Leben oder sterben lassen?

Was passiert, wenn Eindämmungsmaßnahmen wie Kontaktsperren oder Quarantäne für ganze Orte nicht genug Wirkung gegen die Coronapandemie zeigen? Das haben Medizinerverbände versucht vorherzusehen. Sie geben Ärzten jetzt Kriterien an die Hand, wer bei Ressourcenknappheit noch behandelt wird und wer nicht. "Freie Presse"-Reporter Jens Eumann beantwortet zentrale Fragen.

Beim Vergleich der Werte, die die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in täglichen Situationsberichten (Situation Reports) für alle bisher von der Covid-19-Pandemie betroffenen Länder aufführt, fällt Deutschland vor allem durch eines auf: Das vorteilhafte Verhältnis der Anzahl mit dem Sars-Cov-2-Virus Infizierter zu den an der daraus folgenden Erkrankung Covid-19 Verstorbenen. Während in Italien die Sterblichkeit (Stand: 25. März) bei extrem hohen 9,86 Prozent liegt (fast jeder Zehnte stirbt), liegt die Todesrate in Deutschland bei 0,47 Prozent (etwa jeder 200. stirbt). Wie kommt es zu dieser Kluft?

"Der Grund, warum wir in Deutschland im Moment so wenige Todesfälle haben, gegenüber der Zahl der Infizierten, ist hinreichend damit zu erklären, dass wir extrem viel Labordiagnostik in Deutschland machen." Diese Antwort gab am Mittwoch Christian Drosten, Chefvirologe der Berliner Charité, bei einer Pressekonferenz. Pro Woche führe man in Deutschland rund eine halbe Million Tests auf Infektion mit dem Coronavirus durch, überschlug er. Nun senken Tests nicht das Sterberisiko, das vom Virus ausgeht. Aber die hohe Anzahl von Tests legt im Umkehrschluss nahe, dass die Zahlen, die das Robert-Koch-Institut und damit zeitversetzt auch die Weltgesundheitsorganisation für Deutschland führen, viel näher an der realen Ausbreitungsdimension des Sars-Cov-2-Virus liegen, als das in den meisten anderen Ländern der Welt der Fall ist. Dort ist die Dunkelziffer wohl viel höher als bei uns.

Hat die vergleichsweise geringe Sterblichkeit von Covid-19-Patienten in Deutschland nicht auch mit der Qualität des hiesigen Gesundheitssystems zu tun?

Die Qualität der Behandlung in einzelnen Ländern zu vergleichen, ist schwierig. Fakten allerdings liegen zu Quantitäten im System vor. Und daraus ergibt sich: Deutschland verfügt über eine bessere Ausstattung mit intensivmedizinischen Geräten. Während in deutschen Kliniken bereits vor der Corona-Krise 25.000 Intensivbetten mit Beatmungsgeräten (insgesamt gab es 28.000 Intensivbetten) zur Verfügung standen, gibt es in Italien nur etwa 5000 Beatmungsbetten, in Frankreich 7000, in Großbritannien 4000 bis 5000). Ziel der Bundesregierung ist es, die vorhandene Kapazität zu verdoppeln. Im Freistaat ist das nach Auskunft von SPD-Gesundheitsministerin Petra Köpping noch nicht ganz gelungen, doch ist man auf dem Weg. "Wir haben die Beatmungskapazitäten in Sachsen von 1500 auf 2500 aufstocken können", so Köpping.

Ist Deutschland angesichts der Vorbereitungen für die Welle der Erkrankungen gewappnet?

Das hängt vom Erfolg der aktuellen Eindämmungsmaßnahmen ab. Der Leiter des Robert-Koch-Instituts, Lothar Wieler, war vor Inkrafttreten und Kontrolle der Kontaktverbote davon ausgegangen, dass ohne bremsende Maßnahmen die Ausbreitung des Virus allein in Deutschland innerhalb von zwei bis drei Monaten bis zu zehn Millionen Infizierte zur Folge haben könne. Nach Erfahrungen aus China, wo die Pandemie ihren Ausgang nahm, geht man davon aus, dass zwischen 15 und 20Prozent der erkannten Infizierten so starke Symptome entwickeln, dass sie stationär behandelt werden müssen. Fünf bis sechs Prozent bedürfen intensivmedizinischer Betreuung. Der Rest ist Mathematik: Bei zehn Millionen Infizierten ergeben sich bei der Fünf-Prozent-Schätzung eine halbe Million, bei sechs Prozent 600.000 Patienten, die ein Bett auf der Intensivstation brauchen. Auf dieses Maß ist die Kapazität nicht zu erhöhen. Selbst bei Erreichen des Verdopplungsziels für die Intensivbetten-Kapazität, die die Bundesregierung vorsieht, müsste man in diesem Szenario zahlreiche Intensivbehandlungsbedürftige abweisen.

Wie realistisch ist ein solches Überlastungsszenario?

Wenn die aktuell umgesetzten Eindämmungsmaßnahmen Wirkung zeigen, ist ein solches Szenario vorerst nicht der Maßstab. Fraglich ist, wie sich die Situation entwickelt, wenn man die Kontaktsperren wieder lockert. Bis auch die britische Regierung zu einer Politik des Shut-Downs umschwenkte, wurden der Ansatz der Ausgangs- oder Kontaktsperre beziehungsweise des Shut-Downs und der eines Erreichens sogenannter "Herden-Immunität" (ein Begriff aus dem Impfwesen) diskutiert, als handele es sich um alternative Konzepte. Beide zeigen sich aber derzeit immer mehr als zwei Seiten der gleichen Medaille. Ein Erfolg, die Ausbreitung des Virus auf Null zurückzudrängen, scheint auch mit den aktuellen Maßnahmen fraglich. In der Konsequenz bedeutet das, die Kontaktsperrmaßnahmen sollen die Ausbreitung nur unter jenem Level halten, das das Gesundheitssystem gerade noch verkraften kann. Die "Herden-Immunität" ergibt sich so auch, allerdings über einen länger gestreckten Zeitraum. Was zu passieren droht, wenn die Ausbreitung des Virus die Kapazitätsgrenzen eines Gesundheitssystems sprengt, ist an Italien abzulesen. Dass Experten ein solches Szenario in den nächsten Wochen oder Monaten auch in Deutschland für durchaus realistisch halten, zeigt das elfseitige Papier "Entscheidungen über die Zuteilung von Ressourcen in der Notfall- und der Intensivmedizin im Kontext der Covid-19-Pandemie". Es wurde von sieben Bundesverbänden aus dem Bereich der Intensivmedizin ausgearbeitet und am Mittwoch vorgestellt. Beteiligt waren die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), die Deutsche Gesellschaft für Interdisziplinäre Notfall- und Akutmedizin (DGINA), die Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI), die Deutsche Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin (DGIIN), die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP), die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin (DGP) und die Akademie für Ethik in der Medizin (AEM).

Was besagt das Papier?

Es legt Kriterien dafür fest, welchen Patienten Ärzte in Kliniken im Fall einer eintretenden Beatmungsplatz-Knappheit noch intensivmedizinische Behandlung angedeihen, und welche sie sterben lassen. "Wenn die Ressourcen nicht ausreichen, muss unausweichlich entschieden werden, welche intensivpflichtigen Patienten akut-/intensivmedizinisch behandelt und welche nicht (oder nicht mehr) akut-/intensivmedizinisch behandelt werden sollen." So hält es das vorliegende Papier fest. Die Bilder verzweifelter Ärzte, die im italienschen Bergamo solche Entscheidungen treffen mussten, gingen um die Welt. Für eine solche Situation will man Ärzte in Deutschland so weit wie möglich wappnen. Klare Handlungsempfehlungen könnten die "beteiligten Teams entlasten" und außerdem "Vertrauen der Bevölkerung in das Krisenmanagement in den Krankenhäusern stärken."

Wie kann ein Aussortieren von Patienten zum Sterben Vertrauen der Bevölkerung wecken?

Indem es transparent macht, nach welchen Kriterien ausgewählt wird. "Wenn nicht mehr alle kritisch erkrankten Patienten auf die Intensivstation aufgenommen werden können, muss analog der Triage (Sortierung - Anm. d. Red.) in der Katastrophenmedizin über die Verteilung der begrenzt verfügbaren Ressourcen entschieden werden", heißt es in dem Papier. Die Priorisierung erfolge dabei "ausdrücklich nicht in der Absicht, Menschen oder Menschenleben zu bewerten, sondern aufgrund der Verpflichtung, mit den Ressourcen möglichst vielen Patienten" zu helfen. Die Priorisierung eines Patienten vor einem anderen soll sich allein "am Kriterium der klinischen Erfolgsaussicht orientieren." Daraus folge ein Verzicht auf Behandlung derer, bei denen keine oder nur sehr geringe Aussicht auf Erfolg besteht. Die Einschätzung dieser Erfolgsaussicht muss für jeden Patienten dokumentiert werden. Allein aufgrund des Alters oder sozialer Kriterien ist eine Priorisierung wegen des Gleichheitsgrundsatzes nicht zulässig. (mit dpa)

Die täglichen Situationsberichte der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind unter folgendem Link abzurufen (in englischer Sprache):

www.freiepresse.de/WHO-REPORTS


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Coronavirus: Unser Angebot zur Lage in Sachsen, Deutschland und der Welt

8Kommentare
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  • 1
    1
    saxon1965
    30.03.2020

    Hier mal ein aktueller Link, der erklärt, warum unser Gesundheitswesen ggf. überlastet werden könnte:
    https://www.gmx.net/magazine/news/coronavirus/coronavirus-infektiologe-appelliert-atemschutz-haus-34558598
    Da hilft Panikmache ganz bestimmt nicht, denn sonst fluten noch mehr Menschen angstvoll mit Husten und Schnupfen die Krankenhäuser.
    Man sollte lieber voran stellen, dass dieser Virus bei 90 Prozent der Betroffenen harmlos verläuft. Parallel dazu tritt der s. g. Herdenschutz ein.
    Dass es auch anders geht beweist Schweden. Aber wir die eines der besten Gesundheitswesen der Welt haben wollen, ruinieren unsere Volkswirtschaft auf Jahre! Mit den fehlenden Steuereinnahmen können wir ja dann die Milliarden-Schulden zurück zahlen?

  • 1
    4
    saxon1965
    30.03.2020

    @SimpleMan: Sie meinen damit aber nicht, dass man besser weniger Wissen sollte? Aufklärung der Bevölkerung sieht für mich jedenfalls anders aus und die FP habe ich bisher als eher seriöses Blatt gesehen!

  • 3
    1
    SimpleMan
    29.03.2020

    @saxon1965 Manchmal, ist weniger mehr ...

  • 2
    1
    saxon1965
    29.03.2020

    SimpleMan, ich äußerte meine Meinung, habe Fragen aufgeworfen und es soll durchaus ganze Länder geben, die mit dieser Krise anders umgehen. Ich bleibe dabei, dass Panik und Angst schlechte Ratgeber sind! Und ja, bleiben wir gesund.

  • 8
    1
    Dickkopf100
    27.03.2020

    Was soll man da sagen? Nur hoffen, dass es nicht so schlimm wird. Habe auch diverse Vorerkrankungen und bin damit Risikopatient.Wenn es mich erwischt, dann tschüss... Also muss ich eben aufpassen und hoffen, dass ich mich durchwurschtel. Aber ändern können wir doch sowieso nix. Also, da bleibt nur Abwarten. Bin allein und muss auch meine Einkäufe etc. machen und kann den Kopf nicht in den Sand stecken. Wenn wir alle ein bissel mehr aufpassen, dann wird es schon werden. Und wer Covid- 19 mit früheren Influenzafällen vergleicht, der vergisst die Impfungen und die Behandlungsart der Influenza. Gegen Covid- 19 gibt es nun mal noch keine Impfung und die Behandlungsstrategien sind wohl auch mehr ein Lotteriespiel. Also, durchhalten und bleibt gesund...

  • 4
    3
    SimpleMan
    27.03.2020

    @saxon1965 Welche Kompetenzen, welches Wissen haben Sie, dass Sie hier Empfehlungen machen können? Sie sind Mediziner, Virologe oder haben sehr gute Kenntnisse auf beiden Gebieten? Ich handhabe das immer so, zu Sachen, wo ich keine Ahnung habe, äußere ich mich sehr defensiv oder sogar gar nicht. Sehen Sie das anders?

  • 2
    6
    saxon1965
    27.03.2020

    ""Der Grund, … (dass wir) so wenige Todesfälle haben, …(weil) wir extrem viel Labordiagnostik in Deutschland machen."
    Das bedeutet also, wenn wir die Zahl aller Infizierten wüssten (bis zum 10fachen wird angenommen), wäre die Mortalität ein Zehntel.

    Wäre es nicht auch eine Variante gewesen, die besonders gefährdeten Menschen (zirka 10 Prozent der Bevölkerung) bestmöglich zu schützen und gleichzeitig diese Herdenimmunität zu schaffen? Herdenimmunität schafft man nicht, wenn man alle wegsperrt. Außer man hat Monate oder Jahre Zeit, weil es stets neue Wellen geben wird. Klar hätten wir trotzdem eine Grippewelle mit Auswirkungen auf die Wirtschaft, aber doch nicht so massiv wie jetzt. Es wird Monate, wenn nicht gar Jahre dauern, bis sich die Wirtschaft erholt hat. Existenzen werden vernichtet, auch dadurch wird es Todesfälle geben.

    Mir gefällt diese alternativlose Politik nicht, wenn nur auf Einige Experten gehört wird und die Politik nach dem Motto verfährt: Mit Kanonen auf Spatzen zu schießen und dabei das Haus in Schutt und Asche legt!

    Und jetzt wiederholt das? Es wird Panik gemacht unter der Bevölkerung, mit Zahlen jongliert, obwohl man viele Faktoren noch gar nicht kennt. Das ist in meinen Augen unverantwortlich! Kann man denn so genau sagen, warum in Italien und Spanien so viele Menschen sterben und ob sie einzig und allein an Covid-19 sterben? Zu mir hat vor Jahren bereits ein Arzt gesagt: "Die meisten Männer sterben mit..., aber die Wenigsten an ...krebs." Würde man alle gestorbenen Männer untersuchen, käme man vermutlich auf Schwindel erregende Raten und würde man dann behaupten, dass 80 Prozent der Männer an ...Krebs gestorben sind?

    Jeder der sich zu einer Risikogruppe zählt, achtet seit Wochen besonders auf sich und sein Umfeld, hofft man, tut dies auch, wie jedes Jahr zur Grippezeit. Das es leider auch Menschen gibt, die die einfachsten hygienischen Regeln nicht kennen, hat viele Ursachen und ist traurig.

    Wo war die Panik 2017/18, als durch Influenza 25.000 Menschen in Deutschland gestorben sind?

  • 2
    2
    Pelz
    27.03.2020

    Journalismus: Fragen in der Schlagzeile stellen... Geht für mich zumindest eher selten...