Rückkehr der Elche - eher unerwünscht

Von Polen ziehen die Tiere verstärkt Richtung Deutschland. Während sich Fotografen freuen, sind andere eher besorgt.

Berlin.

Offiziell gelten Elche in Deutschland als ausgestorben. Doch tatsächlich werden die großen Hirsche im Osten Deutschlands immer häufiger gesichtet. Rund 20 der bis zu zwei Meter hohen und bis zu 500 Kilogramm schweren Tiere wurden seit 2015 dem Landeskompetenzzentrum Forst im brandenburgischen Eberswalde gemeldet.

Allein in den ersten Monaten dieses Jahres kamen bereits vier Elche hinzu. Die von Kornelia Dobias geleitete Forschungsstelle für Wildökologie und Jagdwirtschaft hat inzwischen ein "Elchbeobachtungsformular" ins Netz gestellt, um die Streifzüge der imposanten Tiere besser verfolgen zu können.

Bislang hätten Autofahrer einfach nur Glück gehabt, meint Dobias. In den letzten Jahren habe es keine schweren Verkehrsunfälle mit Elchen gegeben. Bei Zusammenstößen mit den Giganten der nordischen Wälder, sagt die Biologin, sei zumeist mehr als ein banaler Blechschaden zu beklagen. Denn Elche sind wegen ihrer langen Beine und ihres Gewichts ein besonders gefährlicher Unfallgegner. Bei einer Kollision mit einem Pkw kippen sie nicht auf die Motorhaube, sondern in den Bereich der Frontscheibe. Schwedische Autos galten deshalb seit jeher als besonders sicher - eben weil der Elchtest für sie obligatorisch war. In dem dünn besiedelten skandinavischen Land leben über 300.000 dieser Tiere.

In Deutschland tauchen die graubraunen Riesen vor allem in Brandenburg, aber auch in Mecklenburg-Vorpommern und in Sachsen jetzt häufiger auf. Die meisten Tiere, die Oder und Neiße auf der Suche nach neuem Lebensraum überquert haben, stammen aus Polen. Der weltweit größte Hirsch wird im östlichen Nachbarland seit der Jahrtausendwende kaum noch gejagt; entsprechend wächst die Population, die inzwischen auf 5000 bis 7000 Tiere geschätzt wird.

Noch zu Urgroßmutters Zeiten seien Elche nicht nur in märkischen Wäldern vorgekommen. "Ihre jahrhundertealten Wanderrouten haben sie gut abgespeichert. Dabei ist es ihnen egal, ob dort heute eine Straße verläuft", erläutert Dobias. Häufig tauchen die großen Pflanzenfresser sogar am Rand der Autobahnen auf. Die Wildschutzzäune sind für sie kein Hindernis. Sie könnten bequem darüber springen oder den Zaun mit ihrem schweren Kopf herunterdrücken. Doch die Gäste aus Polen haben noch keine Erfahrung mit den deutschen Zäunen, deren Höhe von der Sprungkraft des Damwilds bestimmt ist. Von "Zuwanderern" oder "Rückkehrern" will die Wildtier-Expertin noch nicht sprechen. Dafür müssten die immer mal wieder gesichteten Kälber nachweislich westlich von Oder und Neiße geboren sein. In Eberswalde wurde bereits ein Management-Plan ausgearbeitet, der Förster, Jäger, Waldbauern, Landwirte, Naturschützer und Verkehrsexperten auf die Einwanderer vorbereiten soll. Dieser Plan, so heißt es auf der Internetseite des brandenburgischen Umweltministeriums, diene "ausdrücklich nicht dazu, eine Ansiedlung von Elchen aktiv zu befördern".

Konflikte sind nicht nur auf den Straßen vorprogrammiert. Denn die Tiere können leicht mal eine Schonung oder ein Feld kahl fressen. Ausgewachsene Elche benötigen rund 50 Kilogramm Grünzeug täglich. Eine größere Population könnte auch eines der größten Umbauprojekte des Landes der kommenden Jahrzehnte gefährden: aus den Kiefern-Monokulturen, die weite Teile der Mark prägen, sollen resistentere Mischwälder werden, die mit dem Klimawandel besser zurechtkommen. Schon die DDR fürchtete die Rückkehr der Elche. Seit 1982 wurden die Besucher aus Polen gezielt abgeschossen - mit der Begründung, ihre Ausbreitung sei eine Gefahr für die Land- und Forstwirtschaft. Die friedliebenden Tiere lassen sich beim Äsen allenfalls von Wölfen aus der Ruhe bringen; 26 Wolfsrudel leben inzwischen in Brandenburg. "Der Wolf", sagt Kornelia Dobias, "ernährt sich am liebsten von Elchkälbern. Das ist seine Leib- und Magenspeise."

Was aber, wenn Wanderer unverhofft einem Elch begegnen? Experten raten, das Tier genau zu beobachten. Wenn es sich bedroht fühlt - etwa durch einen Hund, aber auch, wenn Mutterkühe Kälber haben - sollte man das Weite suchen. Klare Drohgebärden eines Elches sind ein gesenkter Kopf, angelegte Ohren, aufgestelltes Nackenfell. Spätestens, wenn das Tier seine Lippen leckt, heißt es rennen. Auf der freien Fläche hilft es beim Elch, Zickzack zu laufen, rät die Zeitschrift "Outdoor-Magazin". Dies überfordere die Tiere häufig, die wenig wendig sind. Sie geraten mit ihren schlaksigen Beinen schnell ins Stolpern.mit dpa

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...