Sitz und Sieg

Ein Chemnitzer Produktentwickler hat mit seinem Kompagnon aus Hamburg den deutschen Design-Award gewonnen. Sie überzeugen mit knallbunten Stadtmöbeln, die ursprünglich ein schlechtes Image hatten.

Sie sind knallbunt und erinnern an Bausteine aus Kinderzeiten. Und doch sind die Sitzmöbel der Produktlinie Bento viel mehr als eine kleine Spielerei. Der Chemnitzer Mario Pitsch und sein Geschäftspartner Oliver Schau haben Betonbarrieren, die frequentierte Plätze schützen sollen, in fantasievolle Sitzmöbel umgewandelt. Dafür sahnen sie jetzt den Branchenpreis German Design Award ab.

Man sieht sie inzwischen überall: Betonhindernisse. Sie sind rund um Weihnachtsmärkte aufgebaut, grenzen Sportereignisse ab, verbarrikadieren Feste und Veranstaltungen. Die inzwischen an vielen Orten platzierten Schutzmauern müssen aber nicht grau in grau in den Städten herumstehen. Die beiden jungen Produktdesigner präsentieren jetzt ihre Idee, diese Absperrungen als öffentliche Sitzbänke in farbenfrohem Design zu gestalten. Dieses Vorhaben sei so einfach wie genial. Eine tolle Idee, die aus der Not eine Tugend mache, loben die Experten vom Rat für Formgebung. Dieses Gremium mit Sitz in Frankfurt am Main zählt sich zu den weltweit führenden Kompetenzzentren für Kommunikation und Wissenstransfer im Bereich Design. Seinem Stifterkreis gehören aktuell mehr als 300 Unternehmen an. Der Rat für Formgebung wurde 1953 auf Initiative des Deutschen Bundestages gegründet, um die Designkompetenz der deutschen Wirtschaft zu stärken. Einmal im Jahr krönen die Fachmenschen die besten Designideen Deutschlands. Einen der Awards können sich im Februar Oliver Schau und Mario Pitsch abholen. "Das ist für uns ein Riesending", sagt der gebürtige Chemnitzer, der seine Heimatstadt noch regelmäßig besucht, um Freunde und Familie zu treffen.

Im Jahr 2005 verlässt Mario Pitsch seine Geburtsstadt. Er geht nach Halle. Dort steht eine der bekanntesten Designhochschulen Deutschlands, die Burg Giebichenstein. Wer in Sachen Entwicklung und Entwurf mitreden will, versucht beispielsweise hier sein Studium zu absolvieren. Gleich nach dem Abitur schickt Mario Pitsch erste Entwürfe ein. "Vor allem Skizzen aus meiner Schulzeit", erinnert er sich. Angenommen wird er damit nicht. "Da bin ich wohl zu lax an die Sache gegangen." Also setzt er sich hin, legt eine neue Grafikmappe an, bringt Entwürfe zu Papier, die seine späteren Dozenten begeistern. Nach der zweiten Bewerbung darf er sich einschreiben. Er studiert, bekommt seinen Bachelorabschluss und geht an die Hochschule der Bildenden Künste in Hamburg, um hier seinen Master draufzusetzen. In der Hansestadt lernt er seinen späteren Kompagnon kennen. Oliver Schau. Beide begeistern sich fürs Produktdesign. Sie wollen künstlerisch arbeiten, aber für die Praxis entwerfen. Nach Ende ihrer Ausbildung gründen sie ihr Studio "Pitsch & Schau". Dass sie nun schon zwei Jahre nach der Firmengründung preisgekrönt arbeiten, sehen Mario Pitsch und Oliver Schau als Ansporn: "Das ist alles andere als gewöhnlich. Allerdings kann einem in der Designbranche immer ein guter Wurf gelingen, ganz egal, ob das zu Beginn oder am Ende der Karriere ist. Es zählt allein die Idee, die zum Zeitgeist passen muss", so Mario Pitsch. Bento ist das passende Beispiel. Kein Veranstalter organisiert heute Großevents ohne Schutz. Die beiden Designer transformieren die notwendige Abgrenzung in Gemeinschaftlichkeit, schaffen Nähe statt Distanz, Vertrautheit statt Befremden. "Eine ursächlich negativ belegte Schutzeinrichtung führen wir einem positiven Nutzen zu, der Menschen verbindet und gemeinsame Momente generiert", so Mario Pitsch weiter.

Mit seinem Geschäftspartner fährt er nun regelmäßig die knapp 60 Kilometer von Hamburg nach Lüneburg. Dort steht ein Betongussunternehmen, das die Bento-Serie künftig produzieren wird. Etwa zweieinhalb Tonnen wiegt eine einzelne Betonbarriere, wie sie bisher in den Städten aufgebaut wird. Weil die Sitzfläche davon abgetragen wird, bringt eines der fertigen Elemente noch zwei Tonnen Endgewicht auf die Waage. Die ersten Prototypen werden nun an der frischen Luft aufgebaut, die Sitzflächen mit Lackfarbe kunterbunt bestrichen und mit Epoxidharz versiegelt. "Danach heißt es abwarten, wie die Witterung mit den Outdoor-Möbeln umgeht", weist Pitsch in die Zukunft. "Erst dann können wir in den Vertrieb starten." Rund ums Oktoberfest könnten die Betonbänke dann stehen, wenn es nach dem Chemnitzer geht, auch bei Festen in seiner Heimatstadt. "Wir sind da natürlich offen", laden die Designer interessierte Veranstalter ein.

Hingucker im öffentlichen Raum haben sie auch vorm Bento-Entwurf schon platziert. Quittegelbes Drainagerohr bauten sie zum Beispiel auf dem Unicampus in Frankfurt am Main und in Bad Homburg auf. Knapp zwei Jahre ist das her. Dafür entwickeln sie in ihrem Studio Bänke und Lümmelliegen aus unkonventionellen Materialien, wie etwa leuchtend gelbem Drainagerohr sowie handelsüblichen Kabelbindern. "Diese Form und Farbigkeit erzeugen besondere Effekte in der Betrachtung und laden einerseits dazu ein, einen veränderten Blick einzunehmen und Bekanntes zu überdenken", heißt es im Ausstellerkatalog des hessischen Skulpturen-Projektes "Blickachsen". Und weiter: Andererseits regen sie an, sich interaktiv mit dem Möbel sowie mit den anderen Nutzern oder Besuchern auseinanderzusetzen, denn die Designstücke geben auch Aufschluss darüber, wie sehr eine abwechslungsreiche Gestaltung ein kommunikatives Potenzial aufrufen kann - einen Ort des Austauschs sowie des gemeinsamen Niederlassens und Betrachtens. Ihre auffallenden Hingucker-Sitzgelegenheiten installierten sie damals temporär, mal auf riesengroßen Rasenflächen, mal an Brücken- oder Fahrradständern fixiert. Gestaltungsexperten sprechen von "Guerilla-Design", weil die Möbel den öffentlichen Raum nicht nur kurzzeitig formen, sondern ihn sich aneignen, im besten Wortsinn besetzen.

Wie steht es denn überhaupt um die Sitzkultur im öffentlichen Raum? Es sei leider ein wenig beachtetes Thema, sagt Mario Pitsch und es schwingt Bedauern in seiner Stimme mit. "Das Thema ist kompliziert", weiß er. Denn wo Bänke sind, kommen auch Menschen zusammen, die Passanten möglicherweise stören. "Dabei ist der öffentliche Raum für alle da, und wir müssen ihn uns selbst gestalten", erklärt Pitsch weiter. Nicht die Bank trage Schuld, wenn auf ihr ein Landstreicher liege. "Es ist vielmehr Aufgabe der Gesellschaft, Menschen zu integrieren, ein gemeinsames Leben eben auch an öffentlichen Plätzen zu ermöglichen." Der Platz für Sitzgelegenheiten beispielsweise in urbanen Gebieten sei jedoch klein, weil kommerzialisiert. Nicht jeder Investor, der in Städten baue, zeige auch Interesse daran, Aufenthaltsräume zu etablieren, sind sich die Designer sicher. Umso mehr setzen sie auf die positive Ausstrahlung ihrer Sitzgelegenheiten. "Ich erinnere mich gerade deshalb gern an den Aufbau der gelben Drainagemöbel in Frankfurt am Main", so Pitsch. Im Vorfeld hören sie damals immer wieder, dass die Möbel zu unbequem seien, ältere Menschen weder hinein-, geschweige denn wieder herauskämen. Was passiert ist? Kaum sitzen die ersten Senioren auf den Rohren, wollen sie gar nicht mehr hoch. "So entstehen ja überhaupt erst Gespräche zwischen Studenten und Passanten. Dieses Erlebnis hat unsere Arbeit nachhaltig geprägt."

Mit "Larry", einem ratzfatz aufbaubaren, modularen Sitzsystem, wollen die Designer von "Pitsch & Schau" nun ebenfalls für Furore sorgen. Sie setzen hier vor allem aufs Praktische: Die Elemente sind schnell und kostengünstig installiert und finden ihren Kontrast in Farbe und Material. Pate für diese hölzernen Decks mit den charakteristischen Spitzenlehnen sind auch diesmal Betonbarrieren, hier aber für den Abstand zu Baustellen entwickelte. Die Hamburger nennen diese Sperren liebevoll: "Betonschweine".

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1Kommentare
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    3
    Interessierte
    01.02.2019

    Das ist aber nicht der Schloßteich , so ein schönes Gebäude wie hier im Hintergrund hat dieser nicht , von dieser Perspektive aus gesehen steht dort im Hintergrund eine Imbissbude aus den 50ern, wo der Verkäufer am Abend Nackenschmerzen hat …



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