Kolossalfigur des Kommunismus

Verdammt und verklärt - zum 150. Geburtstag von Wladimir Iljitsch Uljanow, besser bekannt als Lenin. Ist die Zeit reif, um gelassen auf den Revolutionär zurückzublicken?

Hatte Lenin wirklich nur einen Anzug? "Der war sehr sauber und ordentlich und immer tadellos gebügelt ..., aber doch schon recht abgetragen und wohl tatsächlich der einzige", so berichtete der Kreml-Kommandant Pawel Malkow, um im nächsten Satz dann die Anzahl der Anzüge doch zu relativieren: "Höchstens hatte er zwei, mehr nicht." Wie dem auch sei: Bescheiden und frei von Eitelkeit war Lenin allemal. Er lebte asketisch und lehnte Personenkult ab. Obwohl er Regierungschef war, hatte er im Kreml nur ein kleines Arbeitszimmer. Während der Hungerkrise gab er die ihm zustehenden Sonderzuweisungen an Kinderheime ab. Und als der Rat der Volkskommissare ihm 1918 das Gehalt erhöhte, missbilligte er das und erteilte dem Verantwortlichen eine strenge Rüge.

Mag bei diesen Schilderungen auch Verklärung mitschwingen, die den "Mythos Lenin" weiter befördern sollte, so ist in den Berichten der Zeitzeugen doch immer wieder von seiner volksnahen Art und seiner Suggestivkraft zu lesen. Nicht nur Gebildete, auch das einfache Volk hing ihm an den Lippen. "Seine Rede erzeugte stets ein fast physisches Empfinden unwiderleglicher Wahrheit", schrieb sein Kampfgefährte, der Schriftsteller Maxim Gorki. Keine Frage: Lenin war ein Menschenfänger. Bis heute scheiden sich an diesem Revolutionär die Geister. Noch 1994 schrieb der russische Historiker Dimitri Wolkogonow: "Es ist gut möglich, dass wir auf Lenin als historische Persönlichkeit erst im nächsten Jahrhundert völlig gelassen zurückblicken können. Zur Zeit ist Lenin in Russland jedoch noch lebendig und ruft bei den Menschen blinde Ergebenheit, Hass, oder - in jüngster Zeit - einfach nur Gleichgültigkeit hervor."

Das "nächste Jahrhundert" ist mittlerweile angebrochen. Wenn sich in diesen Tagen Lenins Geburtstag zum 150. Mal jährt, kann jeder für sich prüfen, ob er gelassen auf diesen Mann blicken kann. Eine "Kolossalfigur" nannte der Philosoph Karl Kautsky ihn. Er sei "ein Mann von zähester, unbeugsamster und kühnster Willenskraft" gewesen. Der Schriftsteller Thomas Mann sprach gleich von einer "säkulären Erscheinung" und beschreibt ihn als "Mensch-Regent neuen, demokratisch-gigantischen Stils, eine kraftgeladene Verbindung von Machtwille und Askese, ein großer Papst der Idee". Andere verdammten ihn, weil er mit seinem Konzept der Kaderparteien den Weg in den Totalitarismus bereitete. Der Politiker Alexander Jakowlew, der im Stab von Michail Gorbatschow saß, nannte Lenin einen "Paranoiker und Verbrecher", einen "machtlüsternen Wüstling" und stellte ihn als "Berufsmörder" auf eine Stufe mit Hitler und Stalin.

Geboren am 22. April 1870 im absolutistischen russischen Zarenreich als Sohn eines Mathematik- und Physiklehrers in Simbirsk, soll er schon als Kind "lärmende Spiele" geliebt haben. Spielsachen faszinierten ihn weniger. "Meist zerbrach er sie", berichtete seine ältere Schwester Anna. Erst als sein Bruder Alexander gehängt wird, weil er ein Attentat auf den Zaren geplant haben soll, fängt Wladimir Iljitsch Uljanow an (den Namen Lenin gibt er sich erst ab 1900, als seine Schrift "Was tun?" erscheint), sich für die revolutionäre Sache zu interessieren. Das Studium in Kasan muss er aufgeben, weil er an einer Studentenkundgebung teilgenommen hat. Er muss in Verbannung und kann erst im Jahr 1900 als Externer in St. Petersburg den Jura-Abschluss ab- legen.

Dort arbeitet er zuvor schon als Rechtsanwaltsgehilfe, während er im Untergrund für die sozialdemokratische Sache agitiert. Er hält Vorträge, verfasst Flugblätter und Artikel. In Werken wie "Materialismus und Empiriokritizismus" (1909) und "Staat und Revolution" (1917) formuliert er seine Ideen, die auf den Lehren von Karl Marx aufbauen und die Weltrevolution anstreben. Mehrmals muss er in Haft und in Verbannung, seine Ehefrau Nadeschda Krupskaja, die auch verbannt wird, folgt ihm. Von der Geheimpolizei wird er überwacht. Im Jahr 1900 geht er in die Emigration, lebt unter dem Namen "Meyer" in München, wo er über den milden Winter klagt, später in London, Genf, Paris, Krakau, Bern. Quer durch Europa reist er wie ein Getriebener. Die Partei sieht er als Vorhut des Proletariats. Sie soll die Revolution vorbereiten und leiten. Die Funktionäre begreift er als Berufsrevolutionäre, die den Weg zu der demokratischen Diktatur der Arbeiter und Bauern ebnen sollen.

Seit dem 2. Parteitag der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands 1903 ist er das Haupt der Bolschewiken. Als Großfürst Wladimir in St. Petersburg am 22. Januar 1905 auf Demonstranten vor dem Winterpalais schießen lässt, sieht Lenin das als Anfang der Revolution. Er fordert "Gewalt gegen Gewalt". Wenn es der Sache dient, billigt er fast alles. Auch zwielichtige Methoden wie Überfälle auf Banken und Geldtransporte, um die Kassen der Aufständischen aufzubessern. Doch die Revolution scheitert. Der Zar kann die Macht wieder an sich reißen. Lenin wird von der Geheimpolizei verfolgt und bricht auf der Flucht nach Finnland fast ins Eis ein. Aber er überlebt. Seine Odyssee durch Europa setzt sich fort.

Erst als 1917 die Februar-Revolution ausbricht, kehrt er zurück nach Russland. In einem verplombten Waggon reist er durch Deutschland. Ohne Rücksicht auf Verluste propagiert er vor der Oktober-Revolution den bewaffneten Aufstand. Mit Erfolg. Am 8. November 1917 wird Lenin vom Rätekongress zum Vorsitzenden des Rates der Volkskommissare gewählt. Er lässt andere Parteien verbieten und gründet 1919 die Kommunistische Internationale; 1922 dann wird er Mitbegründer der Sowjetunion sein. Immer mehr stellt er die idealistischen Ziele hinter den Machterhalt zurück. Die Demokratie in der Kommunistischen Partei wird mehr und mehr beschnitten. Die Bürokratie des Apparates lähmt das Vorankommen. In seinen letzten Schriften wie dem "Brief an den Parteitag", der als sein politisches "Testament" gilt, mahnt Lenin das an. Er erkennt den Irrweg. Aber es ist zu spät. Seine Bedenken gegen Stalin kann er noch äußern, ihm Paroli bieten nach mehreren Schlaganfällen nicht mehr. 1924 stirbt Lenin.

Obwohl er den Personenkult verabscheute, wird sein Leichnam einbalsamiert und in Moskau in einem Mausoleum aufgebahrt. Noch als Toter soll er so dem Kommunismus dienen.

2Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 1
    0
    Interessierte
    19.04.2020

    Das ist doch sicherlich nicht gewollt :-)

  • 5
    2
    Freigeist14
    19.04.2020

    Das Lenin an den Folgen des Attentats von 1918 starb war wohl nicht erwähnenswert ? Auch das er sofort den Krieg gegen die Mittelmächte beendete , wird nicht erwähnt . Toll recherchiert .