Mal kein Märchen von den Gebrüdern Grimm

Sie wollten ein Wörterbuch erstellen, das ihrer Zeit Rechnung trug. Doch Wilhelm und Jakob Grimm unterschätzten den Aufwand. Erst vor 60 Jahren erschien das Mammutwerk.

Wenn wir beide vier Jahre der Sache täglich zwei Stunden widmen, [...] so glaube ich, kommen wir zum Ende", zeigte sich Wilhelm Grimm 1838 gegenüber seinem Bruder Jakob zuversichtlich. Doch er unterschätze den Aufwand gewaltig: Erst 123 Jahre später, am 4. Januar 1961, sollte ihr anvisiertes Werk vollständig erscheinen - die bereits berühmten Märchensammler wollten ein Wörterbuch erstellen, um die Sprachentwicklung des Neuhochdeutschen seit Luthers Bibelübersetzung bis zur zeitgenössischen Schriftstellerei wissenschaftlich festzuhalten. Zwar existierten Wörterbücher bereits. Doch erst "Der Grimm" sollte neue Maßstäbe setzen.

Darin wurde die Entwicklung zahlreicher Wörter von ihrem Ursprung bis zur aktuellen Bedeutung und Verwendung genauestens behandelt. Zudem belegten die Brüder deren Herkunft aus Dichtung und Wissenschaft mit Quellenangaben. Auch vermeintlich verwerfliche Begriffe sollten auftauchen. 1838 unterzeichneten die Brüder mit Salomon Hirzel von der Weidmannschen Verlagsbuchhandlung und dem Verlegersohn Karl Reimer einen Vertrag zur Fertigstellung. Damals bestand Deutschland aus vielen Einzelstaaten, gerade in dieser Situation konnte die Schaffung eines gesamtdeutschen Wörterbuchs zur Einheit beitragen. Jacob Grimm erkannte fast staatsmännisch: "Was haben wir denn gemeinsames als unsere sprache und literatur."

Die Bearbeitung der einzelnen Wörter gliederte sich in zwei Schritte. Zuerst wurde das Material - meist von Mitarbeitern - gesammelt und danach erfolgte die Ausfertigung der Texte von den Brüdern Grimm persönlich. Zu den Helfern zählten auch prominente Zeitgenossen wie Hoffmann von Fallersleben. Jacob bearbeitete die Buchstaben A, B, C, E und F, Wilhelm befasste sich mit dem Buchstaben D. 1854 schloss Jacob den ersten Band des Wörterbuchs mit den Wörtern des Buchstabens A und der Hälfte von B ab. Bis zu ihrem Tod 1859 (Wilhelm) und 1863 (Jacob) gelang es den Brüdern nur noch, zwei weitere Bände mit den Buchstaben B bis D sowie E und den Anfang von F zu erstellen.

In der Zeit der Einigungskriege maß Otto von Bismarck dem Kompendium nationale Bedeutung zu und sicherte die weitere Finanzierung des Vorhabens. 1908 erfuhr die wissenschaftliche Bearbeitung des Wörterbuchs eine enorme Professionalisierung, als es die "Preußische Akademie der Wissenschaften" weiterentwickelte. In Göttingen wurde eine "Zentralsammelstelle" eingerichtet. Dort trugen studentische Mitarbeiter innerhalb von fünf Jahren rund zwei Millionen Belege zusammen, wegen einer Fehlerquote von 40 Prozent mussten sie jedoch erneut bearbeitet werden. 1930 schuf die Berliner Akademie eine feste Abteilung für das Projekt.

Im Zweiten Weltkrieg wurden zum Schutz des Materials die Belege nahe Bernburg an der Saale in zwei Bergwerksschächten versteckt. Nach dem Krieg wurden die Unterlagen in die Sowjetunion transportiert, später landeten sie in der DDR. Trotz der deutschen Teilung arbeiteten Stellen in Ost und West gleichzeitig am Nachschlagewerk. Durch die Zusammenarbeit konnten die Mitarbeiter elf Bände vervollständigen und einen zwölften neu erarbeiten. Schließlich wurde die Generationenaufgabe am 4. Januar 1961 mit dem 32. Band abgeschlossen. Ein umfangreicher Quellenband erschien erst eine Dekade später. Dieses gesamtdeutsche Projekt würdigte sogar SED-Chef Walter Ulbricht. Er schrieb an die Berliner Lektoren: "Sie und alle Mitarbeiter am Grimm'schen Wörterbuch [...] haben bewiesen, dass trotz unterschiedlicher Gesellschaftsordnungen eine fruchtbare Zusammenarbeit im Interesse unserer deutschen Nation möglich ist." Das Vermächtnis der Gebrüder Grimm gab nun detaillierte Auskunft über 320.000 Stichwörter auf 34.824 Seiten, alle Bände zusammen wogen 84 Kilogramm. Um sie aktuell zu halten, hatte es bereits 1957 Pläne zu einer Überarbeitung gegeben, die 2012 fertiggestellt werden konnte. Eine Aktualisierung der Buchstaben G bis Z scheiterte bisher an fehlenden Finanzmitteln.

Heute erleichtert die 1998 begonnene Digitalisierung des Werks seine Nutzung enorm. Die Universität Trier ließ hierzu das gesamte Wörterbuch von chinesischen Hilfskräften zweimal abtippen. Dadurch sollten sich bei den altertümlichen Wörtern keine unbewussten Verbesserungen einschleichen. Zudem war das Scannen der Originalseiten wegen zu kleiner Schriftgröße nicht möglich. Doch die Arbeit lohnt sich: Das Wörterbuch bleibt für die Erforschung der Deutschen Literatur- und Begriffsgeschichte wichtig und hält für den Nutzer vielfältige Informationen bereit.

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