"

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...