Kultur in der Höhlenstadt

Was ist die faszinierendste Stadt Italiens? Venedig, Florenz, Siena, Rom, Neapel, Palermo? Auf jeden Fall gehört in diese Liga auch Matera, obwohl das kaum einer kennt. In diesem Jahr schaut ganz Europa auf die einmalige Höhlenstadt. Sie ist 2019 Kulturhauptstadt Europas.

Matera.

Im Büro des Bürgermeisters der 60.000-Einwohner-Stadt Matera tief im Süden Italiens gibt es ungewöhnliches Interieur. Hier hängen Kostüme aus Mel Gibsons Film "Die Passion Christi", den er 2004 unter anderem in Matera drehte. Vor allem für die Außenszenen bot die Stadt die perfekte Kulisse. Die Kreuzigungsszene drehte er auf einem Aussichtshügel auf der gegenüberliegenden Seite des zerklüfteten Flusstals der Gravina, an deren Hängen sich Matera entlangzieht. Ein Kreuz auf einem Felsen markiert noch immer die Stelle. Zum Dank für die idealen Bedingungen, die ihm geboten wurden, schenkte der amerikanische Schauspieler, Regisseur und Produzent der Stadt einige Kostüme aus der Bibelverfilmung.

Für rund 30 teils weltbekannte Filme war der Ort in der Basilikata - an der Sohle des Italienischen Stiefels - seit 1953 bereits Drehort. Trotzdem blieb er in einem Dornröschenschlaf. Dabei gilt er mit seiner 8000-jährigen Geschichte als eine der ältesten Ansiedlungen der Welt. Doch Matera war lange Zeit auch als "vergogna nazionale", als Schandfleck Italiens, verrufen, sagt Bürgermeister Salvatore Adduce. Das hatte es vor allem Carlo Levi zu verdanken, der in seinem 1946 erschienenen Roman "Christus kam nur bis Eboli" die katastrophalen Lebensbedingungen beschrieb, unter denen die Menschen hier zu Tausenden in ihren Sassi, in terrassenförmig aufsteigenden Höhlenwohnungen, zusammen mit ihrem Vieh lebten. Es waren feuchte, meist fensterlose Löcher. Tageslicht fiel nur durch den Eingang herein.

Levis Buch wurde in 37 Sprachen übersetzt und gab wohl den Anstoß, dass die italienische Regierung schließlich handelte und 1952 ein Gesetz zur Zwangsräumung erließ. Sie beschloss unter großem öffentlichen Druck den Umzug der Bevölkerung in neue Sozialbauten am Stadtrand.

Als das Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen in Vorbereitung auf die Umsiedlung mit einer detaillierten Untersuchung beauftragt wurde, kam Erschreckendes zutage. Von 3500 Wohnungen befanden sich 1000 ausschließlich in Felsenbehausungen, weitere 420 in Höhlen, die einen neueren gemauerten Vorbau besaßen. Nur 200 Quartiere boten halbwegs gute hygienische Verhältnisse. Zwei Drittel der Wohnungen bestanden aus einem einzigen Raum. In 800 Fällen waren in diesem auch die Haustiere mit untergebracht. Oftmals befand sich die Schlafstelle direkt neben dem Misthaufen. Fast die gesamte Bevölkerung litt an Malaria. Auch Typhus war an der Tagesordnung. Viele Kinder waren unterernährt. Die Kindersterblichkeit lag zeitweise bei 50 Prozent. Nur wenige Wohnungen besaßen Anschluss an Strom, Wasser und Kanalisation. Das blieb für viele noch bis in die 1960er-Jahre so. Erst dann waren rund 17.000 Einwohner umgesiedelt.

"Die Menschen waren nicht unbedingt froh darüber", erzählt Stadtführer Adriano. "Sie mussten ihr bisheriges Leben völlig umstellen. In den neuen, komfortablen Häusern in der Oberstadt war kein Platz mehr für Esel, Hühner und Schafe. Nur wenige der zumeist Bauern fanden in umliegenden Dörfern Platz und Ackerflächen. Aus der Landarbeiterstadt Matera wurde eine Verwaltungsstadt. Die Sassi mit ihren Höhlensiedlungen aber verfielen zusehends."

In der Touristinformation hängen alte Fotos von den toten Stadtvierteln - mit Ruinen ohne Dächer, von Vandalen zerstört und mit Müll und Bauschutt vollgestopft. Disteln und Gestrüpp breiteten sich auf den Treppenwegen aus. Unvorstellbar, dass trotzdem eine kleine Gruppe von Bewohnern blieb und sich einige junge Leute sogar neu ansiedelten. Sie verschlug jedoch vor allem die Wohnungsnot in die Sassi. Zwar kappten die Behörden anfangs die selbst errichteten Stromkabel und Wasserleitungen, weil sie ohne Genehmigung gebaut wurden.

"Doch irgendwann wurde aus dem Notbehelf eine bewusste Rückkehr in die Sassi", berichtet Adriano. 1986 wurde die Sanierung und Erhaltung der Sassi schließlich von der Regierung angeordnet. Dem kam entgegen, dass die Unesco die Sassi und damit das ursprüngliche Besiedlungsgebiet von Matera 1993 zum Weltkulturerbe erklärte. Vor allem weil hier schon seit der Jungsteinzeit Menschen ohne Unterbrechung lebten. Nur in China soll es noch ein Dorf geben, das sich mit den Sassi in Italien vergleichen lässt. Historiker sprechen von einer prähistorischen Großstadt, die bis in die Moderne reicht und durch alle Epochen der Geschichte weitergebaut wurde.

Mit dem Geld für den Erhalt der Welterbestätte zog nach und nach Leben in die Sassi ein. Mehrere hundert Familien wohnen heute wieder hier - in behutsam renovierten Häusern. Sie sind stolz auf das Labyrinth von Schluchten, Gassen, aus- und überbauten Höhlen. Unübersichtlich, verschachtelt und durch unzählige Zwischengänge und Treppen verbunden, faszinieren sie auch eine zunehmende Zahl von Besuchern. 160 alte Kirchen mit einer Vielzahl von Fresken und Kapellen soll es in diesem Höhlengewirr geben. Manche sind gar nicht als solche zu erkennen. Zu einigen sind Wege ausgewiesen. Ansonsten würden Fremde hilflos umherirren. Die ältesten Höhlen hat sich mittlerweile die Natur zurückerobert.

Ein Wegweiser führt zur Höhlenwohnung der Familie Rizzi in der Via Fiorentini. Sie ist als Museum gestaltet. Dem Gast wird in seiner Muttersprache erläutert, was das Auge in der Düsternis gar nicht so rasch erfassen kann. Obwohl die Museums-wohnung eher steril wirkt, überkommen einen Schauer und Ehrfurcht. Das in den Tuffsteinfels gehauene, dreigeteilte Quartier mit Wohn-, Schlaf und Stallabteil vermittelt zumindest annähernd, wie die Menschen hier lebten. Man sieht auch, wie diverse Möbel, darunter Wäschetruhen, aus Platzmangel als Schlafstätten herhalten mussten. In Dauerbetrieb ist noch immer die alte "Wasserleitung": eine Rinne im Fels, durch die das in einer Zisterne aufgefangene Regenwasser in die Wohnung gelangt.

Etliche Quartiere wurden inzwischen mit viel Feingefühl restauriert. Sie dienen als Wohnungen, Geschäfte, Eisdielen, Restaurants, ja sogar als Hotels. Ausgesprochen nobel sind diese Höhlen-Hotels. Gern wird die ursprüngliche Dreiteilung beibehalten: Dem Schlafraum schließt sich das Bad mit Designerwaschtisch und -badewanne an. In der dritten Nische ist eine ebenso noble Toilette eingebaut. Eine Zufahrt haben die Zimmer nicht. Die Gäste schleppen ihre Rollenkoffer über die ausgetretenen alten Steintreppen, was beim Betreten der einmaligen Quartiere rasch vergessen ist.

Seit einigen Jahren schon wächst die Zahl der Gäste, die die Stadt abseits der klassischen Touristenpfade, 50 Kilometer südwestlich von Bari, kennenlernen wollen. Waren es 2010 noch rund 200.000 Übernachtungen, wurden 2017 bereits 480.000 gezählt. In diesem Jahr rechnet man mit 800.000. Paolo Verri, Leiter der Stiftung Matera 2019, weiß, dass die Stadt niemals den Stellenwert etwa von Venedig erlangen wird. Das sei auch mit dem Titel Kulturhauptstadt nie das Ziel gewesen, für den Matera 2014 - zusammen mit dem bulgarischen Plowdiw - den Zuschlag erhielt. Vielmehr gehe es darum, Bekanntheit zu erlangen. "Denn der Tourismus schafft neue Möglichkeiten und er bringt frisches Geld." Die Ernennung zur Kulturhauptstadt ist für Verri wie ein Stipendium für Stadtentwicklung. Doch in Matera streitet man, was diese Stadt in die Zukunft führen kann. Entsprechend lautet auch das Motto des Kulturjahres: Offene Zukunft. Noch wandern mehr Einwohner ab als zu. Touristen kommen wegen des Weltkulturerbes.

"Wir haben nichts gegen Tourismus und dagegen, dass man für Tourismus etwas macht. Aber dann bitte richtig. Und nicht auf dem Rücken derer, die hier 365 Tage im Jahr leben", klagt der Vertreter einer Bürgerinitiative. Sein Mitstreiter Giuseppe Sigilino fügt hinzu: "Diese Stadt hat nicht ein einziges Kino. Wir haben drei Kinosäle, die sind alle geschlossen. Wir haben eine Bibliothek, die mit größten Schwierigkeiten kämpft. Wir haben nicht einmal ein Theater. Und für die Jugend gibt es auch kaum Platz für ihre Projekte." Die Bahnstrecke nach Matera wurde zwar ausgebaut, aber Fernzüge fahren hier noch immer nicht.

Fast alle Veranstaltungen in diesem Kulturhauptstadtjahr werden von den Bürgern selbst gemacht. Sie wollten nicht, dass man ihnen etwas überstülpt. Natürlich hat vieles etwas mit ihrer Geschichte und Identität zu tun. Das reicht von einer Architekturausstellung "Ars Excavandi" bis zur einer Skulpturenausstellung, die sich künstlerisch mit den Flüchtlingsströmen im nahen Mittelmeer beschäftigt. Für das gesamte Jahr sind Ausstellungen, Konzerte, Workshops und Feste geplant. Bei der Eröffnung des Kulturhauptstadtjahres im Januar waren die Einwohner weitgehend unter sich. Das dürfte sich in den nächsten Monaten ändern. Denn die Wiedergeburt Materas soll ganz Süditalien Hoffnung machen.

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