Hühner in Not

Warum immer mehr der gefiederten Haustiere obdachlos werden

Hühner sind hip. Und das nicht nur auf dem Land. Auch Stadtmenschen mögen sie, für die Milch aus dem Tetra Pak fließt, Fleisch in der Theke liegt und Eier aus dem Pappkarton kommen. Nur manchmal, da klebt noch etwas Flaum an der Schale. Da ahnt der Stadtmensch: Nicht das Supermarktregal hat die Eier gelegt. Sondern das Haushuhn. Der Gallus gallus domesticus, ein Vieh, das manchmal auch Federn lässt.

Chickens sind schick. Und zwar immer mehr in Hinterhöfen - zwischen Barber Shops, Bioläden und veganen Restaurants. Selbst auf Terrassen und Balkonen trifft man auf das, was man neudeutsch Urban Farming nennt - eigentlich ein Widerspruch an sich, die städtische Landwirtschaft. Bis zu zehn Hühner pro Hipsterfamilie sind in Berlin-Mitte zum Beispiel keine Seltenheit.

In diesem Frühjahr, als die Krise begann, waren Rassen, die sich besonders für Anfänger eignen, vielerorts ausverkauft - Hühner vom Typ Barnevelder, Vorwerk oder Araucana. In den Baumärkten leerten sich die Regale mit den Bastelsätzen für Ställe - Tränke, Minizaun, Streu und Futter inklusive. Und Start-up-Firmen wie "Das Miethuhn" konnten sich vor Anfragen kaum retten.

Hühner sind sensibel. Warnen Tierschützer nun. Hahn und Henne seien eben mehr als nur ein Hobby. Weil sie Ansprüche haben, für ihr Leben gern picken und scharren. Da sieht ein urban gepflegter Innenhof schnell wie eine von Kratern durchzogene Mondlandschaft aus. Rücksicht, wissen erfahrene Gallusilogen, auf menschliche Gartengestaltung nehmen Hühner nicht. In Sand wollen sie baden. Nicht im Gras.

Hühner machen Arbeit. Das mag mal angehen, wenn man zwischen Homeoffice und Haushuhn problemlos pendeln kann. Kurz vor der Videoschalte ein frisches Frühstücksei aus eigener Produktion - wie verlockend. Doch bei 250 bis 300 Eiern im Jahr pro Henne wird man dem irgendwann mal überdrüssig. Also weg damit! Kikeriki.

Hühner, die auf der Straße landen. Es werden immer mehr: ausgesetzt, ins Tierheim gebracht. "Hühner-Notstand" meldet das Tierheim Berlin, wo Katzen und Hunde nun fast in der Minderheit sind. Da kann man nur hoffen, dass der nächste Trend nichts mit Kühen zu tun haben wird.

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